Reblog – Stockkonservativ

Ich hatte kürzlich eine schriftliche Diskussion mit einer Frau, welche sieben Jahre jünger ist als ich. Es ging dabei um Umgangsformen bei der Ansprache von Menschen auf Facebook. Ich hatte die Frau nämlich auf Facebook geduzt, ohne mir dabei etwas zu denken. Sie hat mich daraufhin via persönliche Mitteilung darauf aufmerksam gemacht, dass sie dies höchstens auf Facebook akzeptieren würde, niemals aber ausserhalb dieses Kreises. Dort würde sie auf das Siezen beharren. Ich war erst mal platt und dann interessiert, denn mir hat noch nie jemand mitgeteilt, dass er oder sie ein Problem mit dem Du hätte. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich – ausser bei älteren Menschen – in der Regel mit dem Vornamen vorstelle, da ich dieses Gesieze nicht besonders mag. Ich empfinde das als mühsam und künstlich. In der englischen Sprache gibt es auch nur eine Form der Ansprache und das finde ich bedeutend angenehmer. Ich weiss nämlich oft auch nicht mehr, mit wem ich nun per Du, und mit wem ich per Sie bin. Und das ist dann oberpeinlich. Die generelle Du-Form würde das ungemein vereinfachen. Inzwischen haben auch etliche Grosskonzerne das generelle Du als Firmenkultur eingeführt – egal ob in der Teppichetage oder in der Produktion. Das nenne ich fortschrittlich!

Ich wollte also dieses „Ich würde gerne beim Sie bleiben“ nicht einfach so stehenlassen und habe natürlich nachgehakt. Aus Interesse – und weil ich das so noch nie gehört habe. Dabei stellte sich heraus, dass sie das nicht gegenseitig vereinbarte Duzen einer Person als nicht kultiviert und ungebildet klassifizierte. Aha! Das wiederum hörte ich auch zum ersten mal. Ich meine: Wir reden hier von einer Diskussion, welche begonnen hat, weil ich sie auf Facebook geduzt hatte. Auf einer Socialmediaplattform der Neuzeit. Für mich absolut klar, dass man sich da duzen darf, aber das ist eben meine Meinung. Und dass das Duzen etwas mit Bildung zu tun hat, das war mir erst recht neu! Da ich mit beinahe allen Personen per Du bin, auch mit den Freunden meiner Kinder, ist diese Umgangsform für mich total normal und weder unanständig noch ungebildet. Zumal ich mich eigentlich selber als gut gebildet bezeichnen würde. Natürlich gibt es Ausnahmen: Kundinnen im Geschäft duze ich bestimmt nicht einfach so. Es gibt aber durchaus solche, die sich mit dem Vornamen vorstellen. Finde ich umso toller. Und entspricht total meinem Naturell.

Nun, die Diskussion hat sich also weitergedreht und es kamen Dinge wie „höherer Status“, „anderer Kulturkreis“, „wertkonservativ“, „unhöflich“ und „Knigge“. Alles schön und gut aber: Wer zum Geier definiert, wer bei Gesprächspartnern einen höheren Status hat? Ist das nicht einfach derjenige mit dem grösseren Ego? Ich mag diese Aussagen nicht, denn sie würden doch bedeuten, dass jene, die sich als etwas Besseres fühlen, sehr wohl die Rangtieferen duzen dürften. Wo leben wir? In welchem Jahrhundert?

Zu guter Letzt habe ich via Messenger einen Link erhalten, welche die Kniggeumgangsformen in Bezug auf das Sie oder Du beleuchet und aufschlüsselt und ich wurde darauf hingewiesen, dies doch in meine Betrachtungsweise miteinzubeziehen. So – und drum stelle ich einmal mehr fest: ICH bin nicht regelkonform und finde solche stockkonservativen Ansätze total für die Katz. Wenn ich jemanden nett finde, finde ich ihn als Du oder als Sie nett. Und wenn ich jemanden dämlich finde, ändert auch die Sie-Form nichts daran. Punkt und Schluss!

12 Gedanken zu „Reblog – Stockkonservativ

  1. Hmmm, ich mag das eigentlich sehr gern, wenn man mich siezt, dann fühle ich mich so seriös 🙂 Wobei ich das schon schräg finde, wenn mich Kinder oder junge Leute unter 30 siezen, dann komme ich mir so alt vor (bin 33) 😛 Im Internet aber finde ich das Duzen völlig in Ordnung, da sieze ich Leute eigentlich nur, wenn ich ihnen widerspreche oder sie freundlichst darauf hinweisen will, dass ihre Meinung dämlich ist (nach dem Motto: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ 😀 ). Na ja, ich würde sagen, es kommt halt immer auf den Kontext an, aber wenn man fremde Leute im wirklichen Leben erstmal siezt, macht man schon nichts verkehrt. In meiner Firma duzen sich auch alle und da habe ich mich inzwischen dran gewöhnt.

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  2. ich denke auch, das was im sozialen Netzwerk sehr wohl okay ist, geht nicht unbedingt im Alltag. Ich finde es angenehm, wenn ich im Laden gesiezt werde, oder im Tram/Zug/Bus. Wenn man dann ins Gespräch empfinde ich es richtig, wenn die ältere Person zuerst das Du anbietet. Und was gar nicht geht ist das generelle „Tschüss“ sagen von Deutschen hier in der Schweiz. Im Gegensatz zu Deutschland wird Tschüss hier zu Lande nur unter Freunden verwendet.

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    • Oh, gut zu wissen, ich versuche mir das zu merken, versprochen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Deutsche einfach nicht wissen, dass „Tschüss“ in der Schweiz als unhöflich gilt :-/ Vor allem in Hamburg ist das ganz normaler Umgangston, genauso wie „Moin“ 😉 Aber interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Kulturen sind, selbst, wenn man dieselbe Sprache teilt 🙂 Was wäre denn ein höflicher Abschiedsgruß in der Schweiz? „Auf Wiedersehen“?

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      • Adie, oder uf Wiederluege – oder die jeweils deutsche Version davon:-) Mir ist absolut klar dass viele nicht realisieren dass das ein sogenannter falscher Freund ist. Ein Wort, das in zwei Sprachen benutzt wird, aber mit unterschiedlicher Anwendung. Doof ist nur, dass sich viele Schweizer ärgern – und niemand sagt etwas…eben weil sie nicht wissen dass es in Deutschland so ganz anders verwendet wird.

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  3. Soziale Medien sind die eine Welt und reales Leben die andere. Vom pauschalen Duzen halte ich nicht viel und schon gar nicht in Firmen, Ämtern, Behörden oder als Vorgesetzte. Fremden gegenüber wahre ich immer, den für mich nötigen Abstand. Das „Du“ oder „Sie“, ist für mich keine Respekterweisung dem Gegenüber, aber ein guter Abstandshalter, der manchmal auch als Schutz und Distanz dienen kann.

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  4. Im allgemeinen bleibe ich zunächst auch beim Sie, solange nichts anderes vereinbart bzw. angeboten wurde. Nun bin ich allmählich in einem Alter, in dem ich meinerseits überlegen muss, das Du anzubieten, um nicht Menschen, von denen ich das Sie eigentlich nicht erwarte in die Verlegenheit zu bringen mich vermeintlich weiterhin siezen zu müssen. Das spontane Du nehme ich allerdings niemandem krumm, schon gar nicht auf denn sozialen Medien, wo ich mir mit dem Sie reichlich komisch vorkäme.

    Was die pauschale Duzerei in Firmen betrifft, die sich damit einen vermeintlich besonders fortschrittlichen Touch geben wollen, halte ich davon genau wie Paulalinchen überhaupt nichts. Man schafft Hirarchien, Abhängigkeiten und Machtverhältnisse nicht aus dem Weg, indem man Sie durch Du ersetzt, sondern indem man sich von oben nach unten wie *wir* verhält, und zwar ehrlich, *danach* kann man über das Duzen nachdenken, dann ist es aber auch nicht mehr notwendig.

    Ich hatte und habe den ein oder anderen Kunden, bei dem sich alle Duzen aber trotzdem Hirarchien herrschen, die ich schon eher als Hackordnung bezeichnen würde, und bei denen die am unteren Ende ganz arme Schweine sind, die diejenigen, die sie tagein tagaus von oben treten, Duzen dürfen (und müssen). Da sind mir Chefs, die gesiezt werden möchten aber einen respektvollen Umgang mit Kollegen und Untergebenen pflegen, erheblich lieber.

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    • Kluge Worte und ganz auf meiner Linie – ich sehe es auch so. Und auf den sozialen Medien ist es tatsächlich eine eigene Welt und das SIE wäre dort ziemlich lächerlich – deswegen ist ja meine Geschichte überhaupt erst zustande gekommen!

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  5. Hmmm… Ich glaube, ich stehe da genau in der Mitte.

    Ich bin recht streng erzogen worden, was die Siezerei angeht. Generell sieze ich meistens erst einmal alles, was älter ist als ich. Oder auch eben – „Ranghöher“, was sich dann zumeist auf die Arbeit erstreckt. Meistens erledigt sich das von allein nach kurzer Zeit. Deshalb fände ich das generelle „Du“ nicht gut. Auch das von Dir angesprochene Fortschrittliche in Firmen Geduze mag ich gar nicht, es gaukelt so eine familiäre Stimmung vor, die es doch meistens gar nicht gibt. Ich halte da wenig von.

    Siezen hat für mich etwas mit „Respekt erweisen“ zu tun. Grade Älteren Generationen gegenüber.
    Aber. Ich schreibe bewusst „erweisen“, denn nicht immer habe ich den tatsächlich. Grade den Menschen gegenüber wahre ich dann allerdings durch das „Sie“ einen Abstand, der dann von mir durchaus so gewollt ist und in dem ich das „Sie“ gelegentlich auch als Waffe einsetzen kann.

    Meine Trümmer-Mieter habe ich beispielsweise alle gesiezt. Es macht Sachen wie Abmahnungen usw im Streitfall sehr viel einfacher. Bei meinen anderen Mietern war ich gleich per Du. Manchmal merkt man das im Vorfeld, was passt und was nicht.

    Es gibt aber natürlich auch Menschen, denen ich begegne, bei denen ist das „Du“ von Anfang an selbstverständlich. Auch auf Facebook oder der Bloggerei duze ich (meistens 😉 ). Es kommt auch da immer etwas drauf an, wen ich da vor mir habe.

    Diesen verkniffenen Siezern mache ich die Freude gerne. Ich bin durchaus in der Lage jedes „Sie“ so auszuspeien, dass sie merken, dass es ganz gewiss alles ist – aber nichts, was Höflichkeit und Respekt geschuldet ist. Nur sagen können sie dagegen nichts. 😀 Dieses Beharren finde ich dann auch albern und hat so gar nichts von guter Erziehung inne.

    Einen großen Nachteil hat das „Sie“ allerdings: Wenn ich nun Abends ausgehe und ich dann gesiezt werde, fühl ich mich doch manchmal eine Generation zu alt. 😀

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