Wenn der Anstand flöten geht…

Immer, wenn uns früher jemand begegnet ist, der sich daneben benommen hat, meinte meine Mutter mit einem Kopfschütteln: „Der/die ist wohl auch mit dem Schnellzug durch die Kinderstube gerast.“ Eigentlich heisst das nichts anderes als unerzogen, frech, unanständig und ziemlich daneben zu sein. Dieser Satz hat sich sehr in meinem Kopf eingebrannt. Nicht nur, dass ich das Bild dazu lustig und total passend finde – nein, der Satz kommt mir heute eigentlich täglich in den Sinn oder über die Lippen. Leider spricht das nicht unbedingt für das gute Benehmen vieler Mitmenschen. Im Gegenteil!

Ich habe gelernt, dass man grüsst, wenn man einen Raum mit Menschen betritt. Da ich in meinem eigenen Textilgeschäft oft an der Front stehe, erlebe ich aber immer wieder, dass das offenbar überhaupt nicht mehr üblich ist. Mit Kopfhörern in den Ohren, oder mit dem Handy am Ohr betreten Leute unser Geschäft, ohne sich von uns „stören“ zu lassen. Sie gehen durch den Laden, schauen uns nicht mit dem Hinterteil an, telefonieren in normaler Lautstärke weiter oder wippen im Takt zur Musik aus den Kopfhörern. Wir können sie grüssen, ohne dass eine Reaktion kommt. Und wenn wir die Frechheit haben, sie nach ihrem Wunsch zu fragen, werden wir mit einer ablehnenden Handbewegung buchstäblich abgewimmelt. So, als ob sie einen Hund zurück aufs Plätzchen schicken wollten. Dieses Spiel erleben wir regelmässig – meist sogar so, dass die telefonierenden Besucher das Geschäft  – ohne auch nur den Kopf zu heben – wieder verlassen, natürlich immer noch am Telefon. Uns hätte man bei einem solchen Benehmen die Ohren lang gezogen. Und es juckt mich manchmal extrem in den Fingern, das heute auch zu tun – egal, wie alt die unerzogenen Besucher sind! Es ist im Übrigen nicht so, dass nur telefonierende Besucherinnen nicht grüssen; inzwischen hat sich diese Seuche auch unter den nicht Telefonierenden ausgebreitet. Selbst wenn wir zu dritt um die Wette grüssen, kommt manchmal einfach nix zurück!

Wenn wir früher mit Mama in die Stadt gehen durften, mussten wir an der Hand der Mutter bleiben und uns in den Geschäften benehmen. War das nicht der Fall, wurde kurzerhand umgedreht und wir mussten zu Hause in unsere Zimmer gehen. Ich habe das mit meinen Kindern genauso gehandhabt. Zumal ich Shoppingtouren mit den Kindern tunlichst vermied, denn Kinder hassen es, wenn Mama Kleider probieren will. Höchstens ins Spielwarengeschäft und in die Märlipinte (Kinderkneipe) ging ich mit meinen Kids, denn das liebten sie über alles. Heute gehen viele Mütter mit ihren Knirpsen aber – ohne Rücksicht auf Verluste – ihren ganz normalen Shoppingbedürfnissen nach. So kommt es hin und wieder vor, dass kleine Monster unser Geschäft umbauen, ohne dass Mama einschreitet. Im Gegenteil – es gibt Mütter, die lassen sich durch gar nichts stressen. Nicht durch den stampfenden Knirps, der wütend gegen die polierten Spiegel schlägt, weil er sich langweilt; nicht durch die sabbernde kleine Diva, die ihre klebrigen Finger an den Kleidern an den Bügeln abwischt und uns dabei noch die Zunge rausstreckt, wenn wir mit ihr schimpfen. Ich als Mutter hätte mich in Grund und Boden geschämt, hätte mich entschuldigt und wäre schlagartig mit meinem Kind aus dem Geschäft geflüchtet. Sicher, es gibt glücklicherweise auch Exemplare, für welche Anstand und Erziehung keine Fremdwörter sind. Aber die werden immer seltener. Die Spezies mit Anstand scheint mir manchmal doch sehr dünn gesät zu sein und das hätte ich mir früher nie träumen lassen.

Sollte ich aus Frust einmal jemanden erschlagen, so werde ich das mit dem Knigge-Buch tun!

38 Gedanken zu „Wenn der Anstand flöten geht…

  1. Apropos Kindererziehung:
    Ich sitze da an einer guten Quelle (Kindergärtnerin in der Familie), und durfte die ein oder andere moderne Erziehungsalternative, welche per Fortbildung vermittelt worden ist, brühwarm zu Ohren bekommen.
    Nachdem mir 2 bis 3 mal der Hut hochgegangen ist, meinte die Kindergärtnerin nur belustigt: „Du hättest deinen Spaß mit dem Vorlesenden gehabt.“

    Oh, ja. Den Wichtigtuer hätte ich (sachlich!) in Grund und Boden diskutiert.

    Ein Überdenken von Handlungsweisen ist nie verkehrt, man sollte sich da nur nicht in einer antiauthoritären, falsche Freiheiten propagierenden und alte Werte vergessen lassenden Sackgasse verlieren, nur um aus Prinzip dem Alten krampfhaft in jedem Punkt abzuschwören.

    Das geht nur in die Hose, was man jetzt bereits im Alltag von Zeit zu Zeit erleben „darf“.

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  2. Im Wirtsgarten eines hübschen kleinen Restaurants, in dem ich früher etliche Jahre gearbeitet hatte, hatte sich eine Familie niedergelassen, ein etwa zwanzigjähriger Jüngling und seine Eltern. Die drei hatten ihre Handys an den Ohren und telefonierten angeregt und ausgiebig. Jedesmal, wenn ich an ihren Tisch trat, um mich zu erkundigen, ob sie bereits Getränke oder Speisen gewählt hatten, wurde ich weggewinkt, als wäre ich ein lästiger Hund (wie du’s in deinem Post so treffend beschreibst 😉 ). Nach einer Weile nahm ich meinen Kellnerblock, notierte etwas darauf, und legte den Leuten das Blatt mit folgenden Worten auf die Tischplatte: „Hier ist meine Handy-Nummer. Sie können mich gerne anrufen, wenn Sie bestellen möchten.“ 😉

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  3. Eine allgemeingültige Regel gibt es nicht und man muß garnichts —
    Es ist aber eine schöne Geste anderen mit freundlichem Gruß zu begegnen,
    Mir fällt es immer wieder auf, das in Gegenden wo die Menschen noch naturverbundener sind, es selbstverständlicher ist Entgegenkommende zu grüßen.
    Selbst wenn es in der Anonymität der Großstadt befremdlich wirkt (und hier paßt es nun wirklich nicht), zählt es auf dem Dorf oder den Vororten durchaus zum guten Ton und ist oft der Einstieg in ein nettes Gespräch oder kleinem Plausch mit den Nachbarn.Auf diese Weise werden aus Fremden und Neuzugezogenen schnell Bekannte, es vereinfacht und verschönt das Miteinander 🙂
    Fazit: Je nach Gegend und Gepflogenheit kann das Verhalten variieren und ist durchaus nicht auf einen Mangel an guter Erziehung zurückzuführen.Kindern jedoch frühzeitig beizubringen sich freundlich und respektvoll gegenüber allen zu verhalten, finde ich richtig.
    Im Supermarkt wo man sein Namensschild am Kittel trägt, kann man es nicht vermeiden von manchen Kunden auch mit Namen angesprochen zu werden, mir
    genügt da ein Hallo! Schöne Tage bis zum Fest Grüßli sternchen..

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    • Wow, was für ein ausgiebiger Kommentar. Danke! Ich kann Deine Beobachtungen nur zum Teil bestätigen. Der Ort, wo ich arbeite, ist eine Kleinstadt (15’000 Einwohner) und das Verhalten der Leute eher wie auf dem Dorf. Einfach der Anstand geht dann – gemäss Deiner Erklärung – leider in Richtung Grossstadt. Irgendwie passt da was nicht zusammen 🙂 🙂 🙂

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  4. Was für ein Zufall, dieses Thema hatten wir heute im Büro. Ich hatte Telefondienst und habe von 07.00 Uhr bis 11.00 mit unzähligen Kunden gesprochen, bevor mir um kurz nach 11.00 Uhr der erste „Guten Tag“ sagte. Alle davor sind gut ohne Gruß ausgekommen. Da wäre mir ja als Arbeitsstelle ja die Bergwerksaufsicht lieber, wo (laut meiner Schwester, die früher dort gearbeitet hat) Kollegen und „Kundschaft“ mit „Glück auf!“ grüßen.

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  5. Also, ich finde es nicht schlimm, an der Supermarktkasse z. B. mit „Hallo“ zu grüßen statt mit „Guten Tag, Frau/Herr xxx“. Ist mir persönlich auch etwas zu altbacken. 🙂 Was ich viel schlimmer finde, ist totale Nichtbeachtung. Eine Freundin von mir arbeitet im REWE und sitzt halt auch oft an der Kasse. Sie sagt, dass sie sich oft von den Kunden behandelt fühlt, als wäre sie Luft und würde eine niedere Arbeit verrichten. Da freut man sich über jedes Hallo und jede kleine Unterhaltung – egal, wie belanglos sie auch ist. Das habe ich mir inzwischen zu eigen gemacht und manchmal werde ich dafür wirklich erstaunt angeschaut. Die meisten Kassiererinnen scheinen sich aber drüber zu freuen. 🙂

    Auf der Straße grüße allerdings so gut wie nie. Das hat bei mir nichts mit Respektlosigkeit zu tun, sondern einfach mit Unsicherheit. Ich kriege gegenüber Fremden außerhalb einer relativ geschützten Umgebung den Mund nicht auf. Dafür lächle ich meine Mitmenschen gern an und wenn ich einen besonders guten Tag habe, dann sage ich dem Busfahrer beispielweise auch mal, wie nett ich ihn finde oder wie gut er gefahren ist. Das sind unbezahlbare Momente, wenn denen fast die Augen aus dem Kopf fallen. (Vermutlich denken die, ich hätte einen Schaden.)

    LG
    Steffi

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  6. Leider ist es heute die Normalität.
    Alles, was mit „Erziehung“ zu tun hat, wird sehr oft als Zwang angesehen. Allein schon der Begriff „Erziehung“ löst bei vielen Widerstand und Abwehr aus. Ich finde es sehr traurig, aber der Werteverfall in der Gesellschaft ist schon mehrere Jahrzehnte fest zu stellen (unter anderem auch durch die Anti-Autoritäre-Erziehung-Bewegung). Nicht dass ich Autorität mit schlagen in Verbindung bringe, aber ein gewisses Mass an Benimm und Anstand sollte schon im Elternhaus gelehrt und gelebt werden. Aber wenn ich schon die Fälle höre, wo die Eltern mit nur einem Kind schon überfordert sind, dann wundert mich rein gar nichts mehr.

    G. l. G. Jochen

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  7. Liebe Daniela!

    Oh ja, das von dir Beschriebene kenne ich sehr gut. Was ich in meinem derzeitigen Beruf überhaupt nicht leiden kann, ist die Tatsache, dass immer mehr Leute in der Kanzlei anrufen und nicht einmal ihren Namen nennen, sondern gleich unhöflich „Ist der Herr Doktor da?“ fragen. Da frage ich dann immer freundlich nach, mit wem ich denn überhaupt die Ehre habe. Auf Wanderungen usw. ist es ja auch üblich, zu grüßen, wenn man quasi „Wanderkollegen“ trifft. Selbst das wird immer weniger. Ich mache das gern. Besonders die Jungen grüßen immer weniger. Für mich gehört das zu den grundsätzlichen und für mich sehr wichtigen Tugenden des Respekts und der Höflichkeit. Auch dieses unhöfliche „Hallo“ in Mails finde ich auch schrecklich. Sogar meine liebe Mama verwendet dieses. Ein Mail ist wie ein Brief, nur eben elektronisch, und sollte auch entsprechend mit Lieber/Liebe oder Sehr geehrte/geehrter Herr/Frau XYZ begonnen und mit einer Grußformel beendet werden.

    Herzliche Grüße,

    Caroline

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    • Auch ich hasse dieses „Hallo“!
      Wenn ich an der Supermarktkasse stehe, dann tragen die meisten Kassiererinnen und Kassierer Namensschilder. Ich habe mir zu Eigen gemacht, diese dann mit ihrem Namen und einem „guten Tag“ nach oder gerade wegen ihres „Hallo“ zu antworten. Ich merke sofort, wie sie stutzen, wenn sie ihren Namen hören und zum Schluss bekomme ich dann „für Sie noch einen schönen Tag“ zu hören.
      Was fällt einem aus der Krone, wenn man dem Gegenüber etwas Respekt zollt?

      G. l. G. Jochen

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    • Das Hallo ist zwar nicht sonderlich höflich, aber immerhin schon mal eine Art Grußformel.

      Ich habe so meine Differenzen mit „VG“, „HG“ oder aber „LG“.
      Wenn man nicht einmal genug Zeit findet, seine Grußformel auszuschreiben, wie lieb können die Grüße dann wohl gemeint sein?

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  8. ich weiß, es ist so, es grüsst kaum jemand mehr, bei uns auch nicht, die Älteren schon gar nicht, die werden glatt übersehen von den jungen Leuten. ich grüsse eigentlich immer, ich lebe in einem Dorf, würde man in der Stadt wohnen ist das natürlich anders, da kann man nicht jeden grüssen, weil man dann aus dem guten Tag sagen gar nicht mehr herauskäme. aber hier ?
    viele haben eben keine Erziehung mehr, tragische Entwicklung. Und grüsst man als erste, kann es sein, daß man keine Antwort bekommt. das ist auch frustrierend. und diese Personen ,merke ich mir. die grüss ich auch nicht mehr. bei uns ist es so, dass die jungen die Älteren grüssen sollten. gehoert eigentlich zum Allgemeinwissen und zur Allgemeinbildung (Knigge) Da ich ja auch nicht mehr 30 bin sondern doppelt so alt, übersieht man mich gerne, mittlerweile ist mir das piepegal. sollen alle machen was sie wollen. grüsse dich herzlich Maja.
    Hast Du gewusst, wenn man älter wird, wird man unsichtbar ?
    ich glaube es gibt sogar ein Buch darüber
    ich muss mal nachforschen

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