Schreiben von A – Z: F = Familienwahnsinn

Heute braucht es für jede Art von Aktivität ausserhalb der Freizeit ein Diplom. Nicht für die grösste Herausforderung des Lebens: das Projekt Familie. Und dabei ist dies ein Kraftakt, wie kaum ein anderer. Will man das Familienmanagement richtig machen, ist dies eine Arbeit, die mit keiner anderen zu vergleichen ist. Denn die Pampers-Werbung, die suggeriert, dass alle mit Pampers gewickelten Babys immer grinsen, ist eine ganz schöne Verarschung. Wir haben es jahrelang getestet und es hat nicht funktioniert!

Das Projekt fängt ja üblicherweise schon mit der Schwangerschaft der Frau an. Bei manchen einfach, bei anderen wird schon diese Zeit zu einer Bewährungsprobe. Üblicherweise steht am Ende dieser Zeit eine Geburt bevor, auf die man auch nicht so wirklich vorbereitet ist. Was in den gescheiten Büchern steht, trifft selten genauso ein. Dass dann das Dauergrinsen bei den Eltern auf dem Gesicht festgetackert wird, wenn der kleine Mensch da ist, kann nur wieder an der Werbung liegen. Denn bei uns war – neben der Freude über den gesunden Nachwuchs – die Anzahl Augenringe bedeutend ausgeprägter, als das Grinsen. Wir hätten uns manchmal einfach nur gewünscht, mal wieder so fünf Stunden am Stück schlafen zu können. Das war aber in unserem Fall die ersten zwei Jahre nicht ein einziges Mal möglich. Und da wird das „Wir-sind-die-glücklichsten-Eltern-Grinsen“ zeitweise zur echten Herausforderung.

Kaum überstanden, kommt die Trotzphase. Gut, die ist bei uns halbwegs glimpflich abgelaufen. Aber ich weiss, dass das auch anders gehen kann. Der Nachwuchs entwickelt seine eigene Persönlichkeit, fährt die Ellbogen aus und macht sich lautstark bemerkbar, wenn ihm etwas nicht passt. Und mit Farbstiften und anderen Utensilien wird das Haus von den Knirpsen umdekoriert. Ungefragt! Immer schön lächeln….

In der Schulzeit kommen dann die Phasen, in welchen die Eltern wissenstechnisch wieder gefordert werden. Wir haben uns manchmal gefragt, ob eigentlich die Hausaufgaben absichtlich so konzipiert werden, dass die Kinder sie kaum alleine lösen können. So kann gleich noch getestet werden, wie schlau die Eltern sind. Wir können uns auf die Schulter klopfen, wir waren immer gut mit dabei. Und dazu coachten wir regelmässig noch andere Kinder, deren Eltern entweder keine Zeit oder das Wissen nicht hatten, um unterstützend mitzuwirken. Schulterklopf für uns. Schulsystem?

Was aber danach kommt, toppt eigentlich jede Art von Ausnahmesituation, die man im Leben durchmachen kann. Das Phänomen nennt sich gemäss Lehrbuch Pubertät. Ich bin an Grenzen gekommen, in welchen ich nur noch dachte: „Scheiss aufs Lehrbuch und hol den Vorschlaghammer!“ Alle Geschockten können sich wieder beruhigen, unsere Kinder wurden nie misshandelt. Aber ich gebe zu, dass ich es manchmal gerne so ein klitzekleines bisschen getan hätte. So eine Miniwatsche oder ein zärtliches Ohrenlangziehen wäre schon cool gewesen. Grenzen werden bekanntlich in dieser Zeit zu unsichtbaren Luftlöchern. Eltern werden zu Vollidioten, Lehrmeister zu Deppen und alles, was man jahrelang vermittelt hat, scheint im Nirgendwo verschwunden zu sein. Die Explosionen im Gehirn eines Pubertierenden sind offenbar nicht bei allen gleich intensiv. Bei uns glichen sie einem 1. August-Feuerwerk, welches gerade noch die Silvesterraketen mitgenommen hat. Und die Tatsache, dass offenbar der Umbau im Gehirn erst so zwischen 20 und 25 irgendwann abgeschlossen ist, macht den Umstand auch nicht wirklich besser. In dieser Zeit sollte man versuchen, nicht alles persönlich zu nehmen, sonst läuft man Gefahr, mit Betonschuhen schwimmen zu gehen. Es braucht Kraft, in dieser Phase zu akzeptieren, dass man alles falsch macht. Auch, dass das Kind von einem Tag auf den anderen plötzlich vegetarisch lebt, um sich in der nächsten Woche ein Fondue Chinoise zu wünschen, darf man nicht hinterfragen. Und die Frauen-, bzw. Männergeschichten, welche man lieber nicht hören möchte, gehören auch dazu. Der tolle Papa mutiert zum alten Sack, der keine Ahnung hat. Die coole Mama wird zur peinlichen Mutter, die man am liebsten im Schrank verstecken würde. Sowas von peinlich, diese Eltern! Einem Schaf das Rollschuhfahren beizubringen ist einfacher, als die Pubertät als Eltern unbeschadet zu überstehen.

Und wenn die lieben Kinder dann den Gehirnumbau überstanden, die Ausbildung absolviert und den Verstand zurückerobert haben, dann kann man sich bereits darauf einstellen, dass sie gehen. Loslösungsprozess – so stehts im gescheiten Lehrbuch. Faktisch oft so, dass das Kindwesen sich zwar lösen möchte, seine Wäsche und die Rechnungen aber lieber nicht. Die möchten zu Hause bleiben. Darüber steht aber im gescheiten Buch nichts.

Das mag alles ganz furchtbar klingen – ist es manchmal auch! Unterm Strich ist das Projekt Familie das Beste, was es gibt. Aber es ist gleichzeitig das Anstrengendste, was man sich nur vorstellen kann. Deshalb grenzt es mehrmals jährlich an Wahnsinn. Und jede Familie, die das gesund und unbeschadet über die Bühne bringt, hat meinen allergrössten Respekt. Hätte ich mehr als zwei Kinder – ich hätte vermutlich schon im Windelalter eine Einzelzelle in einer Nervenklinik gebucht. Chapeau an alle Mütter und Väter, die eine Grossfamilie managen!

15 Gedanken zu „Schreiben von A – Z: F = Familienwahnsinn

  1. Danke…ich zähle mich da hinzu! 😉
    Aber ich habe die Pubertät und alles Weitere noch vor mir – und dann auch noch dreimal die weibliche….ich glaube, Mädchen sind schlimmer, oder?! 😀
    Bei meiner Ältesten fängt die Pubertät schon an. Mein Mann meckert mehr als ich…ich kann mich wahrscheinlich besser in die Lage versetzen und erkenne mich selbst als Teeanager wieder. Jetzt kann ich aber auch meine Eltern gut verstehen! 😉

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    • Das ist ohnehin ein faszinierendes Phänomen – man versteht die eigenen Eltern immer besser, wenn man selber Kinder grosszieht! Ich habe schon oft gedacht, dass meine Eltern ganz schön was aushalten mussten mit uns (also eigentlich eher mit meinem kleinen Bruder – ich war ja eher die Variante lahmes Streberkind….). 🙂

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  2. Ohje meine Kinder sind erst 4 und 1. Bis jetzt sind wir schon echt gut davon gekommen, aber wenn ich das hier so lese, dann kommt ja noch was auf und zu..
    Tja und doof wenn man weiß (inzwischen) das man selber nen Kastrophe in der Pubertät war..

    Naja wird schon:D

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  3. Hihi, ich amüsiere mich. 🙂
    Bei uns ging es eigentlich ziemlich easy durch die Pubertät, ich finde das Kleinkindalter viel anstrengender. Zwei Pubis habe ich ja noch vor mir. Mal sehen, wie es mit denen wird. Aber da sie das System und die Regeln von den Grossen kennen, rechne ich eigentlich nicht mit größeren Problemen. 🙂

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  4. Haha … dine Formulierungen bringen mich grad total zum Lachen und der Inhalt ist so treffend!
    Wir stehen mit unserer Nummer 1 gerade am Anfang der Pubertät, zumindest was die „Gehirnexplosionen“ angeht. Körperlich sieht sie schon fast aus wie 15 mit ihren 12 Jahren. Schuhgröße eine Nummer mehr als Mama und so weiter …

    Ich harre nun etwas ängstlich der Dinge, die da kommen mögen und hoffe sehr, dass ich am Ende nicht auch eine Einzelzelle buche.
    Wobei, wenn ich mich entsinne, waren mein lieber Mann und ich wöhrend dieser Phase nicht ganz so unterträglich wie man es sein könnte. Sagten unsere Eltern. Mal abwarten. Ich hab Angst 😀

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