Zwischen den Zeilen

Könnt ihr auch zwischen den Zeilen sprechen? Oder noch besser: Könnt ihr zwischen den Zeilen verstehen? Eigentlich ganz einfach, aber kann zu richtig dämlichen Erwachsenenspielchen führen. Bestimmt haben das alle im Alltag schon tausend mal erlebt, manche beherrschen es aus dem Effeff, andere tappen vermutlich immer wieder in die Falle. Ein Beispiel gefällig?

„Schatz, es hat keine Milch mehr.“ Einfacher Satz, aber in x-verschiedenen Varianten zu interpretieren. Will er mir nun damit sagen, dass ich hätte einkaufen sollen? Soll das ein Vorwurf sein? Ist er vielleicht einfach nur durstig? Will er, dass ich nun zur Tankstelle renne und Milch hole? Oder möchte er einfach nur feststellen, dass es keine Milch mehr hat?

Die devote und sehr pflichtbewusste Frau antwortet nun bestimmt mit: „Entschuldige, ich hatte heute keine Zeit, ich hole sie gleich morgen.“ Oder vielleicht sogar noch eine Stufe angepasster mit: „Sorry, ich gehe schnell zur Tankstelle und hole welche.“

Die resolute und leicht gereizte Frau kontert mit: „Na und, ist das mein Problem? Ich will ja schliesslich keine Milch.“

Diejenige, die gerade einen Kurs in Kommunikation unter Erwachsenen besucht hat, wird vermutlich fragen: „Ja, und was möchtest Du mir damit sagen?“

Und genau das ist es, was ich damit meine, wenn frage, ob ihr auch zwischen den Zeilen sprechen und verstehen könnt. Das passiert tagtächlich, wenn Sender (Sprecher) und Empfänger (Zuhörer) nicht auf der gleichen Wellenlänge sind. Und solche Gespräche können zu den grössten Streitigkeiten führen, die eigentlich gar nicht nötig wären. Und ich gestehe, dass ich diese Spiele an manchen Tagen sogar lustig finde und sie absichtlich auf die Spitze treibe. Diese Spiele funktionieren nicht nur mit der Sprache, sondern auch nonverbal. Ein weiteres Beispiel gefällig?

Frau sitzt am Frühstückstisch und trinkt Kaffee. Mann sitzt daneben und macht sich mit der Zeitung breit. Ein tiefes Seufzen und ein vorwurfsvolles Augenrollen zum Göttergatten und er wird mit ziemlicher Sicherheit fragen: „Ups, sorry, hast Du zu wenig Platz?“ Na also, funktioniert doch, auch ohne Worte!

Auf besonders eindrückliche Weise habe ich diese Art der nonverbalen Kommunikation in meiner Ausbildung zelebriert. Ich habe diesen einwöchigen Intensivkurs damals übrigens gehasst. Der Auftrag der Kursleiterin war folgender: „Jeder sucht sich auf der Terrasse einen Platz und kreiert sich einen kleinen Garten, mit dem er nonverbal symbolisiert, wie er auf die anderen zu sprechen ist.“ In meinem Kopf wurde in diesem Moment der Schalter auf „Sie-können-mich-alle-mal“-Modus gekippt und ich kam mir vor, wie ein verkappter Gartenbauer mit Hang zur Psychologie. Alle rasten also los, um sich Tannenzapfen, Blümchen, Gras, Steine und allerlei hübsche Dinge zu suchen. Jede wollte den einladensten Garten kreieren. Ich dachte nur eines: Wie werde ich euch alle am besten los? Da diese Ausbildungswoche in einem Seminarhotel stattfand, machte ich mich in den langen Gängen und Stockwerken auf die Suche nach Kakteen. Und ich wurde fündig. Mein Garten war in Rekordzeit zum Bunker gebaut. Ich setzte mich im Schneidersitz auf die Terrasse, um mich herum lauter Kakteen, verschränkte die Arme und wartete auf die Reaktion.

Die Kursleitern beäugte schiesslich jeden Garten sehr genau und meinte bei mir mit kritischem Stirnrunzeln: „Ich glaube, dass Daniela ihre Ruhe vor uns haben möchte.“ Wie clever! Sie hatte es gemerkt. Ziel erreicht! So viel zum Thema nonverbale Kommunikation. Diese Spiele funktionieren ohne Worte tatsächlich noch besser, es braucht auch nicht zwingend immer ein Kaktus in Griffweite zu sein, um jemandem zu verdeutlichen, dass er einen in Ruhe lassen soll. Ein böser Blick tut’s auch!

4 Gedanken zu „Zwischen den Zeilen

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