Hallo Anstand?

In trauter Zweisamkeit machen der Göttergatte und ich uns auf zum Abendessen in einem wunderbaren Restaurant in Gstaad. Letzter Abend – besonderer Genuss! Ein Ambiente wie es im Buche steht; eine erlesene Menuauswahl die ihresgleichen sucht und ein Service, der nur schwer zu toppen ist. Einfach perfekt … wenn da nicht nach kurzer Zeit des zufriedenen Geniessens plötzlich Tischnachbarn eintreffen würden, die das Prinzip „Unfall“ in Perfektion ausleben. Für alle, die nicht verstehen, was ich mit dem Prinzip „Unfall“ meine, folgende Erklärung: Man möchte nicht hinschauen bzw. hinhören – aber es lässt sich nicht vermeiden – man MUSS einfach!

Herr und Frau „Wohlhochgeboren“ mit Zürcher Dialekt setzen sich hin und fangen sogleich an, sich zu zoffen. Wohlverstanden, wir sprechen von einem Restaurant mit weissen Tischtüchern, gedämpftem Licht und ruhigem Ambiente. Frau Wohlhochgeboren interessiert das aber einen Deut. Sie erklärt ihrem Gatten in aller Deutlichkeit, dass sie NICHT betrunken sei (oh doch, sie war schon bei der Ankunft betrunken) und dass er ihr absolut gar nichts zu sagen habe. Und sie hat dabei eine laute Whiskystimme, die durch Mark und Bein geht. Ihm ist es sichtlich peinlich und er versucht anfänglich noch, sie im Zaum zu halten. Dummerweise provoziert sie so lange, bis sein Puls offenbar derart hochfährt, dass auch seine Stimme unüberhörbar ist und es einen Disput daraus gibt, den absolut kein Gast überhören kann.

Sie: „Du hast mir nicht zu sagen, wie ich zu reden habe!“
Er: „Du hast absolut keine Ahnung, wie sehr ich Dich zum Kotzen finde!“
Sie: „Oh doch, ich finde Dich nämlich nicht weniger zum Kotzen!“
Er: „Könntest Du jetzt einfach aufhören, es hören und sehen alle, was Du hier abziehst!“
Sie (schmatzend mit Essen im Mund): „Kein Mensch hört etwas. Nicht diese da (Fingerzeig zu uns) und nicht diese da (Fingerzeig zum nächsten Tisch) … niemand hört etwas.“
Er: „Hör doch jetzt einfach auf, ich ertrage das nicht mehr:“
Sie: „Das ist mir scheissegal – Du erträgst nichts, was mich betrifft.“

Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus einem ausgewachsenen Ehestreit eines 66-jährigen Paares (das haben wir im Verlauf des Gesprächs auch mitbekommen), welches besser zu Hause geblieben wäre. Es ist derart irritierend, dass der Göttergatte und ich uns weder vernünftig unterhalten, noch auf das Essen konzentrieren können. Wir sind gezwungen, mitzuhören und mitzusehen – die Beiden sitzen uns schliesslich genau gegenüber.

Ich ärgere mich derart, dass ich finde, die Beiden müssen das wissen. Und so bezahlen wir unsere Rechnung und stehen auf. Ich gehe zum Tisch des besagten Ehepaars und frage ganz ruhig: „Darf ich Ihnen etwas sagen?“ Beide total perplex: „Ja bitte?“

„Man versteht jedes Wort, ob man will oder nicht – und dass ist so unfassbar unanständig gegenüber den anderen Gästen, dass sie sich schämen sollten.“

Ich habe selten zwei so betretene Gesichter gesehen. Er zischt zu ihr: „Ich hab es doch gesagt“, worauf sie mich ansieht und sagt: „Tut mir sehr leid, pardon.“

Also: Wenn man sich gegenseitig so zum Kotzen findet und schon zerstritten aus dem Haus geht, muss man dann noch die ganze Umgebung daran teilhaben lassen? Eher nicht. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie deren Abend weiterverläuft …

Schokokugel?

Einmal angenommen, ihr liebt diese süssen Dinger, die innen das luftige-klebrig weisse Zeug haben und aussen mit Schokolade überzogen sind. Diese politisch inkorrekt benannten Süssigkeiten, die jede Foodkette im Sortiment hat. Was genau verlangt ihr dann?

Einst waren es mal Negerküsse – geht GAR NICHT MEHR!

Dann waren es Mohrenköpfe – geht GAR NICHT MEHR!

Dann waren es Schaumküsse – in der Schweiz total atypisches Wort!

Danach kamen die Schokoküsse – irgendwie auch sehr Schriftdeutsch!

Und seit heute wissen wir, dass man sie … Schokokugeln nennen sollte!!!

Hä? Schokokugeln?? Tschuldigung, aber wer von euch kommt bei Schokokugeln auf einen Mohrenkopf? Zumal diese Dinger weder rund (Kugel) noch komplett aus Schokolade sind. Für mich ist eine Schokokugel sowas wie eine Lindorkugel oder so. Aber doch kein Mohrenkopf. Es hat sich aber tatsächlich so zugetragen, dass in einem hiesigen Geschäft diese süssen Dinger mit dem Schild „Mohrenköpfe“ beschriftet waren, bei der Bestellung aber von der Bedienung die klare Ansage kam: „Entschuldigen sie, aber das dürfen sie so nicht mehr sagen. Das nennt sich jetzt Schokokugeln.“

Echt jetzt??? Wo zum Geier leben wir? Auf dem politisch korrekten Foodplanet, auf welchem man selbst beim Essen aufpassen muss, dass man nicht Gefahr läuft, wegen Rassismus im Knast zu landen. Was soll der Mist? Nur wer verdorben denkt, kommt überhaupt auf diese kranken Ideen. Für mich ist und bleibt der Mohrenkopf ein Mohrenkopf – und wenn ich deswegen hinter Gitter muss, dann meinetwegen. Es kommt noch soweit, dass wir die schwarze Schokolade politisch korrekt „maximalpigmentierte“ Schokolade nennen müssen … schwarz ist nämlich irgendwie auch überhaupt nicht korrekt. Oder die ausländische Küche wird zur Küche mit Migrationshintergrund. Wir haben in unserer hiesigen Stadt hier sogar ein Ausländerfest – mit viel leckerem Essen … ach Du meine Güte. Wie nennen wir das nun? Das Migrationsdingensnichtschweizerleute Fest?

Gerade fällt mir ein: Wie nennt sich Schwarzgeld politisch korrekt? Geld mit Migrationshintergrund oder aber farbiges Geld? Oder vielleicht doch maximalpigmentiertes Geld? Was denn nun? Ich komm noch so durcheinander, dass ich nicht mehr weiss, wie man was nun richtigerweise nennt. Ich weiss nur, dass ich als Kind NICHTS schlimmes hinter einem Neger oder einem Schwarzen gesehen habe. Auch ein Ausländer war kein Schimpfwort – zumal ich ja selber als halbe Italienerin zu den Ausländerkindern gehört habe. Aber mir wäre im Traum nicht in den Sinn gekommen, deswegen ein Theater zu machen … geschweige denn meine Eltern. Und dies, obwohl mein Papa damals sogar noch als „Tschingg“ (vom italienischen Wort Cinque abgeleitet) beschimpft wurde. Da kam deswegen niemand in Teufels Küche. Im Gegenteil: Die Tschinggenküche war sogar sehr beliebt – Pizza und Pasta nämlich.

Wenn wir so weiterfahren, dann wird es eines Tages soweit sein, dass wir uns nicht mehr artikulieren können, ohne nicht mit einem Bein im Gefängis zu stehen. Hallo! Entspannt euch – schliesslich heulen wir Schweizer auch nicht rum, weil im Ausland überall das Vorurteil herrscht, dass wir ALLE eine Bank, eine Kuh, einen Berg UND Käse besitzen. Wir lachen und gehen zur Tagesordnung über. Und wenn man uns im Ausland „Chuchichäschtli“ nachruft, dann gehen wir auch nicht mit der Faust auf die Leute los. Etwas mehr Toleranz bitte. Ich weigere mich, eine Schokokugel zu bestellen, wenn ich einen Mohrenkopf will. So, ich habe fertig!