Rettung schafft Abhängigkeit

Ich habe mir in letzter Zeit bei all den vorherrschenden Themen auf der Welt sehr viele Gedanken über Rettung und Hilfe gemacht. Flüchtlinge werden von Ländern gerettet und aufgenommen, Arbeitslose werden von grossherzigen Arbeitgebern wieder beschäftigt und in den Arbeitsprozess integriert, schutzlose Tiere werden gerettet und resozialisiert.

All dies sind wunderbare Taten, Eigenschaften und Charakterzüge. Aber was ist danach? Was zieht eine Rettung – egal welcher Art – für Gefühle und Erwartungen nach sich? Und zwar auf beiden Seiten!

Die Geretteten haben das Gefühl, ein Leben lang dankbar sein zu müssen. Dieses Gefühl schafft eine Abhängigkeit, welche über kurz oder lang in Frust ausarten kann. Schliesslich möchte man nicht ein ganzes Leben von jemandem abhängig sein. Man frisst also den Frust in sich hinein und dies wiederum kann tickende Zeitbomben aus Lebewesen machen.

Die Retter haben das Gefühl, aus einem guten Beweggrund etwas getan zu haben. Tief im Inneren haben sie aber gleichzeitig auch die Erwartung, dafür eine gewisse Dankbarkeit zu erfahren. Manche mehr, andere weniger. Ist ein Flüchtling nicht dankbar, wird er wieder abgeschoben. Ist ein Angestellter nicht dankbar, wird ihm wieder gekündigt. Ist ein gerettetes Tier nicht dankbar, landet es womöglich wieder im Tierheim.

Retter haben eine grössere Verantwortung, als ihnen oft bewusst ist. Und damit ist sorgfältig umzugehen. Genauso haben Gerettete nicht die Pflicht, bis an ihr Lebensende devot und mit geduckter Haltung dankend dem Retter hinterherzuschleichen. Das kann nur schiefgehen.

Ich glaube, dass die Abhängigkeit zwischen Retter und Gerettetem eine der grössten Herausforderungen überhaupt ist und sehr unterschätzt wird. Deshalb ist meine Meinung: Retten ist Ehrensache … gerettet werden keine Schande!

20 Gedanken zu „Rettung schafft Abhängigkeit

  1. Ich war damals sehr dankbar dafür, dass mich mein jetziger Arbeitgeber eingestellt hat. Der Person, die mich damals ausgewählt hat, bin ich bis heute dankbar. Das heißt aber nicht, dass ich ihm täglich dankbar huldige, sondern es hat sich eine sehr gute, professionelle Arbeitsbeziehung gebildet. Umgekehrt ist er froh, dass er mich eingestellt hat, das es kein Fehlgriff war.
    Was will ich damit sagen? Die „Geretteten“ sollten die Chance, die ihnen geboten wird, dankbar aufnehmen und beweisen, dass sie das Vertrauen, das in sie – wie auch immer – gesetzt wird, auch verdienen. Am Anfang brauchen sie Hilfe und Unterstützung und – im Idealfall – emanzipieren sie sich mit der Zeit und werden zu einer Bereicherung und Entlastung für den „Retter“.
    Natürlich klappt der Idealfall nicht immer, aber das Bestreben danach sollte doch meiner Meinung nach erkennbar sein.

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  2. Rettung oder ganz allgemein Hilfe, insbesondere ehranamtliche sollte (und aus meiner Sicht darf) keine unmittelbare Dankbarkeit erwarten, genauso wie sich jemand, der Hilfe empfangen hat nicht dazu verpflichtet fuhlen muss, sich dankbar zu erweisen.

    Anerkennung ist etwas anderes, die darf man schon erwarten und sie sollte auch gegeben werden, nur muss die eben weniger von denen kommen, die Hilfe erhalten haben, sondern von der Gesellschaft und ggf. in deren Vertretung staatlicherseits. Vielfach lese ich, dass Ehrenamt eben nun mal Ehrenamt sein muss und nicht „vergütet“ werden darf, jedenfalls nicht mit Geld oder geldwerten Vorteilen. Ich teile diese Ansicht nicht bzw. nur begrenzt. Natürlich tut man das, was man ehrenamtlich tut, in erster Linie, weil es einem ein Bedürfnis ist, und weil es auch – ganz egoistisch – zur eigenen Befriedigung beiträgt, wenn das Engagement Früchte trägt oder man positive Rückmeldung erhält, welche dann selbst schon ein Teil der Anerkennung ist. Aufwendungen wie Reisekosten ect. müssen aber auf jeden Fall großzügig ersetzt werden, sonst haben Menschen mit wenig finanziellem Hintergrund keine Möglichkeit zum ehrenamtlichen Engagement. M.E darf das aber auch noch etwas weiter gehen, auch wenn es nicht in eine echte Bezahlung ausarten soll. Ehrenamtler in „Führungspositionen“ leisten oft ein zeitliches Engagement, das schon in Richtung eines zweiten Jobs geht zumindest aber eines Halbzeitjobs, oft auch mit häufiger Abwesenheit von zu Hause, was durchaus von partnern auch schon mal als Belastung des Familienlebens empfunden werden kann. Und dann finde ich es durchaus gerechtfertigt, wenn etwa zusätzlich eine kleine Aufwandsentschädigung bezahlt wird, wie gesagt nicht als Bezahlung im Sinne einer Entlohnung. Außerdem denke ich, dass solche Aufwandsentschädigungen nicht auf staatliche Transferleistungen wie ALG2 oder Wohngeld etc. angerechnet werden dürfen, um insbesondere auch wirtschaftlich schwächeren Menschen ein erfülltes Engagement im Ehrenamt und bei der Hilfe für andere zu ermöglichen. Anerkennung für bürgerschaftliches Engagement können auch Vergünstigungen z.B. bei Eintrittsgeldern, im öffentlichen Nahverkehr ect. sein. Da ist es weniger der rein monetäre Vorteil, der zählt, als das Bewusstsein, dass solches Engagement von der Gesellschaft wahrgenommen und für unterstützenswert befunden wird. In dieser Beziehung könnten wir aus meiner Sicht noch einiges besser machen, um vor allem auch junge Menschen für solches Engagement, das vielleicht als Vereins- oder Verbandsvorstand auch mal mehr als ein paar Stunden Einsatz im Monat erfordert, zu gewinnen, zumal man in so ein Amt meistens auch erst mal über einige Jahre hinweg hinein wachsen muss. Das würde für einigen frischen Wind in der ein oder anderen Organisation sorgen, wenn sich diesen Einsatz nicht mehr nur „reiche Rentner“ leisten könnten.
    Ich weiß aus meiner eigenen Tätigkeit, wie sehr uns gerade junge Menschen fehlen.

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  3. es ist doch ein geben und nehmen….
    Es gibt Zeiten, wie, wo, was auch immer, da eine Hilfe sinnvoll ist, oder eben auch Hilfe annehmen seinen Platz hat.
    Dies frei von Verpflichtungen.

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  4. Hmm… Ich weiß nicht. Ich rette ja irgendwie doch alles & jeden – aber wirklich Dankbarkeit dafür zu erwarten, nicht wirklich. Das ist ja eigentlich nicht der Beweggrund zu helfen, ich finde, das ist eher eine Selbstverständlichkeit. Oder sollte es zumindest sein. Ich glaube auch daran, dass die Menschen, die Hilfe erfahren auch das später weitergeben, es also ein „Gut-Kreislauf“ gibt.
    Und wenn ich jetzt mal so Revue passieren lasse, was mir allein die geretteten Hunde an Schaden und Kosten verursacht haben…*lach*… nein, so würde das System nie aufgehen!
    Wenn ich helfe, dann weil ich helfen will. Weil jemand – egal ob Mensch oder Tier – einfach Hilfe braucht zu dem Zeitpunkt. Dafür erwarte ich keine lebenslange Dankbarkeit, ja nicht einmal ein „Danke“ von einigen. Das ist dann in dem Moment meine eigene Entscheidung.

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  5. Genau so isses! Wenn ich helfe tue ich das von ganzem Herzen….ohne wenn und aber….in vielen Diskussionen mit ehemaligen Schülern von mir ging ich sogar soweit zu behaupten das, wenn man jemandem hilft, es irgendwann mal wieder ausgeglichen wird….aber: nicht unbedingt 1:1 von demjenigen, dem man mal geholfen hat….sondern von ganz jemand anderem….das Leben / das Universum ist immer auf Ausgleich aus….

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