Das knuffige Wesen im Kinderwagen

Bestimmt hat jeder schon mal selber oder bei anderen erlebt, wie man beim Blick in einen Kinderwagen zum kompletten Idioten mutieren kann. Die Stimmlage hebt sich um gefühlte 10 Oktaven und mit den Gesichtszügen könnte man locker dem Clown Dimitri Konkurrenz machen. Verständlich, die Babys in ihren Kinderwagen sind auch süss anzusehen. Aber muss man sich deswegen gleich zum Affen machen? Da kommen gequietschte Sätze wie:

„Was bist denn Duuuuuuuu für ein süüüüüüsses Määäääädchen?!“
Das Baby denkt: Keine Ahnung, ich habe keinen Spiegel.
„Neiiiiiin, hast Duuuu aber kleine Fingerchen?!“
Das Baby denkt: Ich bin ja auch erst 10 Wochen alt!
„Dieses Näääääääschen ist ja zum Fressen!“
Das Baby denkt: Bloss nicht, die brauch ich nämlich noch.
„Na Duuuu, wie heissen wir denn?“
Das Baby denkt: Also ich höre andauernd Anna, aber wie Du heisst, weiss ich nicht.
„Ach du lieber Gott, wie kann man nur soooooo süüüüüüsss sein?“
Das Baby denkt: Frag meine Mama, die schmiert mich ständig mit so klebrigem Zeug ein.
Na, bekommen wir schon die ersten Zähnchen?“
Das Baby denkt: Ich nicht, aber Du scheinst jede Menge davon zu haben.

Zugegeben, diese Antworten sind reine Mutmassungen von mir, aber ich überlege mir tatsächlich in solchen Situationen immer, was die kleinen Menschen in ihren Kinderwagen wohl denken, wenn diese Clowngesichter reingucken und in den höchsten Tönen quietschen.

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Wer weiss, ob sie nicht vielleicht denken, wir seien alle komplett durch den Wind. Vielleicht gibt es deswegen auch die Trotzphasen, weil die Kleinen sich dagegen wehren, so zu werden, wie die Fratzen, die ständig in ihren Kinderwagen geglotzt haben.

Und kann mir jemand erklären, warum 90% der Erwachsenen auf einmal in der Babysprache sprechen, wenn sie ein Baby sehen? Da gibt es nur noch Händchen, Füsschen, Näschen, Rülpschen, Fürzchen und Bäckchen. Und anstelle von leer heisst es auf einmal „lala“ oder das Essen trägt plötzlich den Namen „mämäm“. Ich habe schon Müttern zugehört, bei denen ich zuerst glaubte, dass sie eine Fremdsprache sprechen. In Wahrheit haben sie ganz einfach ihre Sprache auf Babymodus gestellt und sich damit angehört, als ob sie demnächst eine Einlieferung in eine geschlossene Anstalt nötig hätten. Wie sollen die Kleinen da lernen, sich später normal auszudrücken. Die denken sich bestimmt: „Sprecht doch wie normale Menschen mit mir, ich bin nur klein, aber nicht verblödet. Oder drückt euch etwas auf euer Sprachzentrumchen?“

Da ich mich immer schon ob solchen Situationen mokiert habe, haben mein Mann und ich NIE mit unseren Kindern in der Babysprache gesprochen. Bei uns gab es Abends die Geschichte aus dem Buch und nicht das Geschichtchen aus dem Büchlein. Wir gingen auch nicht zum Onkel Doktor, sondern zum Kinderarzt (schliesslich sind nicht alle Ärzte unsere Onkel) und auf der Strasse mussten unsere Kinder lernen, auf die Autos zu achten – nicht auf die Brummbrumms. Vielleicht konnten sie sich deshalb schon sehr früh wie vernüftige Wesen artikulieren. Zwar klein, aber eben nicht doof!

 

 

 

16 Gedanken zu „Das knuffige Wesen im Kinderwagen

  1. Ich mag Kinder sehr, aber ich bleibe eher gelassen und will keine „Füßchen“ fressen 😀 Als kleines Mädchen soll ich auch eher kritisch auf Fremde reagiert haben. Und auf „Ach ist die süß!“ kam meist ein skeptischer Blick.

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  2. Die sogenannte Ammensprache ist für die Babys ein wichtiger Schritt für ihre Entwicklung. 😉
    Warum das so ist müsste ich zuhause in den Unterlagen nachlesen. Weiss ich nicht mehr…😳

    Aber dass alles mit „lein“aufhört ist nervig und eigentlich überhaupt nicht nötig. Wer will das schon von einem Kindergartenkind im Alter von 6!!!!! Jahren hören?!

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  3. Im Psychologieunterricht haben wir gelernt, dass die Babysprache für die frühkindliche Sprachentwicklung sehr wichtig sein soll. In der Entwicklung geht es nicht darum schnell hindurch zu rasen, sondern jede Phase intensiv und dennoch in einem guten Mittelmaß zu durchleben. Eine Gradwanderung für Eltern 🙂
    Dieser Eintrag hat mich trotzdem sehr amüsiert. Denn die ein odere andere Frage habe ich mir auch schon gestellt 😀

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    • Ich denke, dass es die Dosis ist, die es ausmacht. Wenn grundsätzlich nur noch gequietscht wird und alles ein „chen“ am Wortende hat, wird’s echt peinlich. Meine beiden Kids haben sich auch ohne dieses dudu und dada prächtig zu Erwachsenen entwickelt – und wir lachen heute gemeinsam über die lala-Mamas! Danke für den Kommentar! 🙂

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  4. Bei mir, waschechte Schwäbin, gibt es ohnehin viele Verniedlichungen im normalen Wortschatz. Ich trag gern ein Kleidle und trink gern a Weinle. Hab aber mit meinen Kindern in meiner Umgangssprache gesprochen. Ergebnis: die Tochter übte schon mit einem Jahr mit Erfolg mehrsilbige Worte, der Sohn erfand seine eigene einsilbige Sprache (hat sich inzwischen zum Mehrsilber entwickelt :)). Warum viele Erwachsene Babysprache reden, keine Ahnung. Ganz schlimm finde ich es allerdings, wenn Erwachsene untereinander so kommunizieren – schauder!.
    LG Sabine

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