Schreiben von A – Z: L = Longdrink

Bevor ich überhaupt erzähle, was mir passiert ist, soviel vorne weg: Ich trinke eigentlich niemals Alkohol. Ja, selbst mit fast 48 Jahren hat sich das nicht geändert. Ich mag keinen Wein, verabscheue Bier, finde Sekt ätzend und bin deshalb auch immer diejenige, die nach einem Fest den Wagen lenkt. Immer mit stolzen 0,0 Promille!

Bis auf letzthin, an jenem ominösen Abend in einer Hotelbar mit meinem Mann und meiner besten Freundin. Die beiden Lieben tranken ein Bier, ich bestellte einen Longdrink. Ich muss gestehen, dass ich bis heute nicht weiss, was da alles drin war – das meiste davon habe ich noch nie gehört. Einzig der Ananassaft war ausschlaggebend, dass ich diesen Drink bestellte. Ich liebe Ananassaft. Dumm war, dass ich ziemlich durstig war und diesen Drink runterschüttete wie meine übliche Cola Zero. Das Zeug schmeckte so lecker, dass ich es gleich ein zweites mal bestellte. Da wusste ich noch nicht, dass ich am zweiten Drink gerade noch ein einziges Mal nippen würde. Der Kellner nahm die zweite Bestellung entgegen, machte sich auf den Weg zum Shaker und ich hatte offenbar gerade eine Karte für ein paar Runden auf dem Kettenkarussell gelöst. Mir wurde schlagartig schwindelig und ich musste mich am Stuhl festhalten, um nicht in die Bar zu kippen. Dazu kam ein derartiger Lachanfall, dass mir die Wimperntusche über die Wangen lief. Natürlich fanden mein Mann und meine Freundin das derart witzig, dass sie sich auch kaum noch halten konnten, weil sie über mich so lachen mussten. Kein Mensch wusste, warum wir lachten, am allerwenigsten ich. Mein Kopf fühlte sich ganz schummerig an, meine Beine wurden schwer wie Blei und meine Ohren wurden auf einmal richtig heiss. Mir wurde das Ganze richtig unheimlich, denn ich kenne das Gefühl, betrunken zu sein nur vom Hörensagen.

Nun ja: Bis der Kellner mit dem Longdrink Nummer zwei an unserem Tisch war, hatte sich mein Lachanfall in eine komische Phase zwischen Panik und Übelkeit verwandelt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf mein Zimmer kommen sollte und ich hatte Angst, mich in der Bar übergeben zu müssen. An Glas Nummer zwei nippen zu können, grenzte an einen wahren Kraftakt, denn meine Arme waren so schwer, dass ich sie kaum noch heben konnte.

„Ich muss sofort in mein Bett“, brabbelte ich vor mich hin. Dem Lachen der Anderen war zu entnehmen, dass ich ganz schön gelallt haben muss. Ich konnte meine Zunge nicht mehr richtig kontrollieren und ich hasste dieses Gefühl. Mein Mann bezahlte in Windeseile die Rechnung und schnappte meine Jacke und meine Handtasche. Ich klammerte mich an meiner Freundin fest, die mir zuredete und meinte: „Schön langsam bis zum Lift, wir schaffen das.“ Im Nachhinein frage ich mich, warum sich das manche Leute regelmässig antun. Dieses Gefühl ist – gelinde gesagt – richtig beschissen!

Ich schaffte es bis ins Zimmer, aber nur dank Unterstützung von meinen zwei Helfern. Und ich schaffte es nicht alleine in meinen Pyjama. Wie ein zappelnder Käfer lag ich auf dem Bett und musste mich von meinem Liebsten zuerst aus- und dann wieder anziehen lassen. Was war nur mit mir passiert? Zähneputzen ging nur mit Sicherheitshaltung meines Mannes und der Gang zum Bett fühlte sich an, als ob er mindestens fünf Kilometer lang wäre. Auf dem Rücken liegend wurde ich zugedeckt, mein Mann löschte das Licht und meinte noch: „Augen zu und schlafen.“ Ich setzte das Ganze etwas anders um: Augen zu und los geht’s! Drehen ohne Ende. Immer in die gleiche Richtung. Ich hatte Atemnot, Schweissausbrüche und das Gefühl, diese Nacht nicht zu überleben.

Geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht wirklich viel und ich weiss jetzt noch tausend mal besser, warum ich keinen Alkohol trinke. Es fühlt sich einfach nur schlecht an und tags darauf hatte ich erst noch üble Kopfschmerzen. Ich habe nie getrunken und werde es auch niemals tun. Null Suchtpotenzial diesbezüglich, denn wenn ich Lust aufs Kettenkarussell habe, dann gehe ich zum Rummelplatz. Longdrink – niemals wieder!

25 Gedanken zu „Schreiben von A – Z: L = Longdrink

  1. Ich hoffe du nimmst mir das nicth übel wenn laut gelacht habe.
    Wieder nicht darüber, dass du diese unschöne Erfahrung machen musstes sondern darüber wie du deine über deine Erfahrung schreibst.. da tauchten doch tausend witzige Bilder in meinem Kopf auf… sry 😀

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  2. Ich trinke auch eher wenig und keine harten Drinks, aber so schnell so betrunken? Das klingt nach k.o. Tropfen. Aber Witz beiseite, wohl eher nicht, da dein Mann und deine Freundin dabei waren. Offenbar tut dir Alkohol nicht gut, da ist es auch gut, dass du ihn sonst meidest.

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  3. Sowas kann einem immer mal passieren, auch mit 48, mir ists mal passiert als ich meinen 60. Geburtstag mit Verwandtschaft in einem Lokal gefeiert hab, da konnte ich auch kaum mehr gehen, zuviel Campari, und den trinke ich ja für mein Leben gern. Du siehst ich bin schon ein paar Jahre älter und dann mach noch 5 dazu jetzt, dann stimmts
    😆 Auch mit 65 kann man noch dumme Sachen machen, Udo Jürgens hat gesungen
    mit 66 Jahren da fängt das leben an
    dann will ich mal sehen was da noch so alles passiert

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  4. muss so sein
    denn von einem Longdrink kann man eigentlich nicht so reagieren.
    ich trinke keine, deshalb weiss ich es nicht
    nichts durcheinandergemischtes.
    keinen Wein
    schon gar keinen Rotwein
    dann krieg ich Migräne ohne ende
    das einzige was ich vertrage ist mal ein Wodka Pur
    aber sehr selten
    das schmeckt nach nichts und macht keinen Kopfschmerz

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