Wann läuft das Fass über?

Fazit nach einer Woche Ferien im Schweizer Nobelort Gstaad: Der Göttergatte und ich haben unsere Ruhe in einer kleinen gemieteten Ferienwohnung genossen. Trotz Regen sind wir spazieren gegangen. Auch durch Hiobsbotschaften haben wir uns unsere Chillout-Tage nicht vermiesen lassen. Wir sind bis Mittags im Pyjama rumgelümmelt, haben unser Müesli selber zubereitet und haben uns infolge des knapp bemessenen Platzes in der Miniwohnung zum Teil mit lustigen Provisorien behelfen müssen. Aber es war gemütlich und schön. Einziger Wehmutstropfen:

Gstaad ist offenbar im Verlauf der letzten Jahre zur Insel der absolut dekadenten Gesellschaft verkommen.

Schlägt man im Duden Dekadenz nach, so bekommt man folgende Erklärung: „kultureller Niedergang mit typischen Entartungserscheinungen in den Lebensgewohnheiten und Lebensansprüchen; Verfall; Entartung“

Jap, das trifft es ziemlich genau. Ich war nicht das erste mal in Gstaad. Mein letzter Besuch liegt aber ein paar Jahre zurück und so hatte ich im Kopf immer noch das schöne und beschauliche Gstaad von damals. Im Gegensatz zu St. Moritz war Gstaad immer sehr adrett, nicht aufgemotzt und auch nicht übertrieben. Die Preise waren immer hoch, aber bezahlbar.

Das sieht heute leider ganz anders aus. An der wunderschönen, verkehrsberuhigten Promenade des Bergdorfes reihen sich Geschäfte wie Dolce & Gabbana und Prada an Louis Vuitton, Monclér und Ralph Lauren. Dann hätten wir da noch die Juweliere Graff, Chopard oder Cartier und die Stores von Loro Piano oder Brunello Cucchinello. Bei den Sportgeschäften sind Monostores wie Bogner oder Jet Set vertreten. So! Und auch wenn jetzt jemand diese Marken nicht kennt, so ist es ein leichtes zu googeln, in welcher Preisklasse diese Anbieter spielen. In einer total eigenen nämlich. High end ist da noch untertrieben. Das geht schon unter highest end. Zumal die Stores in Gstaad nur ihre teuersten Schätzchen dort zum Verkauf anbieten. Schöne Pullis ab 1’000 CHF bis ins Endlose sind überall erhältlich. Pelze in sämtlichen Farbvariationen ab 20’000 CHF gibts in jedem Geschäft und – nur so am Rande – die Deklarationen „Käfighaltung mit Gitterböden“ interessiert dort keinen Menschen. Bei den Juwelieren sind die Preise „nur“ bis zu einer Million CHF angegeben … ab da heisst es auf dem Preisschild „auf Anfrage im Geschäft“.

Viele der Geschäfte sind nur in der Hochsaison (Dezember bis März) in Gstaad vertreten und machen dann die Pforten für den Rest des Jahres zu. Dann ist tote Hose. Das bedeutet, dass in dieser Zeit der Umsatz für das ganze Jahr eingefahren werden muss. Und das wird gemacht – koste es, was es wolle. Da spielt der Anstand keine Rolle mehr. Da dürfen kaugummikauende Teenies die Füsse auf die Polster legen während Mama den Nerz aussucht. Quengelnde und total übermüdete Hosenscheisser dürfen die Wellnesslandschaften der Nobelhotels stürmen und in den ehemals schönen Café’s sieht es um 17 Uhr aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Pommes und ganze Stücke Brot inklusive Salat unterm Tisch – und von Schamgefühl keine Spur. Warum auch? Die fette Brieftasche scheint zum Benehmen jenseits von Gut und Böse zu berechtigen.

Ich gebe zu: Der Göttergatte und ich haben es uns zum Sport gemacht, uns in bekannteste Dorfcafé zu setzen und dem Treiben zuzuschauen. Entsetzt, wortlos und mit 100 Fragezeichen in den Augen. Jede Asi-Sendung auf RTL2 ist dagegen kalter Kaffee!

Das schlimmste daran ist für uns die Frage, was aus dem Nachwuchs einmal wird, der von den neureichen Eltern so dermassen verkorkst wird. Diese Kinder sehen in den Eltern keinerlei Anstand oder Benehmen … da werden wahre Terrortouristen aufgezogen. Mir tun die Einheimischen leid, die von diesem Tourismus leben und sich deshalb nicht trauen, den Finger draufzuhalten. Mir würde dort täglich x mal der Kragen platzen und bei mir hätten mindestens die Hälfte der Besucher Hausverbot.

Schade um den schönen Ort – ich frage mich, wie es dort in 10 Jahren aussehen wird …

Snow Society

Kürzlich habe ich auf RTL am Wochenede in einem Boulevard-Format eine Dokumentation über den Nobelskiort St. Moritz gesehen. Ich gestehe, ich finde St. Moritz ätzend – und das, obwohl ich Schweizerin bin. Schrecklich? Ich weiss nicht. Es hat sich einfach nie sympathisch dargestellt und ich glaube, dass ich dort in etwa so hinpasse, wie ein Huhn auf die Rodelbahn.

In diesem Format haben sich die Höchsten der High Society im Schnee mit ihren Pelzen zu übertrumpfen versucht. Von Kopf bist Fuss in Chinchilla oder Zobel, Nerz oder Fuchs. Die Näschen alle mit derselben Schablone operiert und in der Handtasche ein Minihündchen, welches als Accessoire dient und ebenfalls im Pelzmäntelchen steckt. Ich dachte, ich wäre im falschen Film. Diese Snow Society hat irgendwie nicht mitbekommen, was auf der Welt so abgeht. Es wurde fleissig über die teuersten Mäntel, die schönsten Pelzmützen, die grössten Riesenklunker und die höchsten Chaletpreise diskutiert. Wusstet ihr, dass in St. Moritz ein Chalet steht, dessen Wert sich (ohne Aussicht und Land) auf 60 Mio. Euro beläuft. Das hübsche Häuschen geht über 6 Stockwerke, hat separate Lieferanten- und Bediensteteneingänge und irgendwie einfach alles, was kein Mensch braucht. Ich muss neidlos gestehen, dass das Haus wunderschön ist – aber wie zum Geier sollte ich mich auf 1500 m2 Wohnfläche zurechtfinden? Mit einem Navigationssystem?

Angenommen, ich sässe in dieser Wahnsinnshütte auf dem Klo und hätte kein Klopapier mehr (was natürlich niemals passieren dürfte, da ich sonst die Bediensteten sofort entlassen würde) … wie laut müsste ich wohl schreien, bis jemand hören würde, dass ich dringend Klopapier brauche? Und wie lange es wohl ginge, bis mir die wahnsinnig elementaren Themen der Snow Society derart auf den Kecks gingen, dass ich fluchtartig die Pelzfarm in den Bergen verlassen würde? Ich schätze mal … so in etwa fünf Minuten!

Ich denke, mein zweiter Lebensteil wird prima ohne St. Moritz über die Bühne gehen – bei diesen Bildern hat sich der Nobelort einmal mehr bei mir ins Offside geschossen. Hässlich!