Lügen habe kurze Beine

Ich dachte immer, solche Geschichten wie diese, gäbs nur in schlechten Filmen. Ich wurde kürzlich eines besseren belehrt und wer nun denkt, dass ich – als Meisterin im Ausschmücken und Übertreiben – dies hier und jetzt auch täte, der irrt tatsächlich. Die folgende Geschichte basiert auf wahren Gegebenheiten, kürzlich gerade erlebt und nicht ausgeschmückt. Leider.

Ein Montagnachmittag im Geschäft. Montage sind oft ziemlich langweilig; die Menschen scheinen montags nicht in Shoppinglaune zu sein. An der textilen Verkaufsfront bedeutet das leider, dass man sich dann stundenlang die Beine in den Bauch steht. An besagtem Montagnachmittag war dies ganz anders. Eine unserer besonderen Kundinnen betrat nach einem Jahr Besuchspause unser Geschäft. Ein grosses „Hallo“ und „Wie gehts“ und vorsichtige Freude auf unserer Seite. Dies, weil besagte Kundin uns in all den Jahren seit Bestehen unseres Geschäftes immer wieder ganz schön zum Staunen und Kopfschütteln gebracht hat. Jedesmal, wenn sie uns besuchte, und bei uns einkaufte, trumpfte sie mit  wahnsinnigen Geschichten auf. Tragische Geschichten! Von schlimmen Krebserkrankungen, die sie gerade überstanden hatte, von üblen Unfällen, von gescheiterten Beziehungen, von einer bösen Familie, welche sie im Stich liess und von Schicksalsschlägen, bei welchen wir uns immer wieder fragten, wie diese Frau dies aushalten kann. Mir kamen diese Geschichten ehrlich gesagt immer etwas spanisch vor, denn die Frau sah immer wahnsinnig gut aus. Egal, was ihr gemäss ihren Ausführungen die Monate zuvor alles widerfahren sein soll. Das machte mich immer wieder stutzig.

Zurück zu besagtem Montag. Die Gute betrat also unseren Laden und erzählte von ihrem Hirntumor, der sich nun eingekapselt habe. Dann erfuhren wir, dass sie die letzten vier Monate im Spital gelegen habe, weil sie eine Spenderniere von einem guten Kollegen bekommen habe – sonst wäre sie nun wahrscheinlich tot. Meine Kolleginnen und ich staunten und bewunderten ihre Kraft und ihr sensationelles Aussehen. Ich meine, nach vier Monaten Daueraufenthalt im Spital (ihr Körper wollte nämlich die Niere nicht akzeptieren…) sieht unsereins vermutlich nicht gerade frisch aus. Sie schon! Nun gut. Sie wollte sich belohnen mit einem ausführlichen Shoppingtrip bei uns. Meine Kolleginnen und ich gaben alles. Rundumservice mit allem, was dazu gehört. Die Gute genoss es bei uns in vollen Zügen, freute sich über die schönen Sachen, welche wir ihr brachten. Kaffee und Sekt gehörten natürlich wie immer auch zum Programm. Alles passte und alles wollte sie haben. Aber gerne doch. Sie betonte dabei auch immer wieder, dass ihr Lebenspartner und sie erfolgreich ein Restaurant führten – entgegen der Krisen vieler Mitstreiter. Auch erzählte sie uns, dass sie sich gerade eine Eigentumswohnung gekauft habe und dass alles perfekt laufe. Währenddessen stapelten sich die Kleider auf dem Kassentisch und nach über drei Stunden Bedienung fragte ich mal kurz nach, ob diese Sachen zum Wergräumen seien (das Chaos türmte sich nun doch sehr). „Aber nein, meine Liebe, das will ich alles! Einpacken, das wird alles gekauft.“ Ungläubig schaute ich meine Kollegin an und fragte nochmal: „Also wir reden hier von all den Kleidern, Schuhen und Gürteln, die hier auf dem Tisch liegen?“ „Ja, sicher doch! Und auch der Mantel und die Blusen, welche hier noch in der Kabine hängen. Die kommen noch dazu!“

Nun ja, wer wünscht sich schon nicht, einmal eine solche Kundin zu haben? Aber mein Bauch sendete meinem Kopf irgendwelche undefinierbaren Signale. Ich begann also, alles schön fein säuberlich zusammenzulegen, Preise wegzuschneiden, in Seidenpapier zu wickeln und in Taschen zu verstauen. Wir sprechen da von 33 Teilen (Mantel, Jacken, Schuhe, Hosen, Blusen, T-Shirts, Gürtel etc.) im Premiumsegment der Modebranche. Da muss ich wohl nicht erwähnen, dass es sich beim Endbetrag nicht um 29.90 handeln konnte. Nicht einmal im Ausverkauf. Die Gute zuckte nicht einmal mit der Wimper, als ich ihr den Endbetrag nannte und meinte dann ganz selbstverständlich: „Ich habe keine Kreditkarte und kein Geld dabei. Zudem bin ich mit dem Zug da und kann die vielen Taschen nicht tragen. Könntet ihr mir das bitte alles bei euch deponieren?! Ich hole es morgen mit dem Auto und bringe das Geld?“ Der Alarm in meinem Kopf wurde lauter. Und doch hörte ich mich sagen: „Nun ja, das können wir schon. Aber wann genau holst Du die Sachen?“ „Morgen um zwei, ganz bestimmt!“

Hättet ihr das Gesicht und die Augen dazu gesehen, ich gehe jede Wette ein, ihr hättet ihr geglaubt. Sie verliess also nach insgesamt fast vier Stunden unser Geschäft und ich sagte zu meinen Kolleginnen: „Das kommt nicht gut. Meine Lieben, mein Gefühl sagt mir, dass wir gerade gehörig verarscht wurden.“ Tags darauf rief die Gute kurz nach dem Mittag an und meldete meiner Kollegin, dass ihre Schwiegermutter in der Nacht gestorben sei, und sie deshalb nicht kommen könne. Sie komme aber tags darauf ganz bestimmt. „Schwiegermutter gestorben? Komischer Zufall“, meinte ich. Aber irgendwie konnten wir nicht glauben, dass man den Tod als Lüge missbraucht. Einen Tag später rief sie wieder an, sie könne nicht kommen, weil sie mit der Organisation der Beerdigung beschäftigt seien. Ich sagte: „Weisst Du was. Dann machen wir das doch so: Ich bringe Dir die Ware nach Hause (eine Stunde Fahrzeit pro Weg!) und Du bist den Stress los. Brauchst nur das Geld zu organisieren.“ Sie prompt: „Geht nicht, wir sind nicht zu Hause, weil die Beerdigung am anderen Ende der Schweiz stattfindet. Aber am Samstag komme ich gleich in der Früh. Bis dahin ist das grösste Chaos vorbei.“

Ja, wer nun denkt, dass am Samstag in der Früh das Telefon bei uns erneut klingelte, der denkt absolut richtig.  Sie: „Ich habe ein Problem. Gestern abend hat sich herausgestellt, dass mein Lebenspartner sich verkalkuliert hat. Wir sind pleite und hatten den Treuhänder die ganze Nacht über im Haus. Ich kann die Ware nicht abholen. Ihr müsst sie wieder in den Verkauf hängen. Sorry.“ Peng! Hätte ich mal auf meinen Bauch gehört! Das Beste kommt aber erst noch. In der Zwischenzeit haben wir nämlich erfahren (und zwar aus der Familie der Guten, also aus sicherer Quelle), dass
– sie schon lange keine Beziehung mehr hat,
– sie seit langem pleite ist,
– sie sowohl Familie als auch Freunde nach Strich und Faden verarscht hat,
– sie gar keine Spenderniere brauchte, also auch keine erhalten hat,
– sie demzufolge gar nicht im Spital war (was ihr gutes Aussehen erklärt)
– sie keine Schwiegermutter hat (und schon gar keine, die gestorben ist)
– sie unzählie Krebsarten erfunden hat, die sie gar nicht hatte,
– sie in anderen Geschäften Schulden hat, weil diese die Ware gegen Rechnung    herausgegeben haben (wenigstens waren wir da vorsichtiger),
– sie einfach jedesmal dann lügt, wenn sie den Mund aufmacht.

Eine unendlich lange Geschichte, aber kürzer ging nicht. Und wir können es alle bis heute nicht fassen, dass man derart zwanghaft lügen und so noch leben kann. Dieses Lügengebilde muss doch unglaublich anstrengend sein. Wir sind immer noch ziemlich geplättet und kein Hollywoodstreifen würde diesen Auftritt toppen. Krank, und zwar auf eine richtig fiese Art und Weise!

 

54 Gedanken zu „Lügen habe kurze Beine

  1. Tja, wenn man mit vielen Menschen zu tun hat, egal ob in einem Geschäft, einer Behörde oder sonstwo, bekommt man es manchmal mit komischen Zeitgenossen zu tun.
    Bei uns im Laden stand einmal eine, im teuren Landadellodenoutfit und mit Hut gekleidete „Dame“ um die 65Jahre alt, mit ihrer betagten Mutter im Schlepptau und wollte etwas zurückgeben.
    In Deutschland obliegt es dem Inhaber, ob er das Geld ausbezahlt oder gegen Ware oder Gutschein zurücknimmt.
    Bei uns gibt es Ware oder Gutschein…ist halt so und fertig!
    Nachdem sie etwas (unendlich lange für sie..Unverschämtheit!) warten musste, weil noch andere Kunden da waren, fragte ich was ich für sie tun kann.
    Oh je, dann ging es los:
    Sie: „Ich möchte das hier (Wert ca.100€) gerne zurückgeben“
    Ich: „Ja kein Problem, gegen Ware oder Gutschein“
    Sie: „Sie müssen mir aber das Geld ausbezahlen!“
    Ich: „Nein muß ich nicht, da ist gesetzlich geregelt und steht auch so auf unserem Kassenbon“
    Sie:“Doch, das müssen Sie, ich weiß das ganz genau“
    Ich:“Tut mir leid, aber das ist Sache des Ladeninhabers und der nimmt gerne etwas zurück, gegen Ware oder Gutschein“
    Sie:“Wissen Sie überhaupt wen Sie vor sich haben?“
    Ich:“Nein, Sie sind mir nicht bekannt“
    Sie:“Ich bin Gräfin von und zu Le……eld und mein Mann ist MdB(Mitglied des Bundestages)“
    Ich:“Ja und nun?“
    Sie:“Ja zahlen Sie jetzt aus?“
    Ich:“Nein, es gilt gleiches Gesetz für alle“
    Sie:“Das wird Ihnen noch leid tun, Sie hören von unseren Anwälten!“
    Ich:“Ja ich wünsche Ihnen auch noch einen schönen Tag“

    Mit diesen Worten rauschte die Gräfin mit Mama ab, und ward niemehr gesehen. Zum Glück!
    Die Mutter sagte übrigens kein Wort dazu (wahrscheinlich war ihr das Verhalten der Tochter etwas peinlich, oder sie war schwerhörig?)

    Wir haben 98% Kunden, mit denen wir viel Spaß haben und lachen, das baut auf und stärkt uns für solche Kandidaten!

    Und mir kann eine Frau „Gräfin“ schon gar nix!! Phhhh!

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  2. keine ahnung, ob ich mitleid habe oder nicht. irgendwie ja und nein und irgendwie ist das ja auch völlig irrelevant. ich finde es einfach spannend, wie bunt und vielfältig diese welt ist und welch eigenartige gestalten so herum stolzieren.
    jedenfalls glückwunsch zum inneren alarm 🙂

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  3. Sagenhaft…offenbar ist das Lügen bei der Dame krankhaft, im wahrsten Sinne. Wie einsam sie sein muss. Redet doch nie wieder einer mit der, nachdem er sowas rausgefunden hat. Immerhin hat sie euch nicht übers Ohr gehauen…..

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  4. Ich habe eine Tante, die immer lügt. Egal was sie sagt. Stimmt von vorne bis hinten nicht. Ich erkläre mir das wie eine Art fehlgeleitete Ich-Suche. Die Lüge ist das Ego und die Verwirrung der anderen der Spass. Sie ist sehr klug und oft auch richtig lustig. Aber sie lügt eben vor allem zu ihrem Vorteil und zum Schaden anderer. Deshalb ist mit ihr nicht gut Kirschen essen. Und das macht sie wohl schon, seit sie ein Kind ist (sagt jedenfalls mein Vater). Echt bizarr. Aber natürlich auch zum Erbarmen. Natürlich hat sie keine Freunde.

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  5. die „dame“ hat ADS
    sie hatte ja erreicht was sie brauchte: eure versorgung, euer kümmern und sie stand im mittelpunkt….wenigstens einen nachmittag lang.
    zum glück hast du ein gutes bauchgefühl, sonst hättest du den finanziellen schaden und den ärger. so bleibt eine geschichte…. zwar eine,die kopfschütteln verursacht und die lebenserfahrung erweitert 😉

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  6. Wenn „Lügen kurze Beine haben“, dann war die Lady sicher nicht groß. Ich schätze mal 1,50 m und dazu passend die Kleidergröße 44!
    Aber nun mal ernsthaft. Das war sicher keine Ur-Schweizerin und auch keine Schwäbin. Beide Volksgruppen lügen nicht und schon gar nicht tun sie übertreiben und hochstapeln.

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  7. Das ist schlimm. Klingt für mich nach Pseudologie und das gehört in Behandlung. Zwanghaftes Lügen, um Aufmerksamkeit, Bestätigung und Zuwendung zu erhalten. Meist passiert das nach einschneidenden Erlebnissen wie z. B. Verlust des Partners oder plötzliche Änderung der Lebensumstände. Klar, das macht es nicht besser und Betrug ist Betrug. Aber ich kann nicht umhin, eher Mitleid für die Frau zu empfinden. Ich frag mich immer, wie schlimm man sich in seinem eigenen Leben fühlen muss, um sich ein neues zu erfinden.

    LG
    Steffi

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    • Ich denke, genau deswegen sitzt mein Gatte gerade in einer Klinik ein. Vorher hatte ich von dem Begriff auch noch nie gehört.
      Mitleid mit der Dame? Nein. Tut mir leid. Definitiv nicht. Krank ist es, keine Frage. Aber.
      Im Falle meines Mannes kann ich nur sagen, er zieht das seit ca 20 Jahren durch, die ständige Lügerei/Übertreiberei/Geldausgeben, dass er nicht hat/Krankheiten erfinden und durchziehen. Es ist ihm bewusst gewesen, all die Jahre, doch hat er weiter gemacht, ohne sich Hilfe zu suchen und alle in seinem Umfeld belogen und betrogen. Schlimm betrogen, ich würde sagen, in seiner Jagd nach Aufmerksamheit geht er über Leichen. Nein. Mitleid habe ich nicht mit der Dame!

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      • Das ist es, vor allem, wenn man nach 5 Jahren so ziemlich aus allen Wolken fällt… Aber nun gut, lässt sich auch durch Jammern nicht ändern. 😁 ich wäre wahrscheinlich ohne die persönliche Vorgeschichte die Erste gewesen, die der Armen Frau beigestanden wäre. Heute denke ich, dass Krankheit nicht alles entschuldigen kann. Die Wahl haben sie bei jeder einzelnen Lüge….

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      • Ich habe das selber nicht, ich kann nicht sagen, wie viel Kontrolle man da über sich selbst hat. Und Mitleid ist vielleicht ohnehin zu viel gesagt, denn eigentlich ist es mehr so, dass ich es bis zu einem gewissen Grad nachempfinden kann.

        Es tut mir leid, dass dir das mit deinem Mann so passiert ist. Ich hoffe, es regelt sich alles so weit, dass ihr eure Beziehung klären könnt.

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      • Ich spreche ja nun im Verlauf der Therapie mit ihm darüber. Und er sagt schon, dass es ihm bewusst war, dass etwas schief läuft und auch, dass er Andere verletzt…. Jedoch betraf es nicht ihn direkt und somit war der Druck nicht hoch genug, etwas zu tun.
        Schwierig, als „normaler“ so etwas zu beurteilen! Ich kann nur für meine Erfahrung damit sprechen.

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      • Man wird das auch nie verstehen, wenn man nicht selbst in der Situation ist. Aber ein Hoch auf alle, die psychisch kranke Menschen nicht einfach abstempeln, sondern sich aktiv damit beschäftigen.

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