Beratungswahnsinn

Ein ganz normaler Tag im Geschäft. Kurz vor Feierabend – kurz vor Sonnenuntergang. Eine Kundin betritt den Laden.

Ich gehe hin und frage: „Darf ich Ihnen etwas zeigen, oder möchten Sie sich umschauen?“
Kundin: „Ich brauche eine blaue Hose.“
Ich: „Eine Jeans oder eine klassische Hose.“
Kundin: „Egal, Hauptsache blau.“
Ich: „Darf das Blau verwaschen sein, oder muss sie gleichmässig blau sein?“
Kundin: „Also wenn, dann verwasche ich sie selber. Ich will sie sicher nicht schon verwaschen kaufen.“
Ich: „Ich zeige Ihnen, was ich an blauen Hosen hier habe.“

Ich gehe zielgerichtet von Regal zu Regal und hole alles, was ich an blauen, gleichmässig gefärbten Hosen im Geschäft habe. Stolz lege ich die Auswahl auf dem Kassentisch vor der Kundin aus und erkläre:

„Da hätten wir die verkürzten Chinohosen, sehr sportiv und mit flachen Schuhen besonders gut zu tragen.“
Kundin: „Ich will keine zu kurzen Hosen.“
Ich: „Dann habe ich da die klassische Marlene-Hose, mit dem weiten Bein. Gepflegt und pflegeleicht aus knitterfreiem Kofferstoff.“
Kundin: „Ich mag keine weiten Beine. Dafür bin ich zu klein.“
Ich: „Oh, dann ist es bestimmt diese schmale Fivepocket-Jeans. Schlicht und doch sportlich und das Bein ist schön anliegend.“
Kundin: „Eigentlich bin ich kein Fan von Jeans, ich fühle mich zu alt dafür.“
Ich: „Sehr angesagt wäre dann noch die Bundfaltenhose aus Seide. Elegant zu trage, aber mit dem richtigen Schuh auch sportiv und richtig cool.“
Kundin: „Ich mag keine Seide, die klebt immer so.“
Ich: „Bei der Farbe wären wir aber auf dem richtigen Weg?“
Kundin: „Also, eigentlich ist mir das blau etwas zu blau. Es dürfte auch so in ein bewölktes blau gehen – also, so in Richtung grau.“
Ich: „Und dann lieber sportlich oder klassisch.“
Kundin: „Egal, Hauptsache nicht ganz so blau.“

Ich gestehe, dass meine Nerven zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich unter Spannung standen. Blau – wolkig – grau – sportlich – klassisch – egal. Und aus diesen Informationen soll man dann noch gut beraten können. Wohlverstanden: Wir sprechen bereits von einer halben Stunde Beratung im Leerlauf. Also mache ich mich auf die Suche nach einem bewölkten blau (von dem ich übrigens bis dahin gar nicht wusste, dass es das überhaupt gibt).

Ich: „Da habe ich drei verschiedene zur Auswahl, die dem entsprechen könnten, was Sie meinen. Eine klassische Baumwollhose mit Seitenreissverschluss, in rauchigem Grau.“
Kundin: „Diese Farbe macht mich blass.“
Ich: „Entschuldigen Sie, aber Sie tragen die Hose ja nicht im Gesicht.“
Kundin: „Trotzdem.“
Ich: „Dann wäre da die etwas dunklere Chinohose aus Jeansstoff. Durch den hohen Anteil an Elasthan ist sie ultrabequem und passt jeder Frau perfekt.“
Kundin: „Ja, in etwa so stelle ich mir das vor. Bei der Farbe bin ich mir aber nicht ganz sicher. Kann ich die Hose kurz mit rausnehmen, um sie am Tageslicht zu betrachten?“
Ich: „Natürlich können Sie das, aber die Sonne ist bereits weg. Ich weiss nicht, ob Sie das wirklich weiterbringt.“
Kundin: „Ich will sie draussen ansehen.“

Ich begleite sie nach draussen. Auf der Gasse hält sie die Hose neben ihr Gesicht und fragt mich allen ernstes:

„Finden Sie nicht, dass mich die Farbe blass macht?“
Ich: „Also erstens tragen Sie die Hose nicht im Gesicht und zweitens ist es schon ziemlich dunkel. So gesehen würde ich sagen, dass die Hosenfarbe passt.“
Kundin: „Ich glaube, dass Sie sich auch nicht sicher sind. Wissen Sie was? Hängen Sie mir diese doch bitte bis morgen in die Reservation. Ich komme morgen und schaue Sie mir bei Tageslicht an.“
Ich: „Wie Sie meinen. Dann würde ich aber vorschlagen, dass Sie etwas früher kommen, damit wir auch wirklich das richtige Licht haben.“
Kundin: „Ich habe leider nicht früher Feierabend, aber vielleicht ist das Licht ja morgen besser. Danke und einen schönen Abend.“

Sie sagts, dreht sich um und geht. Und ich stehe mit der bewölkt blauen Hose (die definitiv grau ist) auf der Gasse vor dem Geschäft – 20 Minuten NACH offiziellem Ladenschluss. Also, das wäre ja alles kein Thema, wenn die Gute wenigstens anderntags wirklich wiedergekommen wäre. Ist sie aber nicht. Also eigentlich kam sie gar nicht mehr. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich darüber traurig bin. Aber farbenblinde Nervtöter, die ihre Hosen offenbar im Gesicht tragen, hätte ich dann doch lieber tagsüber – und nicht nach Feierabend. Sonst kommen manchmal ganz üble Gefühle in mir hoch. Solche, die man an der Verkaufsfront eigentlich nicht haben sollte…

83 Gedanken zu „Beratungswahnsinn

  1. Auweia!
    Das nenne ich mal Wahl der Qual , äh, Qual der Wahl!
    ‚Tschuldigung…wäre wohl ein Freudscher Versprecher, wenn ich an deiner Stelle gestanden hätte. (-;

    Das ist aber auch vertrackt…das ist wie, wenn man vor dem Supermarktregal steht und sich vor der endlosen Käsetheke entscheiden muss….nehme ich nun den Kandidaten mit Löchern vom Durchmesser 37mm von Anbieter A oder lieber den mit 39mm von Anbieter B.

    Bewölktes Blau?! Klingt ein bisschen schattig…aber irgendwie auch fantasievoll.

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  2. Ahhhhhhhhhhhhh 😡😤😖 ….schrei !!! 😫
    Ich weiß wie du dich fühlst !!
    Manche Kunden sind einfach beratungsresistent….Da kannst du machen was du willst!

    Bei uns sind momentan auch Osterferien…juhuhh…die Kids mit ihren Grabschefingern sind unterwegs mit unentschlossenen Müttern und siebengescheiten Tanten und genervten Vätern, die viel lieber daheim auf dem Sofa wären als in der Stadt beim Shoppen !!

    Ahhhhhhhhhhh😡 Ich bin zu alt für diesen Sch….

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      • Also wir haben ja keine, oder wenige Kleiderbügel im Laden (andere Branche), aber ich könnte ja mal in einer vermeintlich ‚veganen‘ Tasche (du erinnerst dich?) einen Schachtelteufel verstecken.
        Das würde mir eine höllische Freude bereiten, wenn der rausspringt und die vegane, lederbeschuhte Tussikundin so richtig erschreckt.
        Ich bin wirklich sehr geduldig und immer höflich und freundlich..aber manchmal…
        na ja!
        Bin halt auch nur ein Mensch.
        Und die blaubewölkte Hose hätte ich auch gerne, aber lieber eher graublau oder blaugrau oder lichtgrau mit blauem Touch…und als Rock wenn es geht..grins!

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  3. Das nächste mal wenn dich jemand wegen Farbtönen nervt, empiehlst du ihnen mausgelb, zeigst irgendeine Farbe und gibst dich voll überzeugt und ja kennen sie mausgelb nicht?? Glaube mir die ist danach verzweifelter als du.🐭🐭🐭🐭

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  4. Bewölkt blau, das muß ich mir merken. Die Formulierung ist eindeutig guuut. Bei mir endet so ein Einkauf häufig so, ich gehe ins Geschäft um eine blaue Hose zu kaufen, heraus komme ich mit einem roten Rock, die Verkäuferin meinte eben, der sein viel schöner für mich….Und das wo ich einkaufen hasse!! Aber deine Kundin , die war wirklich einmalig..So was muß es auch geben;-)
    Liebe Grüße
    Wortgestoeber

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  5. Also, liebe Daniela, ich möchte gerne eine gscheite blaue Hose kaufen. 😉 Ich liebe blaue Hosen, am liebsten Jeans mit 5 Taschen, mit Elastan, und nicht verwaschen. 🙂 Du warst echt tapfer. Solche Kunden, wie diese Dame, sind ja furchtbar. Wenn ich schon mal einkaufen gehe, dann mit meinem Schatz, und es muss schnell gehen. Das Angebot sondiert, ein paar Sachen geschnappt, probiert und mit der Beute wieder raus. Mein Schatz bringt mir die richtige Größe, falls die geschnappte nicht gut passt. Wir sind ein tolles Einkaufsteam.

    Herzliche Grüße,
    Caroline

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  6. Wahnsinn, wie höflich du bei so etwas bleiben kannst … rauchig blau, grau-blau, keine Seide, auf gar keinen Fall eng, weit, aber nicht zu weit, weil man dazu zu klein ist … Vielleicht hättest du der guten Frau einen Rock andrehen sollen? Solche, bei denen man auch die Innenseite nach außen tragen kann? Eine Seite für Tageslicht, die andere für nachts, eine Seite für wenn sie lieber ein bewölktes Blau trägt, die andere, wenn ihr nach einem strahlenden Blau ist? … Wenn es ein Wickelrock ist, kann sie sich den dann auch direkt unter die Achseln binden und als Oberteil tragen. Aber Achtung, nicht, dass die Farbe sie blass macht …

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  7. Das erinnert mich an meine Zeit als Verkäuferin so mitte der 70er Jahre. Ein nicht mehr ganz junger Herr kam in den Laden und suchte eine Jeans. Nachdem er recht viele anprobiert hatte und nun eine gefunden hatte, die meiner Meinung nach gut saß, meinte er: Nein, das ist nicht das richtige , die kneift unter den Achseln. 🙂 Sie saß zwar knapp unter der Taille, aber woher sollte ich wissen, das seine Achseln verrutscht sind. : ) 🙂 🙂

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  8. Bei der Frau konntest du nur verlieren!
    Ich mache manchmal fast das gegenseitige….20 Min vor Ladenschluss in den Laden im Einkaufszentrum rein, 15 Minuten später mit 2 Hosen und so 3-4 Oberteilen wieder raus. Die Verkäuferin hat gestrahlt, da dort nicht viel läuft und sie so den Tagesumsatz noch hochjagen konnte.

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  9. Boah! Ich muss ja schon lachen! Ich hätte ihr die Hose wahrscheinlich über den Kopf gestülpt. Aber egal, solche Sachen passieren immer wieder und die nächste nervige Kundin wird genauso geduldig bedient, auch wenn vielleicht wieder nichts verkauft – aber das kann man eben nie vorher wissen…aber das bewölkte Blau hast du super als geschlossene Wolkendecke erkannt!

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  10. Es tut mir leid, dass dir das passiert ist. Aber mit diesem Beitrag hast du mich nach Tagesschluss nochmal ordentlich zum lachen gebracht. Danke!:)
    P.S.: du hast wunderbar beraten. Ich möchte gleich auch eine blaue Hose bei dir kaufen :)))

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