Helfersyndrom

Kennt ihr dieses Phänomen, wenn man ständig das Gefühl hat, allen helfen zu wollen? Ich kenne es – leider. Man kann es soziale Ader nennen, man kann es aber auch totale Blödheit nennen. Wenn mir jemand sein Leid erzählt, habe ich das dringende Bedürfnis, augenblicklich helfen zu müssen. Meine Mutter sagt, ich sei schon als Kind so gewesen. Schon in der Schule war ich offenbar der Kummerkasten für alle Welt. Und schon damals bin ich davon ausgegangen, dass ich niemals betrogen werde. Für mich war immer klar, dass die Menschen mir so begegnen würden, wie ich ihnen begegne. Und dass sie froh sein werden, wenn ich helfe. Dankbarkeit war niemals das, was ich erwartet habe. Aber halt Freude und Fairness!

Nun ja: Im Laufe meines Lebens habe ich schon ein paarmal eine Schramme eingezogen mit meinem Helfersyndrom. Man läuft damit nämlich Gefahr, furchtbar ausgenutzt zu werden. Und selbst wenn ich gewarnt werde, sehe ich es oft erst ein, wenn mir die Nase blutet. Ja, mein Umfeld (Familie und enge Freunde) sehen es nicht selten kommen, und wollen mich davor schützen. Und was tue ich? Ich bin mir sicher, das Richtige zu tun (Helfen kann doch nicht falsch sein) und renne mit 180 km/h in den nächsten Hammer.

Zum Glück sind die meisten Menschen fair und dankbar – aber es gibt leider auch die Ausnahmen, und die schmerzen halt, weil sie Energie fressen, die sie nicht verdient haben.

Nun bin ich 53 Jahre alt und man sollte meinen, ich müsste es gelernt haben. Aber nein, ich bin erneut mit Vollgas … ihr wisst schon! Und nun kommt das böse Erwachen und die Frage: Warum verdammt nochmal habe ich es nicht gemerkt? Oder anders gefragt: Wie kann man so verschlagen sein, jemanden so an der Nase rumzuführen und dabei noch ruhig schlafen zu können?

Dann frage ich mich: Würde ich es JETZT endlich anders machen? Vermutlich nicht, weil ich einfach so bin, wie ich eben bin. Ich gehe nicht immer zuerst vom Schlechten im Menschen aus. Aber ich werde künftig lernen müssen, alles zuerst dreimal zu hinterfragen. Auch die vermeintlich liebsten Engel können leider einen Teufel in der Brust haben. Ich werde es zwar nie kapieren … aber die Bedeutung der „zwei Gesichter“ oder aber „zwei Seelen“ bekommt eine ganz neue Tragweite. Es gibt sie tatsächlich, die Menschen mit den zwei Gesichtern. Und Menschen mit einem Helfersyndrom laufen Gefahr, diesen Menschen ins offene Messer zu laufen.

Ob mich das sauer macht? Oh ja – und wie! Zuerst traurig, dann richtig wütend! Und dann fasse ich mir an den Kopf und sage zu mir selber: „Wie zum Teufel konnte ich wieder so dumm sein!“

Ich habe es wieder getan

Aus Erfahrung klug! Ja, alle anderen vielleicht – ich mache gerne jeden Fehler mindestens zweimal oder vielleicht auch mehr…

Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich einen Beitrag online gestellt, in welchem ich über mein Befinden nach der saisonalen Grippeimpfung berichtet habe. Und ich habe ziemlich überzeugend geschrieben, dass es wohl besser sei, künftig die Finger davon zu lassen. Es ging mir damals ganz schön mies. Weiterlesen

Was macht Julia Flückiger?

Die 26-jährige Julia Flückiger hat 2011 an den Miss-Schweiz-Wahlen mitgemacht, wurde zweite und war mit 591 Tagen die Vizemisschweiz, welche am längsten im Amt war. Zu bieten hat die hübsche Schweizerin aber noch weit mehr als das.

 

Julia Flückiger, Vize-Miss-Schweiz 2011 und Model. Dass Sie schön sind, ist demzufolge klar. Aber Sie sind auch noch klug und widerlegen damit viele Vorurteile, welche über Schönheiten herumgeistern. Was machen Sie beruflich?

Danke für das Kompliment 🙂 Ich schliesse dieses Jahr mein Masterstudium in Psychologie an der Universität Zürich ab und arbeite seit dem 1. Mai bereits als Psychologin für den Kanton St. Gallen.

Ärgern Sie sich über die schönen Dummchen, die das Image der Models kaputtmachen?

Ich finde es sehr schade, wenn sich Frauen unter ihrem Wert verkaufen. Dumm ist man nicht, dumm gibt man sich nur. Ich glaube daher auch, dass das primär weniger mit Intelligenz zu tun hat, sondern vielmehr mit Interesse. Ich muss allerdings noch hinzufügen, dass ich in den letzten Jahren schon sehr erstaunt war, dass das Stigma „Model“ schon sehr mit dem Klischée verbunden ist, dass man intellektuell nicht viel zu bieten hat. Das finde ich persönlich sehr schade, da viele Models und Missen, die ich in den letzten Jahren kennen lernen durfte, diverse Interessen und Begabungen haben.

Was ist Ihnen wichtiger: Ihr Job mit der Schönheit, oder Ihr Job mit der „anderen Julia“?

Ich glaube an folgende drei Formeln des Glücks: life of engagement, life of meaning and life of pleasure. Für mich persönlich habe ich diese Formel in  erster Linie in meiner Arbeit als Psychologin wiedergefunden. Trotzdem habe ich bei einigen Aufträgen so viel Wärme und Freundlichkeit von den Kunden und den anderen Models erhalten, dass die Arbeit als Model auch immer wieder wunderschön ist. Zum Beispiel bei Cristina’s 🙂

Hatten Sie nie das Gefühl, nur aufs Äussere reduziert zu werden?

Doch schon. Ich war bei Aufträgen, wo ich vor dem Kunden stand und man von mir in der dritten Person singular gesprochen hat. Das geht gar nicht! Ich versuche mit jedem Menschen respektvoll umzugehen, und dasselbe erwarte ich auch im Umgang mit mir. Und mit der Sprache beginnt der Respekt.

Wenn Sie die Modelcontests im TV-Zirkus beobachten – würde Sie ihre Tochter da mitmachen lassen?

Wenn sie das möchte, warum nicht? Das wichtigste ist es, die Bedürfnisse eines Kindes sensitiv zu erfassen, und das Kind in seinen Wünschen und Träumen zu unterstützen. Es gibt nichts Schllimmeres, als ein Kind, welches das Gefühl haben muss, es sei nicht richtig so, wie es ist.

Waren Ihre Eltern nie in Sorge, dass Sie in der Maschinerie der Schönheit untergehen könnten?

Sie waren teilweise etwas in Sorge – haben mir aber immer das Vertrauen geschenkt, dass ich in der Lage bin, meine Grenzen zu erkennen und stop sagen zu können.

Schönheit ist vergänglich – würden Sie sich unters Messer legen, um diese Vergänglichkeit aufzuhalten?

Nein, der Zahnarztbesuch ist für mich schon der Horror, da würde ich nie freiwillig eine Stufe weitergehen. In der Psychologie ist das Alter zum Glück mit Erfahrung verbunden, was einen riesen Mehrwert bedeutet.

Was macht Sie stolzer – Ihre Verdienste aufgrund Ihrer Schönheit, oder jene, die Sie sich mit Ihrem Wissen erarbeitet haben?

Das Unistudium war für mich schon um einiges aufwändiger, da mir gerade die statistischen Fächer nie leicht gefallen sind. Daher freue ich mich auf den Moment, wenn ich mein Masterdiplom in der Hand halten werde – ein Moment, der mich sicherlich auch sehr stolz machen wird.

Blick zurück: Würden Sie wieder auf die Karte „Miss“ setzen?

Klar! Neben dem Studium gibt es nichts besseres, als an einer Miss-Schweiz-Wahl Erfahrungen zu sammeln und als Model das Studium finanzieren zu können. 🙂

Womit macht man Sie richtig sauer?

Faulheit!

Blick nach vorne: Was steht auf Ihrer Lebens-to-do-Liste? Ein grosses Ziel?

Ich möchte in den nächsten Jahren möglichst viel berufliche Erfahrung sammeln und irgendwann die Psychotherapieausbildung absolvieren, um mich als Psychotherapeutin selbständig machen zu können.

 

Herzlichen Dank für die Offenheit und viel Erfolg auf Ihrem weiteren Weg!