Die Sache mit den Genen

Ein kleines Menschlein wird geboren, und schon geht die Suche nach dem Erbgut los. „Die Nase hat er ganz vom Papa.“
„Die Lippen sind aber von der Mama.“
„Der schiefe Zeh ist genau wie bei der Oma.“
„Die Form der Ohren hat er vom Opa.“

Im Verlauf der Monate und Jahre können sich diese Ansichten schlagartig wieder ändern. Je nach Betrachter. Dann kommt stattdessen die Sache mit den Talenten. Bei der ersten schönen Zeichnung des heranwachsenden Sprosses geht die Suche nach dem Ursprung los. Bestimmt ist das Künstlerische von der Mama. Sollte der Spross handwerklich begabt sein, streiten sich Papa und Opa darum, von wem er nun dieses Talent hat. Grundsätzlich steht aber eines fest: Alle Eltern sehen in ihrem Kind ganz besondere Talente. Rückblickend – als Mutter von erwachsenen Kindern – finde ich es lustig, wie wir uns damals ausgiebig und oft stundenlang darüber unterhalten konnten, was unsere Kinder besonders gut können. Und bluffen war Pflicht, schliesslich konnte man sich ja nicht lumpen lassen.

So, und jetzt frage ich mich doch immer wieder: Was lief bei mir schief? Wo ist mein Erbgut abgeblieben? Meine Mama ist DIE Köchin schlechthin – eine wahre Künstlerin mit Pfannen und Töpfen. Ich schaffe es gerade mal, eine Büchse Ravioli zu öffnen und warm zu machen (hin und wieder lasse ich sie auch anbrennen). Meine Mama näht sich nach dem Mittagessen (quasi zum Nachtisch) einen neuen Blazer (sie ist Damenschneiderin). Ich nähe mit Ach und Krach einen Hosenknopf an, der genau so lange hält, bis man ihn das erste mal anfasst. Schwupp, ist er wieder weg! Meine Mama kann unglaublich schön malen. Mein Talent beschränkt sich auf Malen nach Zahlen – und das auch nicht besonders erfolgreich. Meine Mama bäckt so ziemlich alles, was man sich an Kuchen und Cakeversionen vorstellen kann. Ich ruiniere noch die Fertigbackmischung. Toll – die Talente von meiner Mutter haben mich ganz offensichtlich übersprungen und sind bei meiner Tochter gelandet. Herzlichen Dank auch.

Dann gibt’s da aber noch den Papa. Der hat ein überdurchschnitttliches Geschick für alles Handwerkliche! Wenn ich einen Nagel einschlage, ist anschliessend die Mauer renovationsbedürftig und der Daumen blau. Mein Papa ist der König des Gartens. Ich kann nicht einmal das Unkraut vom Hibiskus unterscheiden. Mein Papa kann Autofahren, dass man denken könnte, er habe bei den Formel 1 – Piloten gelernt. Ich schaffe es locker, meinen Wagen um eine Parksäule zu wickeln – zur Freude der Carrosserie. Und mein Papa baut so ziemlich alles zusammen, was man zusammenbauen kann. Ich habe die Vorstellungskraft einer toten Stubenfliege und fange gar nicht erst an, etwas zusammenbauen zu wollen. Wunderbar, dann haben die Talente da also auch einen grossen Bogen um mich gemacht.

Nach wem zum Teufel komme ich also nun? In Sachen Optik ist sich das Umfeld nämlich auch nicht einig. Die einen sagen, ich sei total der Vater. Die anderen meinen, je älter ich werde umso mehr sehe ich der Mama ähnlich. Soso, na was denn nun? Wenn ich in den Spiegel schaue sehe ich nämlich einfach….mich!

Meine Eltern sind beides Sturköpfe! Hurrah, wir haben eine Übereinstimmung! Mein zweiter Name könnte nämlich STUR sein. Ich habe schlanke und schöne Beine, mein Papa auch. Na also, geht doch! Ich beisse mich wie ein Pittbull durch unangenehme Situationen – danke Mama! So langsam kommen wir der Sache näher. Aber irgendwie sind das doch nicht wirklich genetisch bedingte Talente. Hat man mich denn vollkommen talentfrei in diese Welt gesetzt? Doch, da war doch was: Ich bin sprachbegabt – meine Eltern nicht unbedingt. Ich schreibe für mein Leben gern – meine Eltern nicht. Ich liebe Tiere – meine Eltern leben gut und gerne ohne Tiere.

Bei etwas lässt sich meine Herkunft aber definitiv nicht leugnen: Wenn ich mir aber etwas in den Kopf gesetzt habe, stur auf mein Ziel lossteuere, keinen Millimeter abweiche und dazu noch keife, dass sich die Balken biegen, dann weiss ich, dass ich definitiv das Kind meiner Eltern bin. Ich höre mich an wie die Mama und gehe mit dem Kopf durch die Wand wie der Papa. Das hat mir schon oft geholfen. Dankeschön!

 

20 Gedanken zu „Die Sache mit den Genen

  1. Wirklich sehr gut geschrieben ☺️ ich stelle mir diese Frage auch oft, was ich eigentlich so von meinen Eltern habe! Äußerlich ist es eher ein Mischmasch und von den Charakterzügen bin ich definitiv Papa und ein bisschen Mama 😄
    Ach Mensch ich Schweif zu sehr aus 😆 aber wirklich gut 👍

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  2. Hallo Daniela!
    Ich finde deinen Blogeintrag sehr spannend. Bei dem Stichwort stur musste ich schmunzeln. Das ist auch der große gemeinsame Nenner in meiner Familie. Aber ich glaube, ich bin die Sturste von Allen =)

    Es freut mich zu lesen, dass du dank deiner vererbten Sturheit und Stärke gut durchs Leben navigieren kannst und erreichst, was du dir in den KOpf gesetzt hast. Das ist eine sehr nützliche Fähigkeit.
    Liebe Grüße sendet Susanne

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  3. Super, dein Post gefällt mir sehr! Ich habe auch viele Talente und Interessen, wo ich nicht weiß, woher, aber ich bin stolz drauf, dass ich nicht so bin, wie meine Eltern, bin schließlich ein ganz eigenes Individuum. 🙂 Mein Aussehen habe ich eher von Papa, die Locken von beiden, besonders von Mama. 🙂

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