Wettkampf der Glucken

Jede Glucke hat das schönste Küken. Das hat die Natur so eingerichtet. Im Alltag bedeutet das nichts anderes, als dass jede Mutter das Gefühl hat, das schönste und klügste Kind zu haben. Eigentlich eine schöne Einrichtung. Wird der Spross geboren, kann er auch noch so hässlich sein, die Mama findet ihn einfach zuckersüss. Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich hatte bei meinen Kindern bei der Geburt im Wochenbett das Gefühl, die hübschesten Geschöpfe geboren zu haben. Alles andere wollte ich weder hören noch sehen, und das ist auch gut so.

Beim Heranwachsen der Kinder wurde ich aber zu jener Art von Mutter, die sehr wohl realisiert, dass der Nachwuchs nicht zwingend perfekt ist, nur weil es der Eigene ist. Meine Kinder wurden durchaus mit Ecken und Kanten ausgestattet, die zu einem eigenständigen Charakter gehören. Mit diesem Denken stand ich aber oft ziemlich alleine da. Auf dem Spielplatz oder bei den allseits beliebten Mütter-Basteltagen kam ich mir vor wie eine Rabenmutter, wenn ich meine Kinder nicht als durchwegs perfekt beschrieb. Alle anderen Mütter hatten nämlich die absolut perfekten Geschöpfe geboren. Schön, intelligent, überdurchschnittlich schnell in allem, was das Entwicklungsspektrum so zu bieten hat. Ich fand meine Kinder einfach einmalig in ihrer Art und unglaublich liebenswert, aber keineswegs über jeden Zweifel erhaben. Und das war mein grösster Fehler im Reigen der Glucken, die schon lange den Wettkampf um das schönste und beste Küken eröffnet hatten. Ich hatte ohnehin den Startschuss zum Wettkampf wohl irgendwie verpasst, denn diese Gluckenkämpfe waren manchmal derart peinlich, dass ich mich wie im falschen Film fühlte.
„Mein Kevin hat den höchsten IQ in seiner Klasse.“
„Oh, wir lassen Ramona auch gerade abklären. Wir denken nämlich, dass sie hochbegabt ist.“
„Unser Roman wird vermutlich die nächste Klasse überspringen, weil er schon so weit ist.“
„Wir haben uns das bei Sandra auch überlegt, aber da sie tänzerisch so begabt ist, möchten wir sie eher da mehr fördern.“
„Ach, sie tanzt auch? Unsere Vanessa ist bereits bei den Fortgeschrittenen im Ballett. Ihr Traum ist es, einmal als Primaballerina zu tanzen.“
„Alessia ist auch so sportbegeistert. Sie hat bei den Juniorinnen im Stabhochsprung Silber geholt.“
In meinem Kopf machte es nach solchen Gesprächen regelmässig: „Summsummsummsumm – Blablablablabla.“ Und in etwa so niveauvoll fühlten sich auch diese Gluckenkämpfe an. Also meine Kinder konnten unzählige Dinge besonders gut, aber deswegen mutierten sie nicht gleich zu Wunderkindern. Und die Tatsache, dass unser Sohn mit 3 Monaten schon Zähne hatte, brachte ihn auch nicht ins Guinessbuch der Rekorde. Auch die Tatsache, dass unsere Tochter die Wände mit Neocolor bemalte und sich damit als sehr kreativ erwies, machte aus ihr noch keinen Picasso.

Ich beschloss irgendwann, diesen Gluckenkämpfen aus dem Weg zu gehen, indem ich Schulanlässe möglichst zu meiden versuchte und bei den Kaffeekränzchen regelmässig mit Abwesenheit glänzte. Meine Kinder haben deswegen keinen Schaden genommen und sind ohne Gluckenverdienstkreuze erwachsen geworden.

 

12 Gedanken zu „Wettkampf der Glucken

  1. 😀 Sehr schön geschrieben und meiner Meinung nach absolut wahr! Ich bin zwar selbst noch keine Mutter, aber wenn man in einem ähnlichen Rahmen auf die „Überglucken“ trifft, kann man sich auch dann nicht vor den hochkarätigen Erfolgen ihres Nachwuchses schützen…
    Danke für das morgendliche Schmunzeln!

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  2. Hurra, dann geht der Kampf bei den Enkeln also wieder von vorne los – da freu ich mich ja jetzt schon! Meine werden bestimmt DIE BESTEN ÜBERHAUPT! Diesmal stelle ich das doch gleich vorn vorneweg klar, dann gibts keine Revierkämpfe!! 🙂

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  3. Mag sein,dass das bei Frauen schlimmer ist, aber Männer sind im Grunde oft genauso.
    Wenn ich mir als Vater zum Beispiel unsere Kinder anschau. Das waren damals auch die allerbesten in ihrem Jahrgang. – na ja, in manchen Dingen gabs vielleicht tatsächlich noch einpaar andere, die schöner schreiben, schneller schwimmen, fehlerfreier rechnen konnten…
    (Aber solche Streber, die da unbedingt besser sein wollten, muss man ja nicht ernst nehmen, oder?)
    Und jetzt ist das bei den Enkeln noch ein wenig perfektioniert. Qualität setzt sich mit der Zeit immer mehr durch.
    🙂 🙂 🙂

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  4. Sehr treffend 😉 danke für den Besuch in meinem „Atelier“, so komme ich in den Genuß hier zu stöbern und amüsiere mich prächtig – ich schaue wieder vorbei. Schönes Wochenende

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