Wer mich nicht kennt…

…soll nicht über mich urteilen! Wie schön es doch wäre, wenn sich alle daran halten würden. Gegenseitig, übers Kreuz, rauf und runter und einfach überhaupt im Leben. Ein altes indianisches Sprichwort bringt es auf den Punkt:

Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist.

Wieviel Wahres dieser Satz doch beinhaltet. Die Indianer wussten offenbar sehr gut, wovon sie sprechen. Und ich weiss es auch – zumindest in dieser Hinsicht! Es ist ja nicht so, dass ich nicht auch gerne mal eine Lästertante bin: Zum Beispiel im Sommer, wenn ich in einem Strassenkaffee sitze und den Menschen zusehe. Dann liebe ich es, über alles zu lästern, was mir misfällt. Genauso liebe ich es aber auch, alles zu bewundern, was mir gefällt. Ich glaube, dass der Mensch dieses Tratsch-Gen irgendwie schon bei der Geburt mitbekommt. Manche haben mehr davon, andere weniger. Das sind aber Lästereien, die keinem schaden und niemanden verletzen. Wenn es weh tut,  hört für mich der Spass nämlich auf. Wenn mir etwas nicht passt, erfährt mein Gegenüber das von mir und zwar ziemlich direkt. So hat jeder auch die Chance, gleich darauf zu reagieren, zu erklären oder auch einfach auf dem Absatz umzudrehen und zu gehen. So finde ich das Miteinander oder notfalls sogar das Gegeneinander in Ordnung. Was aber gar nicht geht, passiert mir leider des Öfteren. Und das, seit ich denken kann.

Familiär bedingt und von Berufs wegen war ich immer ein Mensch, der exponiert ist. Das stört mich nicht, zumal ich mich gerade von Jobes wegen selber exponiere. Leider meint dadurch aber jeder, mich zu kennen. Jeder scheint ein bisschen mehr über mich zu wissen und am allerbesten meinen mich jene zu kennen, die bestimmt noch NIE in ihrem Leben auch nur ein Wort mit mir gesprochen haben. Und genau das ist es, was mich auf die Palme bringt. Gemäss diesen unbekannten Bekannten, die ich offenbar habe, bin ich schon diverse Male von meinem Mann geschieden worden. Spannend, denn wir wissen beide nichts davon. Unsere drei Kinder (wohlverstanden, wir wissen nur von zwei Kindern!) sind bei meinem geschiedenen Mann (den ich bekanntlich nicht habe) geblieben. Aha! Mein Geschäft, welches ich alleine aufgebaut habe und auch seit Jahren selber führe, gehört Gerüchten zufolge immer wieder meiner Mutter. Weder meine Mutter, noch ich wissen etwas davon. Und das Beste finde ich, dass immer dann, wenn ich nicht im Geschäft bin, die verbreitete Meinung gilt, ich sei in der Kosmetik, im Nagelstudio oder sonst in irgendwelchen Beatuybehandlungen oder irgendwo auf den Malediven am Tauchen. Wer mich aber wirklich kennt weiss, dass ich Nagelstudios nur vom Hörensagen kenne, keine Kosmetikerin habe (weil ich nicht wüsste, wofür) und dass sich Beautybehandlungen bei mir auf die Ferien beschränken. Und die Malediven und das Tauchen kommen bei mir höchstens in meinen Albträumen vor. Es ist also nicht so, dass ich meine Brötchen mit dem Abhängen in der Hängematte verdiene. Aber eben: Die Leute wissen es offenbar besser als ich. Selbst aus der Presse habe ich über mich schon Dinge erfahren, die ich vorher selber nicht wusste. Das fand ich aber weder prickelnd, noch spannend. Das fand ich einfach nur Scheisse! Nicht fundierte Geschichten, welche journalstisch noch ausgeschmückt werden, gehören nicht in die Zeitung. Schon gar nicht, wenn man damit jemandem Schaden zufügt. Als ehemalige Redaktorin habe ich noch gelernt, dass man niemanden an den Pranger stellt, bloss weil man seine Nase nicht passend findet. Schon gar nicht, wenn man vorher nicht abgeklärt hat, ob an den wahnsinnigen Geschichten etwas Wahres dran ist. Da zweifle ich heute manchmal, ob die Pressefreiheit eine gute Sache ist.

Am härtesten fand ich immer, dass die Gerüchteköche und Lästermäuler auch vor den Kindern nicht halt machen. Meine Güte: Was mussten unsere Kinder im Kindergarten und in der Schule alles über sich ergehen lassen. Und wie oft mussten sie Dinge über uns hören, die sich immer als warme Luft herausstellten. Es gab sogar Lehrer, die meinten, unsere Kinder über ihre Familie aufklären zu müssen. Die schienen uns besser zu kennen, als wir das selber tun. Für mich waren das jene Situationen, in denen ich mich dabei ertappte, im Elterngespräch dem Lehrer gerne A…..loch austeilen zu wollen. Ich tat es nie, den Kindern zuliebe. Denn ausgebadet hätten letztlich sie den Ausraster der Mutter.

Die lustigen Gerüchte finde ich jene, in welchen wir erfahren, dass wir in einer wahnsinnigen Villa wohnen (also quasi in einem Anwesen) und dass wir Bedienstete haben, die für uns die Arbeiten erledigen. Seither suchen wir ständig unsere Villa und die Angestellten – und wir finden sie einfach nicht! In unserem Einfamilienhaus hätten kaum Bedienstete Platz. Es wird schon eng, wenn wir alle zusammen einen Film schauen wollen, weil unser Wohnzimmer keine grössere Couch verträgt. Und mit unserem Koch bin ich verheiratet. Die Wäschefrau begrüsst mich jeden Morgen im Badezimmerspiegel und ich putze ihr sogar die Zähne. Mit dem Gärtner bin ich auch verheiratet (und ich betreibe keine Bigamie) und die Autos waschen wir auch selber. Jetzt brechen hoffentlich alle in Tränen aus, deren Geschichten sich soeben in Luft aufgelöst haben.

Eigentlich ist es die Art, wie ich erzogen wurde, welche mich bis heute davon abgehalten hat, irgend einmal einem Lästermaul an die Gurgel zu gehen. Aber selbst die Gelassenheit, die sich mit zunehmendem Alter einstellt, vermag das Scharren mit den Hufen nicht immer zu stoppen. Wer also über mich urteilen will, soll mich doch bitte erst mal kennenlernen. Und nur, weil jemand meine Homepage gelesen und irgendwo ein Foto von mir gesehen hat, kennt er mich noch lange nicht. Wie gut, dass ich seit Jahren unglaublich tolle Freunde habe, die über die Wildwestgeschichten auch nur den Kopf schütteln können. Herzlichen Dank!

19 Gedanken zu „Wer mich nicht kennt…

  1. Das ist purer Neid und Du kannst stolz auf Dich sein, dass Du Neider hast. Neider hat man nur, wenn man toll ist, was erreicht hat, seine Sache gut macht, Erfolg hat, glücklich sein darf, (ich könnte noch viel hinschreiben, aber dann wird’s zu lang 😉) und eben beneidenswert ist ☺️ Das ist doch was Schönes und das solltest Du geniessen. Mein Onkel hat schon vor Jahren immer den selben Spruch gesagt „DIE EINEN KENNEN MICH, DIE ANDERN KÖNNEN MICH“ !!! Diese Auffassung finde ich gar nicht schlecht, denn die die dich kennen sind wichtig 😘

    Gefällt 1 Person

  2. Jetzt hast du Glück gehabt, dass du uns Nachbarn als Schandmäuler ausgeschlossen hast. Wir hätten direkt eine Sitzung einberufen um noch was neues zu erfinden. So wie du bist, bist du gut, wer dich nicht kennt hat was verpasst.

    Gefällt mir

  3. Ich habe in dieser Hinsicht keine negativen Erfahrungen gemacht.
    Aber kann man von der Presse nicht eine Gegendarstellung verlangen? Ich denke, wenn dieses öfter passiert, dann werden es sich die Schreiberlinge überlegen, was sie veröffentlichen.
    Ansonsten mag ich dieses hinter-dem Rücken-reden auch nicht, im Gegenteil, ich bin für ein kämpfen mit offenem Visier.
    Auch wenn das Thema traurig ist, hast Du es sehr gut geschrieben.
    Mein Dank dafür!

    g. l. G. Jochen

    Gefällt mir

    • Danke für das Feedback. Glücklicherweise war das mit der Presse kein Dauerbrenner, sondern eine einmalige Sache (im Bezug auf das Negative). Dewegen habe ich auf eine Gegendarstellung verzichtet. Weisst Du, Gegendarstellungen in der Zeitung sind immer so eine Sache: Das siehst so nach „Ich muss mich rechtfertigen“ aus, und das kann auch ziemlich in die Hose gehen.
      Freue mich immer über Deine Kommentare und: Dein Avatar zaubert mir immer ein Grinsen aufs Gesicht! 🙂

      Gefällt mir

  4. Ich kenne das auch und ich bin auch genau wegen diesem Gerede aus meinem Heimatort mit 19 weggezogen. Bei mir war der Ofen aus, als ich 2x schwanger war – und 1x abgetrieben und 1x mein Kind verloren habe – BEVOR ich das erste Mal Sex hatte….. Aber mittlerweile bin ich ein wenig ruhiger und wenn mich jemand doch zu sehr nervt, dann höre auch ich mir die Ärzte an. Die treffen es richtig gut auf den Punkt! Achja, wenn dein Leben nicht interessant auf die anderen wirken würde, würden sie auch nicht über dich reden ;-)! Lass dich nicht unterkriegen. LG

    Gefällt 2 Personen

    • Hihi, danke für den Kommentar. Du warst es also, die die unbefleckte Empfängnis erfunden hat! Jetzt hab ichs begriffen! 🙂 Unterkriegen? Nö! Dafür habe ich mich zu sehr daran gewöhnt und mit meinen inzwischen 47 Jahren bin ich gelassener geworden. Es kommt nur noch selten vor, dass ich gerne ausrasten möchte. Ich denke manchmal auch: Neid muss man sich hart erarbeiten, also habe ich wohl etwas richtig gemacht! 🙂 Danke für den Kommentar 🙂

      Gefällt 1 Person

      • Da kommt mir folgender Ausspruch des Max & Moritz Erschaffers in den Sinn: „Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung“. Nur verleidet die Todsünde Neid unsere Mitmenschen auch dazu weit über das Ziel der lapidaren Lästerei hinaus zu schießen. Schnell ist so der Arbeitsplatz oder die Ehe in Gefahr – mir würden spontan diverse Beispiele aus „unserem Dorf“ einfallen.. Dabei ist doch jeder seines Glückes Schmied – wer nach materiellen Dingen trachtet, der sollte sein Hinterteil hochbewegen, denn wir leben in einem Europa, in dem beruflich unheimlich viel möglich ist (insofern man bereit ist, auf geregelte Freizeit und Urlaub zu verzichten). Und gegen die Schönheit anderer hegt man keinen Neid. Wer dies doch tut, hat noch nicht verinnerlicht, dass jeder Mensch auf seine individuelle Art und Weise schön ist. Manchmal hilft es allerdings schon die Haare zu waschen und die Jogginghose im Schrank zu belassen.
        Liebe Daniela, ich danke dir für diesen sensationellen Beitrag.

        Gefällt mir

  5. Huh, jetzt bin ich aber mal so richtig neugierig geworden. Du scheinst ja eine illustre Figur zu sein, liebe Praline, wenn man sich so das Maul über euch zerreißt.
    Ich bekomme vom Dorftratsch nichts mit, weil ich sehr nette Nachbarn und nicht viel mit den Leuten hier sonst zu tun habe. Aber ich erinnere mich, dass mir auch mal sieben Kinder nachgesagt wurden – obwohl es damals erst vier waren 🙂
    Ansonsten sag ich „hier rein, da raus“

    Gefällt 1 Person

    • Ich bin weit weniger illuster, als die Menschen mich machen. Als Person, die aber an der selbständigen Arbeitsfront kämpft, um Dinge benieden wird, die nicht beeinflussbar sind, durch den Charakter polarisiert und durch die grosse Klappe auffällt – tja, da hat man manchmal ganz schön viel zu schlucken. Ja, hier rein, da raus! Absolut richtig! Gelingt mir heute meistens! Wie gesagt, meistens….manchmal ist es auch so, dass ich gerne jemandem an die Gurgel gehen möchte. Aber eben: Das tut MAN nicht! Schaaaaade!! Mir täte das bestimmt guuuuut 🙂

      Gefällt 1 Person

    • Uii, ich hab vergessen: Wir haben auch nette Nachbarn – daran liegt es nicht. Die Tratscher sind auch nicht die Nachbarn – zumindest in meinem Fall nicht. Die kennen uns nämlich und wissen ja, dass wir nicht im Anwesen mit den Bediensteten wohnen – die lachen sich schlapp, wenn sie die Geschichten jeweils hören! 🙂

      Gefällt 1 Person

  6. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.
    Ich denke auch dass der Ursprung Neid ist. Bei uns hiess es immer, wir seinen Strebereltern, welche die Kinder immer zum lernen zwingen…Weil unsere 3 alle ins Gymnasium gingen.
    Dabei habe ich immer nebenbei gearbeitet und studiert und nie die Zeit für solche Spässe gehabt.
    Zum Glück hörte ich die Geschichten meist nicht, ich war ja tagsüber nicht im Dorf ;.)

    Gefällt 1 Person

    • Ja, die Sache mit den Strebereltern hatten wir auch….ich habe bis dahin eben gar nicht gewusst, dass man Kinder in die höheren Schulen prügeln, zwingen oder einkaufen kann. 🙂 🙂 Einfach nur dämlich, dieses Geschwätz. Und der Ursprung mal wieder: NEID!

      Gefällt mir

  7. Oh ja, das kenne ich. Ich bin zwar nicht so exponiert wie Du, aber hin und wieder bekomme ich auch mit, was für Gerüchte zeitweise z.B. in der Arbeit rumgehen. Da fragt man sich dann schon – wie kommen die Leute auf sowas?! Soviel Phantasie hätte ich gar nicht.
    Ich hasse ja dieses Hintenrum auch sosehr. Leider ist das m.E. eine eher typisch weibliche Eigenschaft. Von Männern habe ich bisher eigentlich immer eher Offenheit erlebt.

    Gefällt 1 Person

  8. Wow, der coolste Kommentar ever!!!! Ich dachte schon, Du seist unter die Dichter gegangen, bis ich gesehen habe, dass es von „Den Ärzten“ ist. Wie passend! Ich bin jetzt gerade Fan von den Ärzten geworden. Sowas von wahr – mehr geht nicht! 🙂 Danke, lieber Timo 🙂

    Gefällt 1 Person

  9. Lass die Leute reden und hör einfach nicht hin.
    Die meisten Leute haben ja gar nichts böses im Sinn.
    Es ist ihr eintöniges Leben, was sie quält
    und der Tag wird intressanter, wenn man Märchen erzählt…
    „Die Ärzte“ 😉

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s