Bin ich wirklich so?

Kürzlich wollte einer meiner Lieblingsmenschen von mir wissen, ob er in die Schublade der Melancholiker, der Choleriker, der Phlegmatiker oder der Sanguiriker gehöre. Nachdem ich eigentlich keine Freundin des Schubladendenkens bin, las ich mir die Profile trotzdem genau durch. Und hatte ein Déja-vu der besonderen Art. In meinem Studium zur Erwachsenenbildnerin wurden wir immer wieder mit unserem Profil konfrontiert. Man lernt sehr viel über sich selber und muss sich nicht nur seiner Stärken, sondern auch seiner Schwächen bewusst werden. Es ist nicht möglich, anderen Menschen etwas beizubringen, wenn man sich selber nicht sehr gut kennt. Und das ist manchmal ein richtig harter Weg. Kennt ihr euch alle wirklich? Keine blinden Flecken?

Also ich hatte damals etliche Aha-Erlebnisse, vor allem wenn es darum ging, mich selber zu beschreiben. Mein Bild von mir über mich sah nämlich nicht selten total anders aus als das, welches meine Mitstudenten über mich hatten. Bis zum Ende des Studiums war mir auch klar, warum das so war. Man kreiert von sich selber nicht selten ein Bild, welches vor allem dem entspricht, welches man gerne haben möchte. So nach dem Motto: „Ich wäre gerne so, so und so – also muss das mein Profil sein.“ Oder aber man befürchtet, man könnte „so, so und so“ sein und packt das auch noch mit rein. Das kann dann ein richtiges Verzerrbild ergeben, welches die Umwelt komplett anders wahrnimmt. Die sehen nämlich nur das, was man von sich eben zeigen will. Ins Seelenleben eines Menschen kann die Umwelt ja zum Glück (noch) nicht schauen. Deshalb kann es passieren, dass das Selbstbild und das Fremdbild überhaupt nicht deckungsgleich ist. Je länger man sich damit auseinandersetzt, umso besser beherrscht man das Erstellen des eigenen Profils. Aber in eine Schublade mit 100%-iger Trefferquote passt schlussendlich eigentlich kein Mensch. Jeder hat einen gewissen Anteil von verschiedenen Eigenschaften. Eine Tendenz ist auszumachen, mal eine stärkere, mal eine schwächere. Jemanden aber mit Sicherheit in ein Schema pressen zu können, halte ich für ausgeschlossen.

Das musste auch der Lieblingsmensch verstehen. Es gibt im Leben keinen absoluten Wert, der über alle Zweifel erhaben ist. Schon gar nicht, wenn es um Charaktereigenschaften geht, welche sich im Laufe der Jahre erst noch verändern können. Das typischste Beispiel ist für mich das TV-Trashformat DSDS (Deutschland sucht den Superstar). Mag jetzt komisch klingen, aber: Dort machen sich Menschen zum Affen vor laufender Kamera, die ernsthaft der Meinung sind, sie seien die nächsten Superstars. Sie finden sich hübsch (trotz fehlender Zähne und Segelohren), super sexy (trotz 120 Kilo Kampfgewicht bei einer Körpergrösse von 1.50 m) und glauben, singen zu können, obwohl aus ihrem Mund höchstens ein Ton kommt, der einer Rückkopplung im Mikrofon gleicht. Selbst Delfine könnten solche Töne nicht mehr wahrnehmen. Das schlimmste daran ist, dass wir zu Hause am Fernsehgerät uns fragen, ob diese Menschen echt glauben, so toll zu sein. Ja, sie glauben es wirklich. Und niemand ist so ehrlich, ihnen vorher mit ehrlichem Rat zur Seite zu stehen. Viel lieber lässt man sie blind ins Leere laufen und lacht sich noch schlapp darüber. Wie nett! Die Wahrnehmung dieser selbsternannten Talente entspricht nämlich einfach nicht der Realität. Sie sehen sich so, wie sie sich gerne sehen möchten – und das tun sie so fest, dass keine Chance mehr besteht, dieses Bild in drei Minuten vor der Kamera korrigieren zu können. Traurig, aber wahr. Wie gut, wenn man sich da hin und wieder nach der Fremdwahrnehmung erkundigt. So kann man allfällige „Korrekturen“ anbringen, bevor man bei DSDS landet. Denn dort wird man höchstens vor laufender Kamera kaputt gemacht. Also lieber einmal ehrlich zu sich selber sein und das Traumbild vom Umfeld notfalls korrigieren lassen. Im persönlichen Rahmen tut es weniger weh, als wenn man in der Öffentlichkeit vorgeführt wird!

23 Gedanken zu „Bin ich wirklich so?

  1. Wieder ein sehr interessanter Artikel, vielen Dank. Eine Erfahrung und ein Gedanke zu Deinem Beitrag:
    Ich saß vor zwei Wochen das erste Mal bei einem Homöopathen in der Praxis, den ich persönlich kenne, weil ich meine Gesundheit erhalten will.
    Da ich Probleme mit meinem wechselhaften Temperament habe, fragte er mich wie es mir geht. Ich sagte: „Sehr gut.“ Er sagte: „Es kommt nicht darauf an, wie Du Dich fühlst, sondern darauf, wie Dich die anderen wahrnehmen.“
    Die haben mich dann darauf hingewiesen, dass es mir wieder mal zu gut geht und ich etwas unternehmen muss. Das habe ich eingesehen und etwas unternommen.
    Dann habe ich noch einen Gedanken zu DSDS. Diese Sendung ist wie viele andere eine scriptet reality soap.
    Im Grunde sind alles schlecht oder gar nicht bezahlte Schauspieler, die natürlich jede Rolle spielen, die man ihnen anbietet, so wie jeder andere Schauspieler auch.
    Den einen bezahlt man Geld und den anderen verspricht man das
    Blaue vom Himmel herunter um sie zu verarschen. Im Grunde genommen ist DSDS ein einziger Borat-Film.

    Gefällt 1 Person

    • Jetzt habe ich also echt was dazugelernt: Du meinst also, die Typen bei DSDS sind gar nicht echte Kandidaten, sondern gefakte (Schauspieler). Wenn das wirklich so ist, dann bin ich echt dämlich und habs all die Jahre nicht bemerkt. Bei den Richtershows und Familienkriegshows, da wusste ich das. Aber bei DSDS…ich dachte wirklich, dass das einfach ziemliche Deppen sind, denen keiner sagt, dass sie es besser lassen sollten. Jetzt bin ich verwirrt! 😦

      Gefällt 1 Person

      • Ich glaube in der Regel sind das wahrscheinlich wirklich Deppen, die den Mist mitmachen und sich öffentlich Bloß stellen lassen. Sie sind aber auch Schauspieler, wahrscheinlich ohne es zu wissen und ohne dafür bezahlt zu werden und sielen genau die Rolle, die man ihnen zugedacht hat. Aber ich traue den Damen und Herren durchaus zu, dass sie auch einen bezahlten Schauspieler nehmen, wenn Sie den Deppen, den das Drehbuch vorgesehen hat nicht finden, so what?
        Allerdings Glaube ich, das der Grandprix Eurovision von vorne bis hinten gefakt ist. Der Sieger steht vorher fest und die Bauplände für den nächsten Musiktempel im Siegerland ist längst fertig und die dicksten Aufträge sind schon vergeben. Die Musik kommt sowieso fast alle aus dem selben Studio in Schweden. Ich habe mal einen Journalisten kennen gelernt, der Stein und Bein geschworen hat, dass er die komplette Liste mit der richtigen Platzierung gesehen hat 48 Stunden bevor der Wettkampf stattgefunden hat.
        Früher habe ich mit meinen Kindern auch immer DSDS geschaut und wir hatten eine Menge Spaß dabei. Der Grandprix wurde in meiner Jugend immer gefeiert, wie ein Volksfest. Wir haben mit Nicole um den Frieden geweint und mit Gildo Horn die Nussecken seiner Mutter verspeist. Es tut mir weder leid, noch schäme ich mich dafür. Allerdings bin ich aus dem Alter langsam raus.

        Gefällt 1 Person

  2. Genau meine Meinung! Man sollte ehrlich zueinander sein, sich mehrere Meinungen anhören und diese Meinungen hinterfragen. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass ich für die meisten Menschen zu ehrlich und direkt bin. Deswegen kann ich meine wahren Freunde an einer Hand abzählen. Die meisten verstehen meine Art falsch…so ist das leider.

    Gefällt 2 Personen

  3. Da ich ein ehrlicher Mensch mir gegenüber bin, weiß ich sehr genau wie und wer ich bin.. allerdings weiß ich auch ungefähr wie man mich wahrnimmt… hab ja kaum mal mit Menschen zu tun, da fehlt die Resonanz. (aber das ist gewollt und ich finde es gut so)
    LG, Petra

    Gefällt 2 Personen

  4. zunächst … also am anfang ihres artikels wollte ich widersprechen. nur weil das fremdbild meist etwas kritischer ausfällt, als das selbstbild, ist ersteres nicht automatisch „richtiger“.
    das trash-beispiel allerdings ist natürlich schlagend 🙂
    im übrigen bin ich von der stabilität der persönlichkeit nicht zu überzeugen 🙂

    Gefällt 1 Person

  5. Darüber darf ich jetzt wieder jeden Donnerstag nachdenken. ^^
    Die ersten paar Folgen Germany’s Next Topmodel sind immer die lustigsten.
    Dann kommen Zickenkrieg und interessante Jobs.
    Dann gähnende Langeweile nach dem „Ausmisten“.
    Und zum „Finale“ ne übertriebene Live-Show mit zu viel Werbung und zu viel Blabla.

    Gefällt 1 Person

    • Also ich habe mir letzte Woche den Auftakt angesehen – hilfe! Laaangweilig und der Inbegriff von verdrehter Wahrnehmung. Was da alles so vor sich instöckelt, ist ja zum Davonrennen. Haben solche Menschen keine Freunde, die ihnen sagen, dass sie das lassen sollten, weil sie sonst vorgeführt werden? Und Heidis Quieke nervt! 😦

      Gefällt 1 Person

  6. Und ich finde es erleichternd mehr über mich herauszufinden durch Bücher oder eben einer Meinung einer Freundin oder wenn ich mich selber reflektiere, weil ich dann aufhöre innere Bilder von mir krampfhaft aufrechtzuerhalten, sondern lerne mit mir einfach versöhnt zu leben. Mit meinen Schwächen gnädig umzugehen, als sie dauernd ausmerzen zu wollen. Und das macht dann vielleicht auch gnädiger im Umgang mit anderen. DSDS oder dergleichen schaue ich z.B. aus den Gründen, die du treffend beschrieben hast gar nicht erst an. Sehr treffender Beitrag von dir, vielen Dank! LG Lissy

    Gefällt 2 Personen

  7. Mir ist es egal was andere über mich denken. Wichtig ist einzig und allein was ich über mich denke und wie ich mich dabei fühle. Menschen in Schubladen zu stecken ist sowieso nicht richtig. Jeder kann sich jederzeit ändern. Diese Entscheidung haben wir. Einige nutzen sie und arbeiten an sich selbst, andere nicht. Manchmal ist es auch ein Schicksalsschlag oder so, der einen Menschen völlig verändern kann. Wir sollten einfach liebevoll und sorgsam mit uns selbst und unseren Mitmenschen umgehen.
    LG Susanne

    Gefällt 2 Personen

  8. Ein seht interessanter Artikel! Diese falsche Selbstbild denke ich wird aber auch denke ich in unser Zeit immer mehr durch falsche Freunde gefördert. Die Menschen wissen gar nicht mehr was ein richtiger Freund ist. Es wird viel zu viel darauf bedacht Oberflächlichlichkeiten in der Interaktion mir Menschen aufrecht zu erhalten und das meist aus Gründen die zum eigenen Nutzen sind. Nach dem Motto… zu dem / zu der werde ich nett sein …. vielleicht bringt es mir mal was …. Solche Aussagen habe ich schon sehr oft gehört und ich denke es steht nicht dafür das ich zu einem Menschen Nett bin nur weil es einmal sein könnte das ich dafür was kriege.

    Wenn ich nett bin dann bin ich es, weil ich den Menschen wirklich mag und da erwate ich mir auch nicht insgeheim irgendetwas zu Belohnung. Und wenn man wenn wirklich mag wird man ihm auch sagen das er Sch… singt um ihm vor Schaden zu bewahren. Den Schaden dadurch das dieser Mensch mit seiner Falschen Meinung, falschen Selbstbild ein Blamage erlebt.

    Gefällt 6 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s