Expertenwissen

Ich habe mir in letzter Zeit oft die Frage gestellt, wann sich jemand Experte nennen darf? Oder noch besser: Gibt es überhaupt eine Expertengrenze und wenn ja, wo und wie ist diese definiert? Mir fällt nämlich auf, dass ständig irgendwo irgendwelche Experten zitiert werden. Sei es in der Zeitung, im Fernsehen oder im Radio. Wer ernennt diese Leute eigentlich zu Experten? Oder ist das ein Beruf, den man erlernen kann?

Also, wenn ein Finanzexperte sagt: „Wir schauen grundsätzlich positiv in die Zukunft, dürfen aber den kritischen Aspekt nicht ausser Acht lassen“, was zum Geier sagt er dann damit aus? Doch eigentlich einfach nichts, oder!? Wenn der Wirtschaftsexperte feststellt dass es im heutigen Umfeld schwierig ist, auf ein Wachstum zu spekulieren, eine Stagnation deshalb wahrscheinlicher ist, dann sagt er uns damit was genau? Eigentlich auch nichts. Diese Experten geben also Wissen von sich, welches jeder halbwegs normale Mensch ohnehin hat.

Besonders fasziniert bin ich immer von den Krisenexperten, die sich so klar ausdrücken, dass sie auch gleich den Schnabel halten könnten: „Im Grundsatz ist die Lage derzeit sehr angespannt. Es könnte durchaus zu einem Krieg kommen – allerdings besteht die begründete Hoffnung, dass sich die Lage wieder stabilisiert.“ Ach neeeeee? Es gibt also zwei Varianten: Entweder gibt es Krieg, oder es gibt eben keinen. Herzlichen Dank für die fundierte Aussage. Dafür hätten wir wohl alle keinen Experten gebraucht. Drum nochmal: Wann ist ein Experte ein Experte und wer bestimmt das?

Eigentlich habe ich mir nämlich überlegt, dass ich in Zukunft auch Geld dafür verlangen könnte, wenn ich jemanden informiere über:
Erziehung, Mode, Schreiben, Körpersprache, Wellness, Katzen, Schuhe, Handtaschen oder Familienmanagement. Das sind nämlich alles Dinge, von denen ich etwas verstehe. Ob mich das aber deswegen gleich zur Expertin macht, weiss ich nicht. Aber so gescheite Sätze wie: „Es könnte durchaus sein, dass ihr Kind eine schwierige Phase durchmacht. Möglicherweise hört diese aber nach ungefähr zwei Jahren wieder auf“, bringe ich durchaus auch auf die Reihe. Und wenn ich damit noch Geld verdienen könnte, wäre ich ja doof, wenn ich das nicht tun würde. Ich lasse doch einfach mal eine Runde Experten-Visitenkarten drucken, für all das nütze und unnütze Wissen, welches ich mir im Verlauf der Jahre so angeeignet habe. Dann bin ich immer und überall ausgerüstet.

So, und jetzt noch einmal die Gretchenfrage: Wann ist ein Experte ein Experte und wer bestimmt das?

29 Gedanken zu „Expertenwissen

  1. Ich sage dir wo die Experten sind. Beim Jugendamt. Sry Du kannst das Wort bestimmt gar nicht mehr hören aber das schlimme ist, es passt immer. Da schreibst du über ich Menschen und die findet man beim Jugendamt und co zuhauf. Du schreibst über sogenannte Experten und die gibt’s da wie wahnsinnig.

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  2. Ich habe gerade neulich eine Artikelüberschrift aufgeschnappt, deren dranhängenden Text ich leider nicht gelesen habe. Es ging darum, dass in Deutschland (ich kann für die Schweiz nicht mitreden) vor dem Können die Abschlussnote steht, dass also Menschen oft auf Grund ihrer Zeugnisse, nicht auf Grund ihrer tatsächlichen Expertise eingestellt werden. Und da sind wir schon sehr nah am Experten. Denn wenn ich als Journalistin etwas schreibe, ist es lange noch nicht so viel Wert wie wenn es von einem Experten, wahlweise einer Expertin gesagt wird. Der Doktortitel macht’s oder die Stelle im Ministerium. Zu viel Respekt vor Titeln – immer noch?

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  3. Hautexperten bewerben überteuerte Cremes. – Für mich ist da eher der Hautarzt der Experte.

    Experten sollten Erfahrung haben und weil wir das glauben, das aber kein geschützter Begriff ist, setzt man uns dauernd Experten vor.

    Experte kommt laut Wikipedia aus dem Lateinischen und heißt Fachmann/Sachkundiger. Wieso zum Teil einfach nur Schauspieler für Werbespots so benannt werden, ist natürlich klar. Man will verkaufen.

    Islamexperten scheinen aktuell wie Pilze nach einem Regenschauer aus dem Boden zu schießen. Ob die alle Islamistik studiert haben und jetzt „Hier! Hier!“ schreien, weil sie jetzt endlich mal Geld damit verdienen können, weiß ich nicht.

    In der Ausbildung hat man und gesagt, wir sollen chronisch kranken Menschen zugestehen, dass sie über die Jahre zum Experten für ihre Krankheit geworden sind, weil sie sich tagtäglich damit auseinander setzen (müssen).

    Wer ist denn dann Erziehungsexperte? Die Mutter? Der studierte Pädagoge? Warum haben Pädagogen dann manchmal so furchtbare „Ergebnisse“ bei ihren Kindern vorzuweisen?

    Wäre ein Muslim nicht der bessere Islamexperte? Oder ein Muslim, der Islamistik studiert hat?

    Ein Wirtschaftsexperte lernt glaub ich schnell, hohle Phrasen zu dreschen. Hinterher kann er immer sagen, er hätte das Gegenteil gemeint.

    Der Begriff „Experte“ wird aktuell so inflationär benutzt, dass er abgewertet wird.

    Streng genommen jedoch sind wir alle Experten in irgend etwas. Immerhin sind wir alle in irgendeiner Sache kundig.

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  4. Eine interessante Frage. Der Begriff ist furchtbar inflationär. Eine/r kann tiefstes Fachwissen über etwas haben und doch fehlen ihm oder ihr die Querdenkerkompetenzen, was ihn zum Fachidioten degradiert.

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  5. Manchmal ist der Experte auch der, der den Kopf nicht schnell genug einzieht….oder so…
    Ich hüte mich auf jede Fall bei der Arbeit davor andere merken zu lassen, dass ich die Scheisstools eigentlich immer recht schnell und gut beherrsche, sonst stört mich ständig einer weil er Hilfe braucht.

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  6. Experten werden immer dann ernannt, wenn sie gebraucht werden. Zum Beispiel braucht eine Fernsehsendung einen Experten. Der Praktikant wird los geschickt, wirft sein Lasso aus und angelt sich so den nächstbesten Menschen von der Straße, damit dieser, als Experte verkleidet, Unfug von sich geben darf. Dabei liest dieser einen vorgegebenen Text von einer Tafel ab, die eilig bekritzelt wurde. So stell ich mir das jedenfalls vor. Anders kann ich mir nicht erklären, wo ZDF ihre 70jährigen Rentner-Omis herbekommt, die dann als Videospiele-Experten(!!!!) auftreten, und dermaßen Schwachsinn daher sabbeln, dass man wütend werden kann. Also gilt die Regel: Je weniger du weisst, desto mehr Experte bist du. Sieht man doch. Du hast ja schon ganz tolle Beispiele aufgeschrieben. Experten sind grundsätzlich Meister darin viel zu reden und nichts zu sagen (und keine Ahnung haben sie auch noch!). Wofür man die nun braucht? Wenn man noch selbst denken, kann gar nicht. Wie man das wird? Einfach machen. Wer das bestimmt? Du selber, solange dir keiner auf die Schliche kommt, kannst du auch Bundespräsident werden – merkt doch keiner. (Grundsätzlich kann man mit allem Geld verdienen. Schaffen die Wahrsager im Fernsehen ja auch – Astrologie-Experten…;) )

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