Ich, ich und ich

Bestimmt kennt ihr sie auch, die Menschen, die von nichts anderem sprechen können, als von sich. Die gründen quasi schon bei der Geburt eine Ich-AG, bestehend aus sich selber, sich selber und sich selber. Deren Lebensmittelpunkt sind sie selber und deren Lieblingsthemen beschränken sich auf ihre eigene Person. Ein richtiger Ich-Mensch schafft es locker, jedes Thema – und sei es auch noch so weit weg von ihm – turbomässig auf sich umzupolen. Das nervt so richtig!

Es gibt so ein oder zwei ganz krasse Exemplare in meinem Umfeld, denen ich möglichst aus dem Weg gehe. Gelingt das Ausweichen mal gar nicht, dann weiss ich, dass ich mir nun wohl oder übel alle Ich-Geschichten anhören muss. Ach ja, die Satzstellung bei diesen Geschichten ist übrigens immer dieselbe:
„Ich war in den Ferien.“ (Aha, ganz alleine also…).
„Ich hatte schlechtes Wetter.“ (Und alle anderen hatten dann wohl Sonnenschein).
„Ich hatte einen endlos langen Flug.“ (Die anderen Passagiere waren wohl schneller da).
„Ich bin immer so gestresst.“ (Wie gut, dass sonst alle so ein entspanntes Leben haben).
„Ich…….“
„Ich……“
„Ich…….“
Merken diese Menschen nicht, wie langweilig sie sind? Die Pubertät birgt dieses Ich-Phänomen übrigens auch. Junge Erwachsenen neigen dazu, auf dem Weg ins selbständige Leben vor allem eines zu sehen: Sich selber. Da gibt es so zwei oder drei Jahre, in welchen auch die meisten Sätze mit ich beginnen. In dieser Zeit dreht sich die Welt ausschliesslich um sie und kein anderer Mensch hat Probleme, ausser sie selber.

Wenn man sich so wichtig nimmt, kann man kaum genug Kraft haben, um auch noch etwas anderes wichtig nehmen zu können? Also ein richtig ausgeprägter Ich-Mensch sollte es tunlichst vermeiden, Mutter oder Vater zu werden. Sonst verhungert der Nachwuchs vermutlich oder wird irgendwo vergessen. Auch möchte ich keinen Ich-Menschen als Partner. Der würde ja nicht mal merken, wenn ich am Sterben wäre. Oder man stelle sich mal vor, die beste Freundin oder der beste Freund ist ein Ich-Mensch. Oh weh! Schreckliche Vorstellung! Da könnte man ja seine Probleme gleich dem Kühlschrank erzählen, der interessiert sich nämlich in etwa gleichviel dafür, wie ein Ich-Freund dies täte. Ich frage mich auch, was passiert, wenn zwei Ich-Menschen aufeinander prallen. Kann da überhaupt ein Dialog stattfinden? Eher nicht, oder? Das wären dann einfach zwei komplett autonome Monologe, die absolut gar nichts miteinander zu tun haben. Vermutlich merken die beiden Ich-Menschen das nicht einmal. Hauptsache, sie können von sich erzählen. Mir würde zwar die Vorstellung besser gefallen, wenn es beim Treffen zweier Ich-Menschen eine Schlägerei gäbe. Das wäre noch spannend zu wissen, ob die Variante dann wäre:
„Ich hatte eine Schlägerei“, oder
„Wir hatten eine Schlägerei.“
Egal: Ich mag keine Ich-Menschen. Ein gesundes Mass an Egoismus ist okey, aber wenn wirklich alles nur noch mit ich anfängt, dann nervt es. Und es macht bestimmt schrecklich einsam!

44 Gedanken zu „Ich, ich und ich

  1. Genau mein Gedanke! – Alle sind super Egoistisch und denken nur an sich und ihre Vorteile.. teilen kennen diese nicht oder Jemandem etwas gönnen.
    Alles muss sich um diese Person drehen.. – kotz!
    Danke, dass du auch so denkst 🙂 Es gibt doch noch liebe Menschen, die auch an Andere denken 🙂

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  2. ICH hab mich echt amüsiert…… 🙂

    Zitat
    “Ich hatte schlechtes Wetter.” (Und alle anderen hatten dann wohl Sonnenschein).
    “Ich hatte einen endlos langen Flug.” (Die anderen Passagiere waren wohl schneller da).

    einfach göttlich deine schreibe. grandios.
    weiter so
    alles liebe
    babs

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  3. Ich las deinen Beitrag heute morgen übers App im Zug und Antwortete. Die Antwort muss aber irgendwo im Worldwide Web anderswo hin gegangen sein.
    Egal, er inspirierte mich mal anders auf so eine Ich Person zu reagieren.
    Ich fragte einen Kollegen, dem ich jetzt nach 4 Jahren wieder begegnet bin, wie es seiner damals Neugeborenen Tochter gehe. Ob sie im Sommer in den Kindergarten komme?
    Und schon ging es los mit Lobgesang auf sein Kind.
    Dann schaute er aber zuerst von oben herab zu mir und sagte: Deine Tochter war doch damals an der HSG. Hat sie den Abschluss geschafft? Ich, von noch höher. Das war unser Ältester Sohn, der muss sich heute Entscheiden ob er der UNI Zürich oder der UNI Lausanne zum Doktorieren zusagt. Und dann konnte ich seine Wortlosigkeit nützen noch einen draufzusetzten. „Die Tochter arbeitet als Projektleiterin bei einem Hilfswerk und der „kleine“ studiert an der ETH“.
    Darauf drehte ich mich um und stolzierte von dannen und echt, es tat verdammt gut 😉

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  4. Oh, habe ich auch im Bekanntenkreis. Ich habe mich aber sehr stark von dieser Person zurück gezogen, weil mir das zu viel wurde. Seit 10 Jahren immer und immer wieder die gleichen Probleme – und wie schon geschrieben wurde, Lösungen werden nur angenommen, wenn sie in den Kram passen. Ansonsten telefoniert man so lange herum, bis man jemanden findet, der die eigene Meinung abnickt.

    Man muss sich mit Menschen umgeben, die nicht nur Energie nehmen, sondern mit denen ein Austausch statt findet. Sonst nutzt man weder dieser Person (da sie keinen Anreiz hat aus ihrem Teufelskreis heraus zu kommen), noch sich selbst.

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  5. Ist Dir auch aufgefallen, dass solche Menschen total negativ drauf sind und immer nur jammern und klagen? Lösungsvorschläge werden überhört oder mit der Erklärung „das geht bei mir nicht weil ich…“ abgetan. Sie wollen nur erzählen wie schlecht es ihnen geht. Auch Jahre später hat sich nix an deren Leben geändert.
    LG Susanne

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  6. „Ich frage mich auch, was passiert, wenn zwei Ich-Menschen aufeinander prallen. Kann da überhaupt ein Dialog stattfinden?“ 😀 😀 ICH habe jetzt herzlich gelacht.
    Ganz ehrlich, beim Lesen habe ich mich etwas ertappt gefühlt und nun Frage ich mich ob meine Einschätzung über mich selber auch richtig ist. Beim schreiben fange ich ja oft Sätze mich „Ich“ an und damit fühle ich mich manchmal schon total egoistisch, die Frage ist, ob das jetzt angemessen ist.
    Sind die Ich-Menschen das Gleiche wie die Menschen die alles und jeden mit sich selbst vergleichen? alla: „boha ich bin so fertig vom Arbeiten heute, es war so anstrengend“ „Was? Also ich war ja heute arbeiten und hab noch gelernt und die Wohnung geputzt“ oder ist das eher die Gattung über die du schon mal geschrieben hast… die, die immer einen oben drauf setzen?
    Lieber Gruß

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    • Das ist eher die Gattung der Anderen, die immer noch einen obendrauf setzen. Im übrigen ist es normal, dass man beim Bloggen meistens die Texte mit Ich beginnt, vor allem, wenn man autobiografisch schreibt. Dann schreibt man ja über sich. Aber der Leser hat ja die Wahl, ob er es lesen will, oder nicht. Und Blogger sind in der Regel darauf aus, von sich zu erzählen, sonst würden sie ja nicht bloggen. Im Gespräch ist das eine völlig andere Situation. Da hast Du die Wahl nicht, wenn Du dem Ich-Menschen schon in die Finger gelaufen bist. Dann ist es in der Regel schon zu spät…. 🙂

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  7. Meine letzte Beziehung war eine Ich-AG-Spezies-Mann. Ich akzeptierte es, da ich die Hintergründe kannte, auch wenn er es nicht so sah! Es ist das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Verständnis gewesen. Leider ist eine wahrhaftige Nähe weder zu mir noch zu seinen Töchtern möglich gewesen. Zu gefährlich für den ausgeprägten Wunsch nach Freiheit und Individualität, dabei ist er gefangen in seinen Verstrickungen. Und ja, mit der Zeit schläft einem das Gesicht ein und ja, es nervt.
    Schöner Tag und Gruß Erika

    Gefällt 2 Personen

  8. Beim Bloggen komme ich mir manchmal so vor wie eine der geschilderten Ich-AGs. Allerdings ist der Unterschied, dass man im Internet ganz einfach woanders lesen kann. Im persönlichen Gespräch ist es nicht so einfach, auszuweichen.
    Aber ich frage mich manchmal, ob solche Leute nicht aus einem Gefühl der Leere oder der Unvollständigkeit heraus handeln, und ich finde sie deshalb eher bedauernswert als nervig.

    Gefällt 3 Personen

    • Die Blogbeiträge sind auch meistens aus dem eigenen Leben, also in der Ich-Form. Bei mir auch! Da weiss man aber, dass es um den Blogger geht und worauf man sich einlässt. Aber die Ich-Menschen, welche immer nur über sich reden und auch nicht zuhören können, die nerven richtig! 🙂

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  9. Das ist ein Teufelskreis. Man will ja wahrgenommen werden, darum will man was erzählen, was man gemacht hat und was beeindrucken soll. Damit vertreibt man dann andere oder macht sich unbeliebt. Was wiederum dazu führt, dass man damit weiter macht oder es verschlimmert. Wenn man solche Menschen trifft, sind das oft gar keine Egoisten, sondern einfach missverstandene Individuen, die sich eigentlich nur nach Zugehörigkeit sehnen. Manchmal hilft es, wenn man dann denjenigen beiseite nimmt und ihm das Problem erklärt. Dann wird er/sie das schon einsehen – und wenn nicht – man hat es wenigstens versucht.
    Ich verstehe, dass es dich nervt (ja, ich!), aber es gibt für alles einen Grund. Bei vielen ist es eben tatsächlich keine Absicht sondern ein unbewusster versuch, Anschluss zu finden. So nervig es auch ist. *Klugscheissermodusaus*
    Gut geschrieben und nachvollziehbar ist es trotzdem!

    Gefällt 4 Personen

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