Als die Hexe mich gerettet hat…

Es ist jetzt 33 Jahre her, als ich sie traf: Die erste, lebendige und echte Hexe. Klar weiss ich heute, dass sie keine Hexe war, aber damals sah das etwas anders aus.

Ich wurde per Flugzeug als Notfall aus dem Ausland in die Schweiz geflogen – mit einem entzündeten Blinddarm kurz vor dem Durchbruch. Eine Notoperation und eine ziemlich aufwändige „Bauchreinigung“ retteten mein Leben, denn die giftigen Muscheln, die ich im Urlaub gegessen hatte, wüteten ganz schön in meinem Gedärme.

Nach der Operation kam ich im Krankenhaus in ein Doppelzimmer. Zusammen mit einer Hexe! Da gibt es auch nichts zu lachen, es war wirklich so. Ich weiss noch, dass ich erwachte, den Kopf zur Seite drehte und sie sah. Im Bett neben mir. Dünn, mit wirrem Haar, knochigen Händen und Fingernägeln, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die waren bestimmt 10 cm lang. Gut, das ist jetzt vielleicht ein kleines bisschen übertrieben. Aber ich hatte wirklich noch nie so lange Fingernägel gesehen.

„Hey, wie fühlst Du Dich?“ Oh Schreck, die Hexe konnte sprechen. Es war also defintiv kein Traum. Ich wusste nicht so recht, ob ich antworten, oder losheulen sollte. Also blieb ich erst mal stumm. „Du bist von der Narkose noch ein bisschen beduselt, gell?“ Da! Schon wieder! Ihre Lippen bewegten sich und sie sprach. Also konnte es irgendwie nicht das Narkosemittel sein. Ob ich wohl einfach mal antworten sollte? Ein Versuch war es wert: „Mir tut der Bauch weh und ich bin müde.“ Und dann geschah es: Die Hexe stand auf, schlüpfte in ihre Badelatschen, watschelte um ihr Bett und setzte sich auf meinen Bettrand. Ob sie mich jetzt auffressen würde? Nein! Sie strich mir über die Stirn und meinte: „Keine Bange, die erste Nacht nach der Operation ist die schlimmste. Du wirst sehen, morgen geht es Dir schon viel besser.“

Die Hexe sollte recht behalten. Die erste Nacht war tatsächlich die schlimmste. Aber nicht nur die Schmerzen setzten mir zu – die Angst, dass sie kommen und mich fressen würde, war noch schlimmer. Ich weiss noch, dass ich die ganze Nacht so lag, dass ich sie im Auge behalten konnte. Keine Ahnung, was mich geritten hatte, aber ich war fest davon überzeugt, dass ich nie wieder aufwachen würde, wenn ich einschliefe.

In den folgenden Tagen lernte ich die Hexe immer besser kennen. Sie hatte einen echten Namen, eine echte Krankengeschichte und ein riesengrosses Herz. Und sie war lustig. Wenn die Krankenschwestern mir Blut abnahmen, sprach sie mir zu – wenn ich Bauchschmerzen hatte tröstete sie mich. Und wenn man mit mir schimpfte, weil ich nicht essen wollte oder konnte, dann war sie meine Rettung. Die ultimative Rettung sah folgendermassen aus: Es war der Tag, an welchem es Spinat und Kalbsleber gab. Ich hasste Spinat und Leber bekam ich einfach nicht herunter. Keine Chance. Beim Spinat half mir meine liebe Hexe – sie ass ihn für mich. Bei der Leber hatten wir beide ein Problem, denn sie hasste Leber genauso, wie ich. Also machte sie kurzerhand das Fenster auf (wir hatten unser Zimmer im 3. Stock) und zischte: „Los, wirf!“ Ich schaute sie ungläubig an und sie wiederholte: „Na mach schon, wirf das Ding raus in den Garten.“ Ich schnappte das hässliche Fleisch und warf es mit Vollgas aus dem Fenster. Sie schmiss ihres gleich hinterher. Und dann lachten wir uns kaputt und stellten uns vor, wie dort nun Leberbäume wachsen würden.

Leider ist die Hexe inzwischen gestorben. Aber jedesmal, wenn ich am Krankenhaus vorbeifahre und die Bäume dort sehe, frage ich mich, ob einer davon wohl etwas von unserer Leber abbekommen hat. Und dann denke ich wieder an meine liebe Hexe. Wo immer Du jetzt auch bist, meine Liebe – Du warst für mich eine richtig gute Hexe und hast mich gerettet … DANKE!

42 Gedanken zu „Als die Hexe mich gerettet hat…

  1. Hach ja…

    Im Nachhinein musste ich bei der Stelle mit den „Leberbäumen“ an die Geschichte vom „Schweinchen Jo“ denken.
    Das blaue Schweinchen mochte auch die Eicheln nicht fressen…sondern viel lieber von der süßen roten (Erdbeer)Marmelade (politisch korrekt: Konfitüre^^) naschen. Also stopfte es die verhasste Kost immer feinsäuberlich zwischen das Kopfsteinpflaster ringsum eine Litfaßsäule. Und nach dem Urlaub (mit lecker Marmeladenbroten…) war da plötzlich alles voller Wald. Herrlich. (-;

    Das Buch habe ich in Kindheitstagen geliebt (stammt von meiner Mutti), und mag es immer noch sehr gern.
    Wenn ich jedenfalls daran denke, dann breitet sich immer ein angenehmes Gefühl der Geborgenheit aus…wie bei Dir sicher auch, wenn Du die „Leberbäume“ siehst.
    Prima Geschichte!

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  2. Eine sehr schöne Geschichte 🙂 ich hab leider keine einzige schöne Krankenhausgeschichte zu bieten, meine sind alle (also die 3…) Katastrophenreports ^^ aber es ist nett, mal sowas zu lesen.

    Hexen wurden ja immer schon falsch eingeschätzt *g* schön, dass diese deine Meinung ändern konnte ^^ und ganz ehrlich, ein Krankenhaus, das Leber serviert (ein Gericht, für das man bekanntlich kochen können muss, damits überhaupt schmeckt, und dafür sind nun die wenigsten Krankenhäuser berühmt) braucht eine Hexe, um das auszubügeln!

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  3. Na klar gibt es die. Bei mir war es ein junges Paar, wie sich herausstellte waren die beiden nicht mehr zusammen. Aber sie haben sich weiterhin geholfen. Deshalb gehen sie überall zusammen hin und der jeweils andere such für den anderen einen neuen Partner. Die Freizeit verbringen sie gemeinsam in der Wohnung des Mannes (Freund). Sie nennen das Freundschaft Plus. wenn man sich mit den beiden einzeln unterhält möchte jeder einen neuen Partner ist aber auch so zufrieden mit dem Leben. Die Unterhaltungen waren für mich immer sehr amüsant. Als ich Entlassen wurde habe ich den beiden gesagt sie sollten lieber wieder ein Paar werden da sie keinen anderen wollen. Da stutzten die beiden doch sehr.

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      • Ich schreibe aber keine Geschichten. Ich möchte damit anderen helfen die wie ich Gelenkschäden haben. Dann fühlt man sich nicht so alleine. Nebenbei lerne ich dadurch schreiben. Durch einen Zusammenbruch habe ich einiges verloren. Mein wissen über meine Vergangenheit und die englische Sprache. Ich bin auch schon am überlegen ob ich das ganze mal in Englisch schreiben soll nachdem man mein Deutsch inzwischen versteht, wenn man sich bemüht. Obwohl mein ehemaliger Chef meint das ich noch weit weg bin von dem was ich mal konnte. Also kann man sagen ich schreibe um anderen zu helfen und hoffe es hilft mir.

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  4. Gute Geschichte !
    Ich habe auch schlechte Erfahrungen mit Krankenhäusern. Als mein Sohn 5 Monate alt war (die Tochter 19 Monate) wuchs in meinem Bauch eine riesige Zyste, dann entzündete sich der ganze Bauchraum bis in die Beckenknochen. Mir wurde der Bauch einmal quer aufgeschnitten und der Arzt meinte, daß meine Kinder Glück haben daß sie weiterhin eine Mama haben…Schluck…
    Mir ging es echt dreckig und in meinem Zimmer war keine Hexe sondern eine Fee, die mich auch immer getröstet und aufgebaut hat. Ich habe sie später nicht mehr gesehen, muss aber nach so vielen Jahren noch ab und zu an sie denken und bin immer noch dankbar für den Zuspruch und Trost den sie mir gab.
    Manchmal braucht man im Leben eben dringend eine Hexe oder eine Fee !

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  5. ich war heute Nacht im Krankenhaus im Traum, ansonsten hab ich keine schönen Geschichten im Krankenhaus erlebt.
    schön geschrieben hast du das auf jeden fall, man kann sich die Leberbäume so richtig vorstellen.
    ich mag ja keine Innereien, deshalb: würg…….

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