Schnäppchenjäger

Es gibt Männer, es gibt Frauen, es gibt Kinder und – es gibt Schnäppchenjäger. Dabei handelt es sich um eine komplett eigene Spezies. Früher trat diese nur vereinzelt auf und war deshalb nicht sofort zu erkennen. Heute gibt es ganze Verbände von Schnäppchenjägern, die ohne Zweifel nicht zu meinen Lieblingen gehören.

Diese Spezies zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie bei Prozentzeichen glasige Augen bekommt, bei Sale-Plakaten unter Schnappatmung leidet und quer durchs Land reist, um das günstigste Angebot zu ergattern. Zur Not werden beim Kampf um die Schnäppchen auch die Ellbogen und Krallen ausgefahren und beim Zusehen wünscht man sich, der Boden möge sich öffnen, damit man darin verschwinden kann. Fremdschämen vom Feinsten! Kann mir jemand erklären, wie gross der Schnäppchenwahn sein muss, wenn man zuerst 200 Kilometer fährt, um ein Superangebot zu ergattern? Rechnet sich das wirklich, wenn man die Fahrt und die Zeit mit berücksichtigt? Ich kann mir das schlecht vorstellen. Oder muss ich mir Schnäppchenjagd einfach wie eine neue Sportart vorstellen? So ähnlich wie Schlammcatchen, einfach ohne Schlamm!

Ich versuche es möglichst zu vermeiden, während den Ausverkaufszeiten in die Geschäfte zu gehen. Es ist unglaublich, zu welchen Handlungen sich da die ehrgeizigen Jäger hinreissen lassen. Da werden Charakterzüge wie Scham und Anstand kurzerhand in der Umkleide abgelegt und die Schlacht ist eröffnet. Egal, ob man möchte oder nicht: Es kann durchaus vorkommen, dass man an- oder weggerempelt wird, auch wenn man eigentlich gar nicht auf der Jagd nach einem Schnäppchen ist. Dass dann noch gefeilscht wird, was das Zeug hält und die Vekäuferinnen meine Heldinnen sind, wenn sie dabei die Ruhe bewahren, schlägt dem Fass den Boden aus. Sätze wie
„Kann man da noch etwas machen am Preis?“
„Wird das noch billiger?“
„Können sie mir garantieren, dass das nächste Woche nicht noch weiter runtergeschrieben wird?“
gehören bei den eingefleischten Schnäppchenjägern zur Tagesordnung. Und die Tatsache, dass es keine fix geregelten Ausverkaufszeiten mehr gibt, macht das Ganze nicht besser. Heutzutags gibt es ja ständig irgendwo einen an den Haaren herbeigezogenen Rabatt. Diese Aktionen tragen Namen wie: „Drei für zwei“, „VIP-Sale“, „Pre-Season-Sale“, „Mid-Season-Sale“, „Ostersale“, „Hitzesale“ oder wie ich es nennen würde „Dauersale, um die überflüssige Ware loszuwerden“. Egal, was die Worterfinder alles kreieren. Hauptsache der Begriff „Sale“ kommt darin vor oder es klebt irgendwo noch ein Prozentzeichen. Damit ist der Jagdinstinkt der Zielgruppe geweckt.

Und wer nun denkt, meine Erzählungen seien übertrieben und an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten, der irrt gewaltig. Es geht nämlich noch viel dreister. Und ich habe das sogar selber erlebt. Eine Kundin geht mit einem Kleid, welches bereits um die Hälfte reduziert ist, in die Umkleidekabine. Kurz darauf kommt sie im Kleid raus, betrachtet sich im Spiegel und fragt die Verkäuferin: „Kann man da am Preis noch etwas machen?“ Die nette Verkäuferin antwortet mit ruhiger Stimme: „Leider nein, das Kleid ist aus der letzten Kollektion und bereits um die Hälfte reduziert. Es ist weder defekt noch aus der Mode, also gibt es keinen Grund, den Preis weiter zu senken.“ Die Kundin geht zurück in die Kabine; aber nicht, ohne vorher noch mit einem grossen Augenrollen ihrer schlechten Laune Ausdruck zu verleihen. Kurze Zeit später kommt sie wieder aus der Kabine, schwingt frohlockend das Kleid in der Hand, schaut der Verkäuferin siegessicher in die Augen und sagt: „Hier an der Schulter ist ein Faden herausgezogen. Das Kleid ist defekt. Kann man JETZT etwas machen am Preis?“ Ich kann euch sagen, ich wäre beinahe explodiert ob soviel Frechheit. Und ich bin mir absolut sicher, dass die Gute den Faden selber in der Kabine herausgezogen hat. Die Verkäuferin hat glücklicherweise so reagiert, wie ich mir das gewünscht habe. „Tut mir leid, aber wir verkaufen keine defekte Ware. Das habe ich nicht gesehen. In diesem Fall muss ich das Kleid leider zurücknehmen und an den Lieferanten retournieren.“ Danke, danke, danke!! Ich hätte eine Gallenkolik bekommen, wenn diese dreiste Jägerin mit ihrer Aktion noch gewonnen hätte.

Ich wäre dafür, dass man diese besondere Spezies tagsüber wegsperren würde. So dreimal im Jahr dürften sie nachts für maximal 4 Stunden einkaufen gehen. Dann würden sie mir nicht begegnen und Scham und Anstand würden vielleicht ihren Rückweg aus der Umkleide zu den Jägern wieder finden.

9 Gedanken zu „Schnäppchenjäger

  1. Hallo Daniela

    ich musste ein paar mal heftig lachen. Meine Mutter und ihre beste Freundin sind auch Schnäppchenjäger (aber nicht von der Dreistigkeit deines letzten Beispiels) und tigern ständig umher, um hier noch ein wenig Deko, da Schmuck und dort Klamotten zu kaufen. Eine wahre Pilgerfahrt, die man erlebt haben sollte. Ob sie dabei tatsächlich etwas sparen, sei mal dahingestellt – vermutlich nicht – aber es bereitet ihnen Spaß. Es ist wie ein Hobby. Vergleich es vielleicht in etwa mit Geocaching. Man geht auf eine Suche, ein Abenteuer und vielleicht fährt man abends glücklich nach Hause, weil man einen kleinen Schatz erbeutet hat.

    Selbst kaufe ich Kleidung im übrigen fast ausschließlich im Sale. Das meiste ist (ob fragwürdiger Qualität) zu teuer (würden wenigstens die Produzenten daran verdienen.. aber das tun sie nicht). Qualitativ hochwertige Kleidungsstücke lasse ich mir als arme Studentin immer schenken 😀

    Liebe Grüße!

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  2. Dein Schreibstil gefällt mir gut. 🙂 Ja, ich bin auch immer wieder über die Dreistigkeit mancher Menschen überrascht. Ich bin auch kein Schnäppchentiger, da gibt es dann sowieso selten meine Größe. Bin überhaupt nicht so der Shopper.

    Herzliche Grüße,

    Caroline

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