Schreiben von A -Z: O = Opernbesuch

Für alle, deren Opernherzen nun höher schlagen: Sorry, das wird keine Ode an die Oper. Im Gegenteil. Meine Geschichte handelt eher von einem Kindheitstrauma (sorry, liebe Eltern).

Opernliebhaber, oder überhaupt Liebhaber der klassischen Musik, kennen bestimmt alle die Salzburger Festspiele. Diese Festspiele sind das weltweit bedeutendste Festival der klassischen Musik und finden jeden Sommer im Juli und August statt. Opern wie Fidelio, Le nozze di Figaro, Norma, Il trovatore oder Rosenkavalier sind nur ein kleiner Auszug aus dem illustren Feuerwerk an hochkarätigen Aufführungen. Ja, und weil meine Eltern Freunde in Salzburg hatten und erst noch Fans von solchen Aufführungen sind, gehörte der Besuch besagter Festspiele in meiner Kindheit zum Bildungsprogramm. Ich war vielleicht 10 Jahre alt, wurde von meiner Mama in ein wunderschönes langes Kleid genäht (als Damenschneiderin war sie natürlich in der Lage, mir mein Prinzessinnenkleid selber zu nähen), packte mein Köfferchen und durfte meine Eltern begleiten. Ich weiss nur noch, dass man mir im Vorfeld erzählte, dass das etwas ganz Besonderes sei und ich weiss aus Erzählungen, dass ich ein überdurchschnittlich einfaches Kind war, welches man überall hin mitnehmen konnte. Auch an die Salzburger Festspiele….

Inzwischen haben sicher alle gemerkt, dass dieses Erlebnis ganz offensichtlich nicht wegweisend war, um die Klassik zu lieben. Im Gegenteil. Also über mein schönes Kleid habe ich mich sehr gefreut. Auch darüber, dass mich darin alle wahnsinnig süss fanden. Und dann ging der Opernmarathon los. Ohne Abendessen (das weiss ich noch, weil mein Magen immer knurrte) reihten wir uns am Eingang in all die schönen Roben ein. Bei der Treppe nach oben stand ich versehentlich einer Opernmatrone mit einem überdimensionierten Kleid auf die Schleppe. Wenn Blicke töten könnte, wäre ich vermutlich mit meinen zehn Jahren in Salzburg im Opernhaus gestorben. Mein Herz klopfte wie wild und ich klammerte mich an der Hand meiner Mutter fest. Ach ja: Habe ich schon erwähnt, dass ich weisse Handschuhe zum Kleidchen trug? Das vergesse ich auch nie mehr, denn die fand ich besonders schön.

Nun gut. Wir setzten uns mit unseren schönen Kleidern auf unsere Plätze und ich harrte der Dinge, die da nun kommen würden. Und sie kamen. Laut, schrill und – für mein Verständnis – einfach nur schrecklich. Diese grossbusigen Diven trällerten Töne, dass sich mein Trommelfeld bis zum Anschlag bog. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es solche Töne überhaupt gibt. Bestimmt haben diese einen passenden Fachbegriff. Für mich waren sie einfach nur kreisch-ätzend-mega-gruselig hoch oder brumm-groll-erwürgend tief. Und der Schrecken dauerte – nach wie vor mit knurrendem Magen – über zwei Stunden. Ich muss echt ein unglaublich liebes Kind gewesen sein, denn meine Kinder hätten wahrscheinlich nach den ersten zwei Tönen die Flucht ergriffen. Ich war und blieb lieb. Ich erinnere mich, dass ich noch nie in meinem Leben so spät zum Abendessen gegangen war. Die Freunde meiner Eltern hatten nämlich in einem Restaurant reserviert, wo wir erst nach 22 Uhr eintrafen und dessen Karte erst noch nicht kinderfreundlich war. Und wisst ihr was? Ich war immer noch lieb! Meine Güte, solche Kinder wie mich hätte ich auch gerne ein paar gehabt. Witzigerweise erinnere ich mich noch heute an das Bild, wie ich meine kleinen weissen Handschuhe fein säuberlich neben den Teller legte. Wie eine Fotografie ist dieses Bild in meinem Kopf eingeprägt, keine Ahnung, warum das so ist.

Tatsache ist, dass mich kein Mensch mehr in die Oper bringt. Höre ich klassische Musik, stellen sich meine Nackenhaare zu Berge und ich kann nicht verstehen, wie man das schön finden kann. Und weisse Handschuhe finde ich auch nicht mehr besonders schön. Lange Kleider gefallen mir nach wie vor, aber wenn ich heute mal eins tragen muss, dann bin ich stets auf der Hut, dass ich niemandem auf die Schleppe trete. Diese Salzburger Festspiele vor rund 38 Jahren haben mein Musikverständnis in Sachen Klassik an einem Abend zunichte gemacht. Das höre ich ja noch lieber Schlager…

28 Gedanken zu „Schreiben von A -Z: O = Opernbesuch

  1. Mein Freund und ich sind Klassikfans. Nicht unbedingt von Opern, aber in klassische Konzerte gehen wir sehr gern.
    Ich kommentiere aber vor allem, da ich als Kind ein ähnliches Erlebnis hatte. Mit meinen Eltern war ich auf einen großen Sommerfest. Es gab Eis und Fahrgeschäfte und all diese Dinge die Kindern so Spaß machen. Den Abschluss sollte aber ein Pop-Rock Konzert bilden. Ich kannte den Musiker von den CDs meines Vaters und habe mich daher sehr auf das Konzert gefreut. Dann fing die Musik an. Und sie war laut. Viel zu laut für meine Kinderohren. Die taten richtig weh. Dazu kam der Bass. Ich hatte das Gefühl, dass der ganze Boden vibriert und mein Herz gleich mit. Ich habe angefangen zu weinen und wollte unbedingt nach Hause. So stoisch wie du konnte ich nicht durchhalten.
    Ich höre immer noch gern Rockmusik. Auf einem Live Konzert war ich aber nie wieder.

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  2. Als Ich als Teenager zum ersten Mal in der Oper war, in Carmen, war ich tief bewegt und begeistert. Dann war ich noch mal da, im Rosenkavalier, das hat mir gar nicht mehr gefallen.
    Danach kamen Deep Purple und die Rolling Stones und die Oper war ad acta gelegt.
    Seit wenigen Jahren kann ich diese Art von Musik wieder genießen. Echte Musik, ohne Mikrophon, ohne Netz und doppelten Boden, alles echt.
    Die Opernaufführungen sind so gut, wie sie wahrscheinlich immer schon waren, nur das Publikum ist völlig aus der Fasson geraten.
    Gestandene Männer über sechzig Jahre besuchen die Oper in einem Outfit, dass besser zu einem Lagerfeuer auf dem Zeltplatz passt.
    Frauen die noch ein Ballkleid tragen wirken, als hätten sie sich in der Veranstaltung geirrt.
    Man/Frau kann das als Fortschritt betrachten, mir persönlich, der endlich mal wieder eine Krawatte passend zum Anlass angezogen hatte, kam es vor wie ein beklagenswerter Niedergang.
    Damals bei Carmen kam ich mir schäbig in meinem billigen Konfirmationsanzug vor.

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    • Das ist leider wirklich wahr: Auch im Theater. Die Menschen wissen nicht mehr, was sich wo gehört. Die zerrissene Jeans wäre früher nie im Leben in der Oper oder im Theater toleriert worden. Heute ist sie salonfähig, immer und überall. Ich frage mich, ob man die schönen Kleider überhaupt noch braucht, wo doch ohnehin jeder überall in Sportklamotten rumrennt. Und bei Bällen muss schon auf der Einladung geschrieben werden: Dresscode: Damen lang, Herren Smoking. Und weisst Du was? Selbst dann gibt es welche, die sich nicht daran halten und trotzdem reinkommen. Haben wir kürzlich an einem Ball so erlebt. Wir sind aufgrund des Dresscodes rumgerannt, um die nötigen Ballkleider und die Smokings zu organisieren und dann gab es unzählige in kurzen Kleidchen und Männer in sportiven Sakkos. Die würde ich ganz einfach nicht reinlassen. Schade! Werte die verkommen! 😦

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  3. ich habe auch ein sehr prägendes kindheitserlebnis, was opern angeht. meine eltern hatten nämlich kein geld und wohl auch kein ausgeprägtes interesse, hinzugehen. meine schulfreundin dagegen durfte, da waren wir in der zweiten klasse, in eine abendvorstellung der zauberflöte. wochenlang habe ich sie immer wieder ausgequetscht, mir von der königin der nacht zu erzählen, vom eis und dem sekt in der pause – und wie der eisbecher fast vom balkon aus ins publikum gesegelt wäre. ich habe nur gelegentlich meinen opa ins opernhaus begleitet, dann nämlich, wenn meine oma keine lust hatte. das war regelmäßig bei wagner der fall. was soll ich sagen? nix für kinder. dennoch bin ich jedes mal gefahren. vielleicht auch, weil meine großtante es immer schaffte, zu spät loszufahren und trotzdem pünktlich anzukommen. mit geschwindigkeitsübertretungen, die man einer alten frau wohl kaum zutrauen würde. vielleicht auch, weil sie applaudieren konnte für zehn (mindestens). bei ihr und auch bei meinem opa habe ich eine liebe zur musik gespürt, die ich zwar nicht teilen konnte, die mich aber sehr angezogen hat. wahrscheinlich, denke ich, sind es diese begeisterungen, diese verrücktheiten, die einem dinge nah bringen als kind, nicht unbedingt die sache selber.

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  4. Ha ha ha, so amüsant ich sehe dich vor meinem geistigen Auge. Das mit dem lieben Kind kann ich mir fast nicht vorstellen, schmunzel!! Da sieht mal wieder die Ungerechtigkeit, du im Spitzenkleid an der Oper und ich in Gummistiefel auf dem hornusserplatz (Schweizer Nationalsport, bauerntennis)

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  5. Dass kann ich sehr gut nachempfinden.
    Es gibt Stücke klassischer Musik, die mag ich, wenn sie leise und für mein Ohr erträglich gespielt wird. Aber diese Töne, wie Du sie beschreibst, würde ich als Vergewaltigung meiner Ohren bezeichnen. Und dieses mag ich überhaupt nicht! Nicht, dass ich ein Freund der leisen Töne bin oder nicht laut werden kann, aber ein Opernhaus kann und will ich nicht von innen sehen. Als Kind in dem von Dir genannten Alter war ich im „Vogelhändler“ , dass war schon anstrengend genug. Also nicht einmal die Operette reißt mich aus dem Sessel.
    Aber Spitzenkleidchen und Spitzenhandschuhe kann ich mir schon hübsch vorstellen.

    G. l. G. Jochen

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  6. Ich gehe eher selten in die Oper. Trotzdem habe stehe ich dieser Sparte positiv gegenüber. Das ist Verdienst meines Musiklehrers in der 6. Klasse. Wir (ca. 11 Jahre alt) nahmen den „Freischütz“ durch und lernten auf diese Weise, dass und wie man mit Musik eine Geschichte erzählen kann. Hätte man mich in dem Alter unvorbereitet in die Oper geschleppt (oder ins Ballett oder Konzert), hätte ich das wahrscheinlich nicht genießen können.

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  7. Mir geht es ähnlich. Ich habe aber aus Liebe meinen Vater, nach dem Tod meiner Mutter ein paar mal in die Oper begleitet. Nabucco hat mir sogar fast gefallen. Aber die anderen? Nada.
    Nachdem ich einmal eingeschlafen bin, sah auch mein Vater, dass ich wirklich nicht begeistert bin. Seither geht er alleine.

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