Überdosis Farb- und Stilberatung

Vor Jahren habe ich eine Ausbildung zur Farb- und Stilberaterin gemacht. Also, wenn ich ehrlich bin, habe ich mich einfach durch den Kurs gewürgt, weil ich einbezahlt hatte und kein Weichei sein wollte – wirklich viel konnte ich der Logik aber nicht abgewinnen. Dass nicht jedem Menschen jede Farbe gleich gut steht, wusste ich vorher schon. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass ein gesunder Mensch mit Stil im Spiegel selber sieht, ob ihm etwas steht, oder ob es ein kompletter Griff ins Klo ist. In dieser Ausbildung habe ich damals gelernt, dass es dafür aber sowas wie „Anleitungen für Dummies“ gibt. Und dass man jeden Menschen klassifizieren kann:

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Angefangen wird – gemäss dem meteorologischen Kalender – mit dem Frühlingstyp. Zu seinen Grundfarben gehört Elfenbein, Crème, Camel, Cognac und Rotbraun; so sagt es die Farbkarte.

Im Kalender und der Farbenlehre folgt dann der Sommertyp:

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Zu seinen Grundfarben gehört sanftes Weiss, Rosabeige (kein Plan, was das sein soll), Nerzbraun (noch nie vorher gehört!!) und Kokosbraun (sehr exotisch).

Logischerweise kommt dann im Ablauf der Herbsttyp. Den gibt es übrigens in der Bevölkerung am seltensten!

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Zu seinen Grundfarben gehört Eierschale, Sandbeige, Umbrabraun (nie gehört!), Bronze und Kamelbraun.

Last but not least hätten wir noch den Wintertyp, welcher in der Bevölkerung am weitesten verbreitet ist.

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Zu seinen Grundfarben gehört Reinweiss, Angoragrau, Aschgrau, Schwarz und Nachtblau.

Soviel zur Theorie der Grundfarben. Zu beachten gilt es dann beim jeweiligen Typ noch den Stil, das Material, die Musterung und die Accessoires. Und dann gilt:

Bestehende Garderobe überprüfen, Neueinkäufe überprüfen und anpassen, Stil beachten und anpassen, Farbcharaktere auf seine persönliche Stilmischung abstimmen. Also für mich klingt das im Klartext nach: „Alles wegschmeissen und neu einkaufen gehen!“ Toll, da wird sich die Brieftasche aber freuen und die Kreditkarte wird glühen. Aber bin ich dann ein neuer, erfolgreicherer, glücklicherer Mensch? Kompletter Quatsch! Als berufsbedingter Textilfreak kann ich nur sagen: Zu jedem Menschen passt das, was ihm am besten gefällt und worin er sich am wohlsten fühlt.

Als Wintertyp sollte ich in meiner Garderobe ganz viel dramatisches Reinweiss und Schwarz haben. Ich fühle mich in Reinweiss wie eine verkappte Krankenschwester und in Pechschwarz bereit für die Beerdigung. Vollkommener Blödsinn also! Und wenn man mich in eine reinweisse Bluse steckt und mein Gesicht dabei „Hilfe“ schreit, steht mir diese Farbe wohl kaum! Die Ausstrahlung sagt aus, was uns steht – nicht nur der Teint, die Augenfarbe und die Haare.

Dass eine Frau mit kaminrotem Haar vielleicht besser kein Lila trägt, sehe ich als Fachfrau sehr wohl. Ich kann ihr zwar davon abraten – wenn sie sich darin aber wohlfühlt und strahlt, werde ich mich hüten, ihr das ausreden zu wollen. Das wäre gemein. Wenn sie mich aber fragen würde: „Ich bin mir unsicher, ob mir das steht – was denken sie?“ – ja dann würde ich ihr sagen, dass es bessere Farben für ihren Typ gibt.

Ganz schlimm sind in unserem Metier (Textil) die Kundinnen, die gerade eben in einem Kurs ihren Typ bestimmen liessen und nun mit der Farbkarte durch die Läden rennen, weil sie glauben, nur noch mit „ihren“ Farben glücklich zu werden. Die Extremvariante ist: „Diese Hose wäre wunderschön, aber leider passt sie nicht zu meinem Teint, das habe ich im Kurs gelernt!“ Toll, liebe Kundin…wie oft halten sie ihr Knie neben ihre Wange? Für uns an der textilen Kampffront sind das die harten Knacknüsse, welche uns manchmal ganz schön an den Nerven zerren. „Fräulein, dieses Blau hat den falschen Ton für meine Augen.“ oder „Hätten sie dieses Rot auch etwas dunkler, das ist drum nicht in meiner Farbkarte?!“ oder „Ich hätte gerne genau diese Bluse, einfach etwas dunkler, mit mehr Rüschen und kürzeren Ärmeln.“ Aha!!! Na dann nähen wir ihnen die doch heute Nacht sehr gerne, kein Problem….

All diese Lehren und Theorien in Ehren – Mode macht nur Spass, wenn man sie unverkrampft und mit Genuss einkauft und trägt. Und wenn sich jemand wirklich total unsicher fühlt in Sachen Stil und Farbe, so gibt es in jedem guten Fachgeschäft die Beratung, die gerne weiterhilft. Aber bitte, liebe Frauen, legt diese Farbkarten weg… Die verkomplizieren das Leben nur unnötig! Schönheit kommt bekanntlich von innen, und wer sich wohl fühlt, der strahlt. Das funktioniert auch ohne Farbkarte, da gehe ich jede Wette ein!

33 Gedanken zu „Überdosis Farb- und Stilberatung

  1. Darf ich dir eine weitere Frage stellen (auch wenn sie dir wahrscheinlich wieder überzogen erscheint).
    Ich habe verstanden, dass wenn ich braune Schuhe zur Jeans mit zum Beispiel weißem Polo trage, ist es gut, einen braunen Gürtel zu tragen, der den selben ton hat, wie die Schuhe.
    Was ist, wenn ich darüber nun einen Mantel anziehe, und man folglich den braunen Gürtel nicht mehr sieht. Ist das okay, oder muss ich etwas braunes finden, dass man auch mit Mantel sieht (zum Beispiel Handgelenkstasche).
    Viele Grüße
    Thomas

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  2. Vielleicht darf ich dir noch eine Frage stellen (auch diese ist ernst gemeint):
    Ich wollte mich nach 57 Jahren nun mal mit der Mode beschäftigen. Nun gefällt mir dein Ansatz: „Es muss dir Spaß machen!“. Doch hört für mich der Spaß auf, wenn ich mich dabei zum Trottel mache. Außerdem möchte ich natürlich, dass mich die Farben meiner Kleidung nicht krank aussehen lassen. Tatsächlich ist mir endlich klargeworden, warum ich meine echt coole hellbraune Lederjacke nie anziehe – meine Gesichtsfarbe wirkt dadurch ein bisschen, als wenn ich Seekrank wäre.
    Da ich mir jedoch nicht zutraue, dies richtig beurteilen zu können, bin ich auf die Farbentypen gekommen. Schnell war klar, dass ich ein Wintertyp bin. Und tatsächlich ist in meinem Schrank fast alles dementsprechend vorhanden. Nun wollte ich ein Verständnis dafür bekommen und fand heraus, dass ich nur kalte Farben tragen sollte. Dann haben dieselben Leute, die das schreiben eine Farbscala für mich, auf der Rot und Gelb zu sehen ist. An anderer Stelle werden genau diese Farben als warm eingestuft.
    Tatsächlich gefallen mir meine goldgelben Pullis richtig gut an mir – was ja ein noch wärmeres Gelb wäre.
    Genaugenommen verstehe ich das mit den warmen und kalten Farben überhaupt nicht – ich kann keine Temperatur irgendeiner Farbe nachempfinden – ich müsste es auswendig lernen.
    Nun wirst du sicher sagen: „Wenn du dir in goldgelb gefällst danns zieh es doch einfach an du Nervensäge!“. Ich würde es aber gerne verstehen.
    Kannst du mir etwas Licht ins Dunkle bringen?

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    • Es gibt warme Rottöne und es gibt kalte Rottöne … sobald ein Blaustich drin ist, ist es kalt. Ein Burgunderrot (mit braunem Unterton) ist ein warmes Rot – Ferrari hat ein kaltes Rot (der Unterton ist eher Orange und hat einen kaltstichigen Touch). Bei Gelb genauso … es gibt ein Maisgelb, das warm ist … oder die Sonnenblume, ebenso warm … dann gibt es aber ein Zitronengelb, das kalt ist …! Der „Unterton“ ist wichtig. Gelb ist nicht per se einfach Gelb und gehört zum Winter- oder Sommertyp … es kommt auf die Abstufung an. Und Gold ist sowieso kein Gelb … Gold hat einen Braunton … wäre also eine warme Farbe und würde NICHT in Deine Skala passen. Ich sage aber bei Beratungen tatsächlich: Passen tut, worin man sich wohlfühlt. Wenn man nämlich eine Farbe von der besagten Skala trägt, sich darin aber nicht gefällt, dann strahlt man auch nichts aus. Wenn Du aber gerne Deinen goldenen Pullover trägst und Dir darin gefällst, dann strahlst Du das auch aus!
      Es kommt einzig bei besonderen Ereignissen oder Zielen darauf an, was man trägt und was man erreichen möchte: Wenn man zielstrebig und kompetent wirken möchte, dann ist das hellblaue Businesshemd mit dem grauen Anzug immer richtig. Der Nadelstreifen wäre da falsch: Der ist eher für den Heiratsantrag gedacht. Noch Fragen?

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  3. Ich hätte da mal 3 Fragen: Ich will auf der einen Seite nicht langweilig aussehen und mich nur auf eine Farbe beschränken und auf der anderen Seite möchte ich nicht wie ein Clown mit zig verschiedenen Farben rumlaufen. Ich habe irgendwo gelesen, dass man max. 3 Farben kombinieren sollte.
    1. Siehst du das auch so?
    2. Zählen unterschiedliche Farbtöne als eine oder zwei Farben (z.B. dunkelblaue Hose mit hellblauem Shirt)
    3. Ist das bei Grau und schwarz genauso?

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    • Ich bin mir grad nicht so sicher, ob Du mich jetzt veräppelst mit den Fragen, aber ich antworte mal auf die Gefahr hin, mich zum Affen zu machen: 1. nö, diese Aussage ist schon lange überholt. Mut zur Farbe gerade in der Männermode macht Spass. 2. Darüber lässt sich streiten … ich zähle jede Farbe, wenn sie nicht absolut identisch ist, einzeln. 3. Das Kombinieren von Schwarz und grau ist ein Kunst für sich, um nicht Gefahr zu laufen, dass das Grau wie ein ausgewaschenes Schwarz aussieht. Schwarze Hose und hellgraues Hemd perfekt … bei Antrathiz ist Vorsicht geboten.

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      • Oh, war diese Frage wirklich so abwegig? Dann habe ich mich hier blamiert – diese Frage war wirklich ernst gemeint. Vielen Dank, dass du mir geantwortet hast!

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  4. Super Artikel! Hier noch eine Anekdote: Ich habe eine Kampfkunstschule. Bei uns erkennt man die Graduierung an den Farben der T-Shirts ähnlich der Gürtelfarben im Judo. Anfänger tragen weiße Shirts. Da fangen doch tatsächlich bei dem Probetraining manche an mit mir zu diskutieren, dass ihnen weiß nicht steht. Das ist so, als würdest du als Anfänger in eine Karateschule gehen und dem Lehrer erklären, dass du den schwarzen Gürtel anziehen möchtest, weil du ein Wintertyp bist.
    Aber abgesehen davon hat mich diese Farbenanalyse echt kirre gemacht. Ich frage lieber meine Frau was mir steht und was nicht und halte mich daran (ich selbst sehe das einfach nicht).

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  5. Ich kugle mich wieder mal vor Lachen und danke Dir von ganzem Herzen dafür 😀 Ich hoffe, dass dieser Blog auch von ganz vielen Männern gelesen wird, alleine schon wegen den Farbbezeichnungen 😉 Diese Zeilen sind wirklich sehr lehrreich 😀 Ich weiss nicht, welcher Farbtyp ich bin, bin aber auch sehr froh darüber, dass ich es nicht mehr schaffe, meine Knie neben die Wangen zu stellen 😀

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  6. Also wollen Sie damit sagen, dass Sie NICHT mit den Knien neben den Ohren durch die Stadt gehen?! =O
    Wir sind wohl Anti-Farbkarten-Typen. Wird jetzt eine fünfte Jahreszeit kreiert?

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  7. Also wollen Sie damit sagen, dass Sie NICHT mit den Knien neben den Ohren durch die Stadt gehen?! =O
    Wir sind wohl Anti-Farbkarten-Typen. Wird jetzt eine fünfte Jahreszeit kreiert?

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