Der fiese Begleiter im Ohr

Tinnitus – eine weit verbreitete Volkskrankheit. Es handelt sich dabei um ein störendes Geräusch im Ohr, welches einen nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Das kann ein Pfeifen, Zischen, Brummen, Summen, Klingeln oder Zirpen sein. Tonlage und Lautstärke sind je nach Mensch verschieden. Sicher ist aber, dass ein Tinnitus zum Dauerbegleiter werden und die Geplagten in den Wahnsinn treiben kann.

Seit einem Autounfall (Schleudertrauma) ist genau ein solches Ohrgeräusch mein Dauerbegleiter. Das fiese Geräusch hat vor Jahren, in einer Sommernacht aus dem Nichts eingesetzt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich merkte, dass dieses Geräusch tatsächlich in meinem Ohr ist, denn ich lag im Bett und hörte auf einmal dieses hohe Zirpen im linken Ohr. Mein erster Gedanke: Eine Riesenheuschrecke in meinem Bett! Diese Tiere verirren sich im Sommer des Öfteren in unser Haus. Ich machte also einen Satz aus dem Bett, schüttelte Kissen und Decke aus und sah erst mal gar nichts. Mir schoss durch den Kopf, dass das Vieh womöglich auf meiner Schulter sitzen könnte. Ich traute mich kaum, den Kopf zu drehen. Also machte ich den Heuschrecken-Check im Spiegel. Da war aber gar nichts auf meiner Schulter. Ich verharrte mucksmäuschenstill und lauschte. Das Zirpen war immer noch da. Wo zum Teufel hatte sich dieses Vieh versteckt? Da kam mir die zündende Idee: Giftspray holen und Zimmer einnebeln, das würde dem lärmenden Biest sicher den Garaus machen. Siegessicher düste ich im Pyjama ins untere Stockwerk, wo wir unsere Putz- und Giftmittel lagern. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich stand vor dem Regal mit den Spraydosen und merkte, dass das vermeintliche Tier mich begleitet hatte. Das Zirpen im Ohr war immer noch da. Wie konnte das möglich sein? Es war doch sehr unwahrscheinlich, dass das zirpende Tier mich durchs ganze Haus verfolgt hatte. Hatte ich dieses Geräusch womöglich in meinem Körper? Ich steckte mir den Finger ins Ohr, um zu testen, was passiert. Jetzt klang das Zirpen noch lauter, einfach mit einem zusätzlichen Hallen.

Das war also die Nacht, in jener sich mein ungebetener Gast in mein Ohr geschlichen und sich da häuslich eingerichtet hat. Der Gang zum Arzt half mir – wenn ich ehrlich bin – auch nicht wirklich weiter. Ich bekam zwar Medikamente, welche die Durchblutung im Ohr fördern und Linderung bringen können. Bei mir halfen die aber nicht wirklich. Und die Tatsache, dass der Arzt meinte, ich müsse mich mit diesem Geräusch arrangieren, machte es auch nicht wirklich besser. Zugegeben, in der ersten Zeit dachte ich, dass ich vermutlich in Kürze wahnsinnig werden und den Rest des Lebens in einer Klinik verbringen würde. Ich versuchte alles, um den lästigen Begleiter loszuwerden. Nachts leise Musik laufen lassen, den Geräuschpegel um mich herum einfach immer höher halten, als das Geräusch in meinem Ohr. Entspannungsübungen, Massagen und Ohrkerzenbehandlungen – alles für die Katz. Das Zirpen blieb. Bis ich im Verlauf der Monate merkte, dass es wirklich kein anderes Rezept gibt, als den Dauerbegleiter zu akzeptieren. Ignoranz ist dabei ein wirklich guter Trick. Ich habe gelernt, das Geräusch zwischendurch einfach zu ignorieren. Die Gelassenheit lässt es viel weniger schlimm erscheinen.

Im Verlauf der Jahre habe ich etliche Menschen kennengelernt, die ebenfalls unter einem Tinnitus leiden. Gerade in den westlichen Ländern ist er zur Volkskrankheit geworden. 90% der Betroffenen haben eine medizinische Ursache als Erklärung. Das kann ein Riss im Trommelfell, eine havarierte Halswirbelsäule oder ständige Mittelohrentzündungen sein. Bei den restlichen 10% geht man von einer psychischen Ursache aus. Diese Tatsache machte das Geräusch zwar nicht leiser, aber ich fand es erleichternd zu wissen, dass ich mit diesem Übel nicht allein bin. Es ist nicht so, dass ich meinen Tinnitus heute lieben würde, aber wir haben uns aneinander gewöhnt. Offensichtlich findet er mein Ohr gemütlich und macht keine Anstalten, sein Zuhause wieder zu verlassen. Dann soll er doch bleiben – ich strafe ihn mit Verachtung und schenke ihm keine unnötige Beachtung mehr.

24 Gedanken zu „Der fiese Begleiter im Ohr

  1. Ich kann leider auch ein Lied davon singen.Habe seid jahren ein pfeifen im ohr womit ich ja noch leben kann,aber seid 2 tagen habe ich auch das Gefühl eine Heuschrecke hat sich in meinem Ohr genistet und mit dem geräusch komme ich gar nicht klar.Ohren werden regelmässig vom HNO gereinigt weil ich nicht mit Wattestäbchen dran gehe und probleme mit den hohen Tönen habe ich auch aber dieses fiese heuschrecken gezirpse raubt mir meinen Nerv 😦

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    • Genauso hat es damals bei mir angefangen. Die Heuschrecke hat sich dann irgendwann in ein gleichmässiges Pfeifen umgewandelt – hat aber eine Weile gedauert. Und ich musste Medis nehmen, welche die Blutzirkulation im Ohr verbessern. Heute kommt die Heuschrecke meistens dann, wenn ich saumässig gestresst bin und zu wenig schlafe, oder wenn ich ein Problem mit dem Nacken habe. Versuch es mit Entspannung! Toi toi toi 🙂

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  2. Seit Jahren lebe ich mit Tinnitus. Man kann damit nach geraumer Zeit gut leben und ihn sogar überwiegend vergessen. Als ich diesen Text las, hörte ich meinen auf einmal wieder. Jedes Mal, wenn ich das Wort lese, nehme ich ihn wahr. Allerdings ist er morgens extrem laut und dann höre ich ihn. Bei starkem Stress kommt manchmal noch ein überlagerndes Geräusch dazu wie Stimmengemurmel und manchmal Babygeschrei. Das ist dann allerdings etwas grenzwertig.

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  3. Das mit dem Lernen und stetig leben ist dennoch so eine Sache. Springe mal mit ins Boot, hatte zwei fiese Hörstürze und seit dem eben solche Geräusche. Sie wandeln dazu je nach Streßpegel. Manchmal erfüllen sie den ganzen Kopf. Und auch es häufig geht sie auszutarieren, so geht das nicht ständig. Es ist, als wenn du direkt an einer viel befahrenen Autobahn fährst. Manchmal kommt noch eine Wassermühle dazu. Oder oder.
    Dann gibt es so Tage, da denke ich, der van Gogh hatte sicher auch einen fetten Tinitus und darum riss der sich damals sein Ohr aus. 😉
    Beste Grüße, vorstelligst, Mia

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  4. da muss man leben mit! ich hatte dann obendrauf noch einen gehörsturtz. seither ertrage ich keine grossen lastwagen mehr die an mir vorbeidonnern. mit offenem fenster schlafen geht gut, da mein bettnachbar gar nicht gern musik hören will die ganze nacht… kann dir nachfühlen

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  5. Mein Mitgefühl hast du auch. Ich kenne es gottseidank nicht aus persönlicher Erfahrung, habe aber einen besten Freund, der sich ebenfalls mit so einem Geräusch arrangieren muss. Ich sehe, wie er darunter leidet.

    Kopf hoch, du bist damit auf jeden Fall nicht allein.

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  6. gefällt mir kann man da nicht klicken. schrecklich ist das.
    ich hatte auch mal so ein Geräusch im Ohr , das war aber was anderes, der Ohrenarzt hat das Ohr gesäubert und gut wars.
    Niemals Ohrenstäbchen benutzen, niemals, sagte er

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