Mutter ist an allem schuld

Der Satz, den meine Mutter immer zu sagen pflegt, begleitet mich seit Jahr und Tag. Damals, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, hörte ich den Satz vor allem dann, wenn mein Vater mit meiner Mutter schimpfte, weil wir Kinder krank waren. Mein Papa: „Du hast sie bestimmt zu wenig warm angezogen.“ Meine Mama: „Ja, sicher, Mama ist ja an allem schuld.“ So war das auch, wenn wir schlechte Noten schrieben oder wenn der Lehrer zum Gespräch lud. Dann waren wir Mama’s Kinder. Bei guten Noten waren wir Papa’s Kinder. 🙂 Und wenn mein Bruder und ich schlechte Laune hatten, war bestimmt auch Mama daran schuld. Sie musste ja, schliesslich war sie der Blitzableiter für alles! Jederzeit und überall! Damals habe ich das noch nicht verstanden. Heute verstehe ich es! Warum? Ganz einfach, weil ich Mama bin. Und weil ich einfach an allem schuld bin.

Angenommen es schneit, der Schneepflug der Gemeinde pflügt unsere Strasse frei und schiebt den ganzen Schnee vor unsere Garagen. Unsere Kids wollen am Morgen aus der Garage fahren, sehen das Disaster und: „Mamaaaa! Warum liegt jetzt der ganze Schnee vor der Garage? Wie sollen wir jetzt bitte rausfahren?“ Ich: „Wegschaufeln?“ „Hallo? Dann kommen wir wieder zu spät zur Arbeit! Und wer arbeitet dann abends wieder länger, hä?“ Entschuldigung, dass ich es habe schneien lassen. Ich böse Mutter.

Wie wäre es mit der Variante trendige Turnschuhe bei Regen? Der Lieblingssohn zieht los in den Ausgang, Party ist angesagt. Es schüttet in Strömen, aber die trendigen Chucks müssen es halt trotzdem sein. Am anderen Tag dann der leidige Schnupfen und die falsche Frage von mir: „Hast Du Dich erkältet?“ Er: „Was glaubst Du denn? Nur, weil diese doofen Schuhe nicht dicht sind und ich total nasse Füsse hatte. Den ganzen Abend lang musste ich so rumrennen. Da muss man ja krank werden.“ Der Tonfall und das Gesicht sagen dabei eindeutig „und schuld daran bist Du“. Wie konnte ich nur so fies sein, und es regnen lassen. Und wie konnte ich in all den Jahren nur gerade ungefähr 24 Millionen mal betont haben, dass Chucks bei Regen keine gute Idee sind. Dumme Mutter.

Auch ein Müsterchen ist: Kind erwartet auf der Post ein Paket. Leider bin ich nicht zu Hause, als der Postbote das Paket abgeben will. Also liegt abends ein Abholschein im Briefkasten. Den lege ich dem Kind beim Nachtessen an seinen Platz. Und jetzt kommt der Satz des Tages: „Was soll das? Das wäre doch mein Paket gewesen! Warum warst Du nicht da? Jetzt muss ich das Ding abholen!“ Vorwurfsvoller Blick mit bösen Runzeln. Nun ja, ich habe vergessen, dass ich erahnen muss, wenn eines der Kinder ein Paket erwartet. Und schliesslich habe ich gerade an solchen Tagen gefälligst zu Hause zu bleiben und auf den Postboten zu warten. Hallo? Wie konnte ich nur annehmen, ich wäre frei? Ich bin Mutter!

Ach ja: Habe ich schon erwähnt, dass mein Mann in solchen Situationen regelmässig feststellt, dass ICH unsere Kinder so verzogen habe. Sonst wären die nämlich NIE so geworden. Klar doch, schliesslich bin ja auch ich die Mama.

Und drum weiss ich seit 22 Jahren nun genau, was meine Mutter mit dem Satz meinte: „Mutter ist an allem schuld.“ Wie recht sie doch hat. Und wie gut, dass ich meine Lieben trotzdem niemals hergeben würde! 🙂

48 Gedanken zu „Mutter ist an allem schuld

  1. Diesen vorwurfsvollen Satz: „Ich bin wieder an allem schuld“, hören ich und meine Kinder mindestens einmal aus dem Munde meiner lieben Frau.
    Ich habe ihr einmal darauf geantwortet auch nicht gerade in freundlichem, Tonfall: „Die einzige, die das ständig behauptet, bist Du selbst, wir haben sowas nie gesagt!“
    Auch in Deinen Beispielen wird der Vorwurf nur implizit erhoben, bzw. so wahrgenommen, nicht wirklich explizit.
    Meine Mutter, hat die Schuldfrage eher umgekehrt. Sie sagte, ich sei schuld, wenn sie nicht schlafen könne oder schlimmer, wenn sie wieder so krank werde, dass sie in die Klinik müsse.
    Da lobe ich mir doch die Mutter, die immer behauptet, sie sei schuld.
    Aber stecken hinter der Behauptung an allem schuld zu sein, nicht auch Allmachtsphantasien. Wer an allem schuld ist trägt auch für alles die Verantwortung und will sie vielleicht auch nicht abgeben.
    Die Beispiele, die Du genannt hast, sind anders gestrickt.

    Ich habe mal einen Therapeuten erlebt, der einen Patienten, der an allem in der Klinik etwas auszusetzten hatte, mit folgender Frage konfrontierte: „Geht ihnen das häufiger so, dass sie mit etwas nicht zufrieden sind, und sich ungerecht und schlecht behandelt fühlen? – Verdutztes Gesicht, keine Antwort – „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, woran das liegt?“

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  2. Hm, ich habe ja auch 3 Bälger grossgezogen, aber ich bin nicht an allem Schuld 😉
    Kommt das daher, dass schon meine Mutter nicht an allem Schuld war?
    Sie war eine kleine, emanzipierte und ziemlich energische Französin und hätte mein Vater ihr so einen Vorwurf gemacht, sie hätte sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihrem 30 Zentimer grösseren Mann eins auf die Nase gegeben.
    Und ich machte es ihr nach. Ausser dass ich nicht klein bin, mache und machte ich es immer wie sie und das ersparte mir wohl solche Vorwürfe.

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  3. Das ist ja jetzt echt irgendwie komisch…
    Gerade vorhin habe ich einer, mir sehr lieben, Mama etwas Mut zugesprochen, weil sie trotz kleiner Kinder arbeiten gehen möchte und muß. Ich schrieb ihr das hier:

    Ich habe es dir schon mal gesagt: Mütter haben iiiimmer ein schlechtes Gewissen…wenn sie arbeiten…wenn sie nicht arbeiten…wenn die Kinder krank sind oder sich wehtun…wenn die Kinder zu extrovertiert oder zu introvertiert sind…wenn später in der Schule nicht alles glattläuft…wenn sie in der Pubertät total ausrasten…ach das ginge hier ewig so weiter!
    Immer die Frage: ” Was habe ich nur falsch gemacht?”

    Die meisten Männer würden sich solche Fragen gar nicht stellen oder? Und die haben auch kein schlechtes Gewissen wenn sie morgens zur Arbeit gehen…ist ja ganz normal.
    Es gibt ja zum Glück jetzt ganz tolle Papas, die Elternzeit nehmen und sich wirklich voll einbringen in die Familienarbeit, aber das schlechte Gewissen wird wohl eine Frauenkrankheit bleiben…

    Lieber Gott..warum hast du uns das angetan ???

    Und glaubt ja nicht liebe Frauen, daß diese Krankheit irgendwann ausgeheilt ist wenn man älter wird und die Kinder “aus dem Haus sind”

    Also Fazit: Mit dieser Krankheit müssen wir leben und das Beste daraus machen!

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  4. Netter Artikel…:-)

    Ich frage mich auch ernsthaft manchmal wie man am besten damit umgeht. Ich kenne das und es nervt mich sehr. Bei den Kids kann ich ja noch lächeln, aber wenn der Partner sich so äußert… da werd´ ich auch sauer. Und „drüber stehen“ ist nicht immer einfach.

    Schönes Wochenende!
    Tine

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    • Meine Güte, was hast Du für ein Gemüt? Und Nerven bis in alle Unendlichkeit? Wow!! 🙂 🙂 Meine Kinder sind auch meine Lieblingskinder (ich nenne sie lustigerweise auch so), aber deswegen finde ich es tatsächlich nicht gerade nett, wenn sie ihren Frust an mir auslassen! 😦

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  5. Das fängt auch noch erschreckend früh an. Ich hab das Gefühl, ich bin jetzt schon an allem Schuld und wenn ich nicht Schuld bin ist wer schuld? Richtig! Meine Mutter! Weil das einfach so ist.

    Und das wird nicht besser durch „Ja, Baby! Böse Mama!“ … Ich muss mir das dringend abgewöhnen.

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