Schreiben von A – Z: V = Verplant

Lange Zeit kam ich in meinem Leben ohne eine Agenda aus. Da war aber erstens mein Gehirn noch nicht überfüllt mit Müll und ich hatte auch nicht endlos viele Termine. Zudem kann man sich in der Jugend einiges mehr merken, als mit zunehmendem Alter. Heute habe ich einen grossen Terminplaner und dieser besteht aus Papier. Die Sache mit der Agenda auf dem Handy will mir einfach nicht gelingen. Ich will einschreiben können, was ich auf dem Plan haben. Ich will am Sonntag die Seite umdrehen und die nächste Woche in farbiger Pracht vor Augen haben. Geburtstage in rot, Blogthemen in lila, Geschäftstermine in blau und Privattermine in schwarz. Und dabei gibt es Wochen, die sehen aus wie ein Farbensalat und ich starte am Montag mit einem tiefen Seufzer. In meinem Fall kann man da nur sagen: Selber schuld!

Nun gibt es aber Kinder, deren Agenden sehen weit schlimmer aus, als die meine. Und das kommt bestimmt nicht daher, weil die Kids ihre Wochen selber überfüllen und mit Terminen verplanen. Da sind in aller Regel übereifrige Mamas im Hintergrund, die ihre Sprösslinge zu Wunderkindern machen wollen – auf Gedeih und Verderben! Um jeden Preis! Da sehen die grossen Familienplaner in der Küche aus, als ob der Präsident und sein Kabinett ihr Jahr durchgeplant hätten.

Während ich früher mit meinen Kindern die meiste Zeit auf Spielplätzen oder beim Legospielen im Zimmer verbrachte, reicht das heute bei weitem nicht mehr. Der Knirps lernt spätestens mit drei Jahren seine ersten Abschläge auf dem Golfplatz. Er muss ja schliesslich früh genug ein Ballgefühl entwickeln. Anschliessend folgt die frühmusikalische Erziehung, schliesslich könnte auch ein Sänger im Nachwuchs versteckt sein. Dann gehts zum Schwimmunterricht – man will sich ja im Urlaub nicht lumpen lassen und mit dem freischwimmenden Zwerg glänzen. Habe ich die Lektion Englisch für Kids schon erwähnt? Die wird natürlich auch noch in die Woche reingequetscht. Und die kleine Schwester geht selbstverständlich zum Ballettunterricht, obwohl sie noch gar nicht wirklich gerade und vernünftig laufen kann. Mama will ja aber nichts verpassen, schliesslich könnte da eine Ballerina schlummern. Das Klaver zieht zu Hause ein, sobald der Spross halbwegs gerade auf dem Stuhl sitzen kann und der Klavierlehrer hat gefälligst das kleine Wunderkind zu erkennen.

Und so wird der Nachwuchs – oft noch mit Windeln – von Freitzeitbeschäftigung zu Freizeitbeschäftigung geschleppt, ohne daran zu denken, dass die Freizeit dabei flöten geht. Schliesslich werden die Talente ganz jung geschmiedet! Und weil die kleinen Menschen keine Zeit mehr haben, einfach nur Kind sein zu können, werden sie in der Schule auffällig, zappelig und aufsässig. Sie sind überspannt, übermüdet, unkonzentriert und werden zur Abklärung geschleppt. Ich wage als Mutter mit einer guten Auffassungsgabe zu behaupten, dass die Diagnose bei den meisten Kindern „verplant“ lauten müsste. Rauskommen tut aber meistens eine Diagnose wie ADHS oder Hochbegabung. Klingt viel cooler und kann behandelt werden. Ich weiss, das klingt sehr allgemein und es gibt glücklicherweise ganz viele vernünftige Eltern mit ganz vielen normalen Kindern. Alle anderen tun mir einfach nur leid.

10 Gedanken zu „Schreiben von A – Z: V = Verplant

  1. ich kenn das aus meinem umfeld: leben als leistungssport!!
    super in der schule und ab klasse3 sonderforderung, weil das normale pensum nicht zu reichen scheint. ein musikinstrument mit mindestens einmal pro woche probe, eher zweimal. dazu der sportliche „ausgleich“ und bitte nicht in einer abhängmannschaft, sondern auch hier 2mal die woche training plus turniere oder spiele am wochenende. dann wundert sich mutti, wenn die kinder mal keinen bock haben an einem „freien“nachmittag noch vor die tür zu gehen. ich kenne diese spezies und davon gibt es viele, viele. es kommt super viel druck von den eltern. ich habe auch das gefühl es wird immer schlimmer.
    allein, wenn man an seine eigene schulzeit denken würde, käme einem evtl in den sinn, dass es einfach zu viel ist.viel zu viel.
    ich sage ja immer „wenn die eltern engagierter sind wie die kids, dann stimmt was nicht“

    ich kenne kein kind, was nicht glücklich ist, wenn es vermatscht, verdreckt, nass und ausgespielt aus der natur zurückkommt. egal ob die sandkiste im garten, der bachlauf oder der wald.

    liebe grüße
    babs

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  2. Ich habe meine Termine sowohl auf dem Handy als auch auf einem grossen Kalender daheim in der Küche. Sicher ist sicher. Leider synchronisiert sich das nicht von alleine, daran muss ich noch arbeiten 😀

    Gibt es wirklich so viele solcher Eltern? Ich kenne ehrlich keine, die so drauf sind. Also, die meisten Kinder, die ich kenne, machen schon ein Hobby, aber alles im Rahmen.

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  3. Ich mag mein Smartphone, aber es hat sehr viele Funktionen, die ich bisher einfach nicht verstehe 🙂 Für Termine gibt es nichts Sicheres für mich als Papier, aber einen eigenen Kalender für mein Kind anzulegen, dazu hätte ich einfach keine Lust. Ist ja letztendlich nicht nur Streß für sie, sondern auch für mich. Einen schönen Sonntag. Melanie

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  4. Liebe Dani, wie schön, dass du auch dieses Thema nicht unebrührt lässt. Ich selbst habe keine Kinder, beobachte selbiges Phänomen aber bei meinen Nachbarn und wünschte manchmal, ich könnte die Kinder klauen und mit ihnen zusammen Kind sein und sei es nur für ein paar Stunden. Schließlich ist diese Zeit des Lebens bekanntlich die Kürzeste…

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  5. ich kenn das nur zu gut, ich brauch meinen schriftlichen (!) taschenkalender einfach, am smartphone will es einfach nicht klappen.

    zuhause hängt auch ein großer familienkalender. und ja meine kleinen geschwister haben auch viele termine. klavier, blockflöte, fussball/reiten. der sport dient als ausgleich zur schule. klavier und blockflöte zur förderung und auslastung wenn man so will, da die beiden in der ersten klasse gezeigt haben, das sie sich anfangen zu langweilen, als sie alle buchstaben kannten und bis 20 rechnen konnten. sie wurden aus prinzip nicht getestet auf hochbegabung, da es viele lehrer abschreckt wenn sie ein solches kind in der klasse haben. stattdessen wurden sie anders ausgelastet, gefordert. beide haben sehr viel spaß am lernen und wenn sie etwas nicht passt, sagen sie es und müssen es nicht machen. wie zB bei meiner schwester: alle ihre freundinnen sind zum leistungsturnen gegangen, folglich wollte sie unbedingt auch, mama hat sie es ausprobieren, eigene erfahrungen machen lassen, obwohl sie wusste das es nichts für sie ist. das kind merkte selber das es nicht ihre welt ist und sie besser beim reiten aufgehoben ist. finde ich toll, das mama sie eigene erfahrungen machen lässt.
    trotz aller termine haben beide aber genug zeit kind zu sein und zu spielen 🙂

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