Wann ist ein Mann ein Mann?

Hattet ihr auch schon einmal eine Blase am Fuss? Ich schon, und drum weiss ich, dass das ziemlich weh tut. Aber letzthin habe ich Blasen gesehen, an denen noch ein bisschen Fuss hing: Will heissen, dass besagte Füsse eigentlich nur noch aus Blasen bestanden. Und wir reden hier von Blasen, die so gross wie Mandarinen waren. So was habe ich echt noch nie vorher gesehen.

Ein junger Militärabsolvent war bei uns zu Gast. Er „eierte“ vom Auto zum Hauseingang – von gehen konnte man bei seinem Watschelgang nicht mehr sprechen. Ich dachte erst, er hätte vielleicht Rückenbeschwerden…. Nein, er hat tags zuvor einen 50 Kilometermarsch in Militärstiefeln absolviert: Resultat waren eben besagte Blasen. Die Fussballen sahen aus wie mit Wasser gefüllte Ballons und die grossen Zehen hatten sich verdoppelt. Rund um die Ferse versammelte sich eine ganze Blasenfamilie. Mir tat schon der Anblick weh. Wir rückten also den Riesenblasen mit sterilen Nadeln, Merfensalbe und Verbandsmaterial zu Leibe. Dumm nur, dass man im Militär gerade mal 24 Stunden Zeit hat, bevor man wieder in die Militärstiefel steigen und erneut aufrecht bereitstehen muss. Und wer sich nun fragt, wozu das Ganze gut sein soll….vergesst die Frage ganz schnell wieder. Die wenigsten haben darauf nämlich eine halbwegs vernünftige Antwort. Und Sätze wie „Da werden die Jungs zu Männern“, oder „Das bildet den Charakter“, oder „Da werden Führungsqualitäten gefeilt“, oder „Was Dich nicht umbringt, macht Dich stärker“, sind einfach nur zum Lachen. Ich meine: Dass die Armee in Katastrophengebieten als Helfer funktioniert, finde ich toll. Oder zum Schutz in brenzligen politischen Situationen. Zum Einsatz im Krieg kann man eine Armee in der Grösse der Schweizer Armee aber kaum ernst nehmen. Und selbst wenn, so werde ich nie verstehen, was Aktionen wie eine Überlebenswoche oder 50-Kilometermärsche dabei nützen sollten.

Wenn ein Jüngling seinen Militärdienst absolviert und die obligatorischen Diensttage gleich angehängt hat, wird er ja nach knapp einem Jahr aus der Armee entlassen. Das heisst, dass er sich vermutlich nie wieder mit dem Thema befassen wird, weil er froh ist, wenn er diese Zeit hinter sich hat. Gesetzt der Fall, 20 Jahre später bricht Krieg aus – na dann prost! Die meisten werden nämlich kaum mehr die Übung und die Kondition haben, um an der Front nützlich zu sein. Was da also solche Übungswochen und Märsche bis zum Umfallen bringen sollen, werde ich nie kapieren. Und ich bin als Mutter richtig froh, dass man bei meinem Sohn gleich zwei Untauglichkeitsstempel in den Ausweis machte. Damit ist er das leidige Thema Militär ein für alle mal los.

Ich finde es im übrigen auch nicht wirklich persönlichkeitsbildend, wenn man in einer Kaserne mit unzähligen Schnarchern, Stinkern, Gruchzern und Furzern versuchen muss, sich die obligatorischen sechs Stunden Schlaf zu holen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, aber da wird eben ein Jüngling zum Mann, schliesslich. Mit Schlafentzug, sinnlosen Befehlen, stundenlangem Rumstehen in der Kälte, Märschen bis zum Umfallen und Regeln, die im normalen Leben nirgends existieren. Wie singt Grönemeyer so schön. „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Also ganz bestimmt nicht, wenn er den militärischen Nonsens hat über sich ergehen lassen.

51 Gedanken zu „Wann ist ein Mann ein Mann?

  1. Das war einer der Hauptgründe, warum ich da nicht hingegangen bin, weil du da deine Persönlichkeit und deine Würde an der Tür abgeben musst und zu einer Nummer gemacht wirst. Wenn das Bildung sein soll, dann Bildung zum willenlosen Untertan, wie ihn alle Diktatoren gerne haben.

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  2. Ist ja nun schon eine Weile her mit der Bundeswehr. Großartigen Sinn hab ich dort nicht gefunden, Unsinn dagegen jede Menge. Schwachsinn auch den ein oder anderen. Zur Zeit des deutschen Herbstes und kalten Krieges Diesnt zu tun war auch nicht besonders witzig, man wusste nie, ob ein Alarm jetzt Übung oder Ernst war, letzteres glücklicherweise im nachhinein nie.

    Und dabei wollte ich doch nie, die Gewissensprüfer meinten allerdings etwas anderes. Gelernt habe ich als Sanitäter dann doch noch ein klein wenig Nützliches, nämlich effektive erste Hilfe, immerhin.

    Auch damals allerdings hätte man bei uns niemanden mit derartigen Marschblasen für dienstfähig erklärt sondern mindestens innendienstkrank geschrieben. Dafür hätte ich als Fachvorgesetzter und Sanitätsbegleitung eines Marsches oder beim Durchgang durch die Einheit nach dem Marsch zur obligatorischen Marschblasenbehandlung auch als Mannschaftsdienstgrad gegenüber Unteroffizieren und Hauptleuten durchaus sorgen können.

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  3. Will mal meinen Senf kurz dazu geben:
    Ich habe es geschafft, trotz positiver Musterung mich vor der Bundeswehr zu drücken. Hatte einfach keine Lust. Zwanzig Jahre später kamen mir Zweifel, ob ich wohl das Richtige getan hatte, denn es wäre auch ein Sprungbrett in eine andere Berufsrichtung gewesen.
    Über Sinn und Zweck irgendwelcher Begebenheiten nach zu denken, ist vergebene Liebesmüh´, dass schafft nur Unmut. Auch wenn die Schweizer Armee für militärische Zwecke im herkömmlichen Sinn keine Anwendung findet, so ist doch das Erlernen von Disziplin und Ordnung außerhalb der Familie nicht umsonst.
    In einem nächsten Krieg wird es sowieso keinen Gewinner geben und die Strahlen werden jede Art von Armee (ob klein oder groß) gleichmäßig überziehen.

    Hoffentlich werden wir es nie erleben müssen!!!

    G. l. G. Jochen

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    • Ich kann nicht behaupten beim „Bund“ großartig Disziplin und Ordnung gelernt zu haben. (Kadaver-)Gehorsam sollte man nicht mit Disziplin verwechseln. Disziplin ist eine Tugend, die aus einem selbst und aus vernünftigen Gründen kommen sollte. Wenn Disziplin nur Gehorsam bedeutet, ist man auch bei unvernünftigen Dingen gehorsam. Das zu sein, lernt man im Wesentlichen bei Armeen aller Art, wenn man es denn akzeptiert.

      Ordnung zu halten ist an sich vernünftig, bei der Bundeswehr habe ich jedoch eher gelernt, mit so wenig Aufwand wie möglich einen Zustand scheinbarer Ordnung zu erzeugen, der die eigentliche Unordnung möglichst effektiv verbirgt. Niemand hat dafür mehr getan, als er ohne Sanktionen befürchten zu müssen unbedingt tun musste.

      Die immer wieder gepriesenen Tugenden, die man durch den Dienst in einer Armee angeblich erwerben soll, sind zumindest in meiner Zeit dort an mir vorüber gegangen, und ich habe sie, soweit ich sie dennoch erworben habe, woanders gefunden. Zumindest zu meiner Zeit wurden diese Tugenden zumeist vorgespielt, vornehmlich aus Angst vor Sanktionen und nicht aus Einsicht.

      Abgesehen von den erwähnten Erste Hilfe Kenntnissen und einiger Erfahrung darin, die ich in der Zeit erwerben konnte, waren die 15 Monate für mich verlorene Zeit ohne merklichen Gewinn für mich.

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      • @-Karl:

        Ok, dass muß wohl die negative Seite gewesen sein, denn ich kannte W-18er, die sind wirklich besser (Sinn für Sauberkeit, ordentliches Erscheinungsbild sowie die Artikulation hat andere Formen angenommen) aus dieser Anstalt entlassen worden, als sie hinein gingen. Vielleicht war aber auch die ländliche Region um Goslar und Wolfenbüttel daran schuld.
        Oder sind es vielleicht Ausnahmen ???

        G. l. G. Jochen

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    • @Jochen:
      Ob das Ausnahmen waren, kann ich schlecht beurteilen.
      Ich komme ursprünglich auch eher aus einer ländlichen Gegend und auch mein Standort war und ist mit ländlich eher schmeichelhaft umschrieben. Es war dort so ländlich, dass wir am Wochende mit unserem San-Bereich teilweise die notärztliche Versorgung mit übernahmen.

      Bei uns galt bis auf ganz wenige Ausnahmen bei mehr oder weniger allen die alte BW-Devise: Täuschen, Tarnen und Verpissen.
      Also Vortäuschen, dass man schwer arbeitet und Ordnung hält, Missstände oder Fehler verbergen und, wo immer es geht, sich vor weiterer Belastung drücken, da es davon zumindest anfangs sowieso genügend gab.

      Das ganze System von Befehl und Gehorsam beruhte aus meiner Sicht im Wesentlich auf einer Angstkultur, die zur Folge hatte, dass jeder versuchte auf dem Weg des geringsten Widerstandes und mit möglichst wenig „Anschissen“ heil über seine Zeit zu kommen. Lob und Tadel beruhten oft auf persönlichen Sympathien oder Antipathien und nur selten wurde wirklich aus sachlichen Gründen belohnt. Eine dieser seltenen Ausnahmen war ich im letzten Drittel meiner Zeit selbst, nachdem ich zusammen mit einigen anderen Abiturienten in der Zeit vorher als Sündenbock für alles mögliche und unmögliche hatte herhalten dürfen.

      Nachdem nach einer nächtlichen Rettungsaktion 4 von 5 Insassen mit unserer Hilfe und mir als Hauptmitverantworlichen einen schweren Autounfall überlebt hatten und ein dickes Lob aus dem Krankenhaus, in dem die Verletzten gelandet waren, ankam, blieb kaum etwas anderes übrig als mich dann doch noch zum Obergefreiten zu befördern (der 5. war bereits bei unserer Ankunft tot). Sowas war aber nicht die Regel, denn Beförderungen fanden sonst eher nach Gutdünken und Sympathie der Vorgesetzten statt.

      Kleine Erfolge, wenn man Kameraden oder auch Zivilisten mal helfen konnte, waren die einzigen positiven Erfahrungen, die ich mitgenommen hab. Ansonsten herrschten aus meiner Sicht zumindest bei den Unteroffizieren bis auf wenige Ausnahmen, die dann aber oft mit der Zeit resignierten, im Wesentlichen menschliche Defizite und erschreckende Inkompetenz vor, die durch extremes autoritäres Verhalten zu kompensieren versucht wurde. Von der viel beschworenen inneren Führung habe ich zumindest wenig bemerkt.

      kameradschaft unter den Wehrpflichtigen selsbt gab es durchaus, die hatte aber dort ihre Grenzen, wo es um die Vermeidung eigener Sanktionen ging. Kameradschaft wurde zwar auch seitens der Vorgesetzten beschworen aber gleichzeitig durch die erwähnte Angstkultur konterkariert. Ob das an anderen Standorten und zu anderen Zeiten genauso oder ähnlich war, kann ich nicht beurteilen.

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  4. Meine Söhne wurden zum Glück beide ausgemustert. Der Grosse sorgte dafür, dass er ausgemustert wurde, der Kleine hatte da gerade seine Depression und da gibt es ohnehin keinen Dienst an der Waffe. Das wäre ja sonst gemeingefährlich…
    Und ich kann versichern, dass beide durchaus auch ohne Dienst Männer sind. Unser Grosser hat in Asien und jetzt in Holland studiert, viel von der Welt gesehen und auch verschiedene „Demokratien“ erlebt. Das lehrte ihn meiner Meinung mehr als dumpfes befolgen von Befehlen und Ernidriegungen.

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  5. Der Arme! Ein Fußmarsch in Knobelbechern ist kein Honigschlecken. Da machen die nicht trainierten Füße auch schon bei einem 20-km-Marsch schlapp.
    Solange das Schuhwerk nicht eingelaufen ist, erntet man die Blasen automatisch. Das langsame Steigern der zurückgelegten Kilometer ist wohl nicht vorgesehen, so meine Wahrnehmung.

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  6. Mein Sohn ist, nach meiner Meinung, sehr wohl ein Mann geworden auch ohne Bundeswehr.
    Er wurde auch „ausgemustert“..was für ein Ausdruck😁wegen Rücken und Senkplattspreizfüssen oder so in Gr.49..die hätten eh keine Stiefel für ihn gehabt..hihi, vielleicht war das der wahre Grund?? Sonderanfertigung zu teuer, der nehmen wir lieber einen Anderen😜
    Jedenfalls hat er einen guten Beruf und nebenbei spielt er in der Baseballbundesliga, trotz
    Senkplattblablabla.
    Und ich bin froh darüber, wer weiß, vielleicht wäre er Berufssoldat geworden und ich hätte Angst um mein Kind, weil er in irgendein Kriegsgebiet geschickt worden wäre?

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      • Ich habe mal Hr.Gockel gefragt und es gibt:
        Spreizfuß, Senkfuß und Senk-Spreizfuß!
        Eigentlich schon genug.. und das „Platt“ habe ich hinzugefügt, öhhm..konnte mich nicht mehr so genau erinnern. Ist ja auch schon fast 10 Jahre her.
        Bin aber trotzdem froh um die „Ausmusterung“ meines Sohnes!!

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  7. Naja, ohne mich jetzt über den Sinn oder Unsinn von Militär äußern zu wollen – letztendlich sollen junge Menschen auf die Härten des Militärdienstes, sprich Krieg vorbereitet werden. Da sind scheinbar unsinnige Befehle, Schlafentzug, schlechtes Wetter und Blasen an den Füßen etc. vermutlich nur ein Kindergeburtstag gegen die Grauen eines Kriegseinsatzes. Hier wird halt ein bißchen an der Wohlstandsoberfläche gekratzt, im Krieg fragt auch keiner nach der persönlichen Befindlichkeit des einzelnen, da geht’s ums Töten und Überleben. Leider scheint dies Sch… nie aufzuhören. 😦

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      • Von mir aus braucht’s sicher auch keine Armeen und den ganzen Waffendreck. Und Blasen an den Füßen braucht auch kein Mensch. Und den nächsten grossen Krieg schon gleich gar nicht. Die vielen „kleinen“ braucht auch niemand, die direkt Betroffenen schon gleich gar nicht. Solange es aber Militär gibt, ist es die Pflicht eines Staates, die Wehrpflichtigen oder Freiwilligen so gut wie möglich mental, physisch und per Material auszubilden und vorzubereiten – und es geht glaube ich nicht darum, aus Jungs Männer zu machen. Inwieweit die Staaten diesen Pflichten gerecht werden, man darf zweifeln. Wie auch immer, wir reden hier aus einer Position der Sicherheit und Stabilität, den PENG möchte ich nicht erleben… Strahlen kennen keine Grenzen und Frieden beginnt im Kopf..

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  8. Öhm… Da teilen sich unsere Meinungen mal. Mein Sohn sagt selbst, dass es eine harte Zeit war, aber dass es ihm letztlich gut getan hat, das durch zu machen.
    Er ist allerdings bei der ABC-Abwehr und hatte nette Vorgesetzte und Kameraden, die einige seiner Interessen teilten. Ich denke, das spielt eine große Rolle. Den ersten WK hat er auch schon hinter sich, der war locker.

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  9. Ich kann nicht viel davon bestätigen, aber ich war ja auch nur 15 Monate bei dem Verein.

    Auf jeden Fall kommt man selbstständiger. Aus dieser Zeit. Ob man dann ein Mann ist, muss jeder in seinem Leben beweisen.

    Mit solchen Blasen bekommt man aber üblicherweise andere passende Stiefel und ist dienstbefreit.

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