Mein Helfersyndrom

Man kann so einiges von mir behaupten – Gutes wie Schlechtes. Aber eines ist eindeutig bei mir sowas von ausgeprägt, dass es schon an einen Defekt grenzt: Mein Helfersyndrom. Ich habe immer und überall das Gefühl, die Welt retten zu müssen, oder sie zumindest ein kleines Stück besser machen zu können. Das arme Tochterkind hat diesen Charakterzug noch viel extremer geerbt. Bei ihr bin ich schon froh, wenn sie nicht mit einem Defibrillator eine plattgefahrene Schnecke noch zu retten versucht 🙂

Da spazieren der Göttergatte und ich mit klein Ellie durch die Innenstadt Hamburgs und begegnen einem Bettler, der auf seinem Schlafsack in einem zügigen Durchgang im Trockenen sitzt und schauderlich dreinschaut. Mein Herz schlägt Alarm und meine Hirnsynapsen schalten auf „helfen-wollen-müssen-tun“. Ich zupfe den Göttergatten am Ärmel und flüstere:

„Stopp, ich will dem armen Teufel etwas geben.“
Der Göttergatte kramt in der Hosentasche: „Hier, ich hab eine Menge Kleingeld.“
Ich so: „Nein, nicht sowas – ich möcht ihn überraschen, dann freut er sich bestimmt.“

Ich ziehe meine Brieftasche aus der Jacke, nehme einen 50-Euro-Schein raus und gehe mit klein Ellie strahlend auf den Bettler zu. Er schnappt sich das Geld, zückt ein Foto mit einem Schwan aus seinem Rucksack und meint:

„Das schenk ich Dir. Ich hab übrigens eine Homepage, da kannst Du noch mehr Bilder von mir und meinen Tieren drauf sehen. Die Adresse steht auf der Rückseite.“

Ihr hättet mal mein verdutztes Gesicht sehen sollen. Er hat nicht danke gesagt, er hat nicht gelächelt, er hat sich irgendwie auch nicht gefreut. Er hat völlig abgeklärt Werbung für seine Homepage gemacht und ich stand da, wie ein begossener Pudel – mit dem Foto in der Hand. Ich würd jederzeit wieder so reagieren, weil ich ganz einfach nicht anders kann und weil ich mich immer so freue, wenn ich jemandem eine Freude machen kann. Aber ich habe mich tatsächlich für einen kurzen Moment gefragt, ob ich nun einem Lügner auf den Leim gegangen bin, der sich für bedürftig ausgibt, es aber in Wahrheit nicht ist. Oder haben Bedürftige neuerdings eigene Homepages und können Fotos für Passanten drucken lassen?

Tja, Modepraline rettet hin und wieder auch solche, die vermutlich gar nicht hätten gerettet werden müssen … 🙂

Und da ist…

…nichts!

So fühlte es sich an, als ich gestern seit ein paar Wochen das erste mal wieder durch die Stadt gegangen bin, ich welcher ich bis vor kurzem noch meine Geschäfte hatte. Jetzt sind diese seit einer Weile geschlossen, meine ehemaligen Angestellten haben – bis auf eine Ausnahme – alle einen neuen Job und die Nachfolgemieter sind kurz vor dem Einzug in meine ehemaligen Geschäftslokalitäten. Weiterlesen

Reblog – Die Luft ist raus

Viele meiner Blogleser-/innen sind gleichzeitig auch Familienmitglieder, Freunde oder Kundinnen in meinem Geschäft. Für die ist es nicht neu – für alle anderen: Ja, ich schliesse meine beiden Läden in der Ambassadorenstadt Solothurn defintiv im Sommer. Und ja, ich ziehe mich gänzlich aus dem Textilmetier zurück. Nach 10 Jahren ist mir mental die Puste ausgegangen. Die Onlineshopper und die Eurolandhopper haben mir noch den letzten Nerv geraubt. Der Kampf um jeden Kunden wurde täglich härter und die Bedingungen für kleine Geschäfte immer unfairer. Grosse Billiggiganten zwingen kleine Geschäfte in die Knie und jene Idioten, welche sich bei uns nur noch zum Kaffeetrinken sehen liessen, um uns dann zu erzählen, wie günstig sie all die Dinge schon in Konstanz eingekauft hätten – ja genau jene hätten mich irgendwann zur Schlägerin werden lassen. Drum habe ich beschlossen, die Reissleine zu ziehen. Weiterlesen

Die Luft ist raus

Viele meiner Blogleser-/innen sind gleichzeitig auch Familienmitglieder, Freunde oder Kundinnen in meinem Geschäft. Für die ist es nicht neu – für alle anderen: Ja, ich schliesse meine beiden Läden in der Ambassadorenstadt Solothurn defintiv im Sommer. Und ja, ich ziehe mich gänzlich aus dem Textilmetier zurück. Nach 10 Jahren ist mir mental die Puste ausgegangen. Die Onlineshopper und die Eurolandhopper haben mir noch den letzten Nerv geraubt. Der Kampf um jeden Kunden wurde täglich härter und die Bedingungen für kleine Geschäfte immer unfairer. Grosse Billiggiganten zwingen kleine Geschäfte in die Knie und jene Idioten, welche sich bei uns nur noch zum Kaffeetrinken sehen liessen, um uns dann zu erzählen, wie günstig sie all die Dinge schon in Konstanz eingekauft hätten – ja genau jene hätten mich irgendwann zur Schlägerin werden lassen. Drum habe ich beschlossen, die Reissleine zu ziehen. Weiterlesen

Wo bleibt der Zusammenhalt

Solidarität und Zusammenhalt – Worte mit grosser Bedeutung und leider ziemlich kleinem Wert. Zumindest erlebe ich das in der Schweiz täglich mehr. Keine Ahnung, warum das so ist – aber es scheint die „Egoistenkrise“ ausgebrochen zu sein. Weiterlesen

Neues Gefüge

Früher musste ich, wenn Urlaub angesagt war, immer alles gefühlt 100-fach organisieren, damit die Katzen gefüttert, die Wäsche gemacht, eingekauft und weiss der Herr was noch alles gemacht war. Und im Geschäft galt es, alles aufzugleisen, damit nichts liegen bleibt. Heute sieht das total anders aus. Warum? Weil der Sohnemann – inzwischen erwachsen und noch bei uns lebend – das Management in dieser Zeit übernimmt. Weiterlesen

2015 – mein Loslass-Jahr

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen Beitrag über das Loslassen geschrieben. Dabei ging es um das Mama-Kind-Verhältnis und die Kunst des Loslassens. Ich scheine aber in der absoluten Loslass-Phase meines Lebens zu sein (was für ein dämliches Wort – mein Duden hat soeben aus dem Bücherregal gehustet…). Ich habe nämlich wieder etwas Grosses losgelassen: Mein Unternehmen. Prima, oder? Ich bin stolz auf mich! Weiterlesen