Helden haben Herzinfarkte

Komischer Titel? Komische Logik? Absolut korrekt! Aber wenn man über den Inhalt des Satzes nachdenkt, irgendwie leider wahr: „Helden haben Herzinfarkte.“

Ich habe mich – als Kind der 60-er Jahre – in der letzten Zeit schon das eine oder andere mal mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Unsere Jahrgänge gehören vom Alter her zur Risikogruppe, die von Krankheiten heimgesucht werden, welche man mit 20 Jahren noch weit von sich schiebt. Auf einmal trifft es den Kollegen, den Nachbarn, vielleicht den eigenen Mann oder auch den Vater. Das Ereignis eines Herzinfarktes an sich ist ja schon tragisch genug. Diejenigen, die es überleben, werden aber oft – und das ist das Schockierende – als Helden gefeiert. Nicht, weil sie es überlebt haben. Nein! Weil sie so hart und fleissig gearbeitet haben, dass sie einen oder gar mehrere Herzinfarkte bekommen haben. Was für echte Kerle das dann in der Gesellschaft sind….! Für mich vollkommen unverständlich!

Wir schreiben das Jahr 2015 und es gibt sie immer noch, die Falschdenker, welche die Herzinfarktpatienten als Helden glorifizieren und die Burnout-Patienten, oder diejenigen, welche von Depressionen geplagt werden, als Looser disqualifizieren. Ich meine: Hallo? Ein echter Mann hat doch kein Burnout. Das ist etwas für Frauen! Männer, die bis über die Grenze der Belastung arbeiten, haben gefälligst Herzinfarkte. Das andere sind nur Krankheiten für Weicheier. Stimmt nicht? Absolut richtig! Leider hat das die Gesellschaft noch nicht wirklich erkannt. Wie oft habe ich schon den Satz gehört: „Der arme Kerl hat auch sein Leben lang immer geackert, kein Wunder, dass er einen Herzinfarkt hatte. Der hat nun echt eine Pause verdient.“ Okey, da bin ich im Verständnis noch mit dabei. Wenn aber auf der anderen Seite Aussagen kommen (von Männern über Männer), wie: „Er hat sein Arbeitspensum reduziert – wegen Depressionen. Ich frage mich ja nur, warum DER Depressionen hat. Echt jetzt, den hätte man mal 12 Stunden täglich arbeiten lassen sollen, dann wüsste er, warum er sich so kaputt fühlt. Aber so….!“ dann könnte ich aus der Haut fahren.

Die Betroffenen und deren enge Familie sind in der Regel die Einzigen, die wissen, warum ein Patient zum Patienten geworden ist. Die Gesellschaft will es aber immer besser wissen. Und gemäss dieser haben gefälligst hart arbeitende Männer einen Anspruch auf mindestens einen Herzinfarkt, um endgültig zum Helden zu werden. Schwächlinge können die Burnout- oder Depressionskarte ziehen. So ein Quark. Und Frauen? Frauen haben halt einfach so Psychozeugs, weil sie eben Frauen sind. Nicht etwa, weil sie die Mehrfachbelastungen von Familie und Job und Haushalt und und und stemmen … NEIN! Einfach nur, weil sie Frauen sind. Und sollte tatsächlich eine Frau einen Herzinfarkt bekommen, dann bestimmt nicht, weil sie eine Heldin ist – neiiiin. Dann war sie bestimmt Raucherin! Selber schuld!

Gesellschaftslogiken überfordern mich manchmal richtig heftig….

34 Gedanken zu „Helden haben Herzinfarkte

      • Leider hat unsere Gesellschaft für das Krankheitsbild Depression, welches sich in den meisten Fällen hinter einem Burnout verbirgt, nur wenig Verständnis .
        Der Herzinfarkt und ähnliche
        “ körperliche“ Erkrankungen sind eine greifbare Krankheit, mit der man sich identifizieren kann. Jede Art von psychischen Erkrankungen stossen auf Angst und Unverständnis. Da habe ich mir in der Vergangenheit oft genug eine
        populäre Krankheit anstatt dessen gewünscht.

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      • Was denkst Du, warum ich diese Geschichte geschrieben habe – habe auch so meine Erfahrungen damit!? Lass Dich nicht unterbuttern – wird wieder und die Gesellschaft, die es nicht kapiert, auf die musst Du pfeifen! 🙂

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  1. Ich glaube viele Leute lassen so ein Schwachsinn raus, weil sie einfach keine Ahnung haben! Wären sie, oder jemand aus ihrem Umfeld betroffen, würden sie die Klappe wohl nicht mehr so aufreissen (da könnte ich auch aus der Haut fahren!). Aber das ist leider auch bei anderen Themen so. Manchmal „ver“urteilt man einfach zu schnell und ohne nachzudenken.

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  2. Bezüglich burnout:
    Leider wirkt der Begriff „burnout“ mittlerweile für mich auch schon ziemlich abgelutscht, weil einige körperliche Erscheinungen, die man sich nicht organisch erklären kann (oder will), der Einfachheit halber als burnout abgetan werden.
    Die Anforderungen steigen. Das kann ich so persönlich auch bestätigen. Aber einige Menschen sind heutzutage auch nicht sehr leidensfähig…und werden mit den wirklich ausgebrannten Menschen in einem Brei verwurschtelt. Damit tut man tatsächlich Betroffenen nichts Gutes… allgemeines Belächeln ist da noch harmlos.
    Andererseits hat man eben manchmal das Gefühl, dass man modetechnisch ohne einen standesgemäßen burnout nur ein halber Mensch ist…da hat man wohl nicht hart genug rangeklotzt… Daran tragen die Medien auch einen großen Anteil, finde ich.
    Wie auch immer.

    Und natürlich hat ein gestandenes Mannsbild nie nie nie solche Mädchenkrankheiten wie Depressionen.

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  3. Männer haben Herzinfarkte, Frauen aber auch. Nun,mein immer noch ehemann hatte einen Herzinfarkt, einen schweren vor nunmehr 15 jahren der ihm fast das Leben gekostet hätte,wäre ich nicht daheim gewesen und hätte schnell den Notarzt gerufen. Er hat eine 5fach Bypassoperation die ihn lang,eigentlich heute noch, sehr belastet. dazu noch diverse andere krankheiten und das Mass ist eben voll. Durch diesen Infarkt hat er Depressionen bekommen, streitet aber alles ab, muss 14 Tabletten am Tag nehmen und da sag mir einer die Psyche verändert sich nicht. dazu kommt dann noch Diabetes und Parkinson.

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  4. Als betroffener der Depression muss ich sagen sehr gut geschrieben. Besonders der Punkt mit den Angehörigen finde ich wichtig. Die leiden nämlich mehr als man selbst. Man selbst bekommt das kaum mit, weil die Veränderung ein schleichender Prozess ist

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  5. Also ich hatte einen Burn out und einen Rückfall und immer noch keinen Herzinfarkt und man glaubt es kaum, ich bin keine Frau. Ich kenne allerdings keine Frau, die einen Herzinfarkt hatte oder daran gestorben wäre und ich kenne viele alte und gestorbene Menschen. Woran das liegt? Keine Ahnung.

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  6. Bin in meinem Arbeitsleben davon verschont geblieben, aber jede Krankheit hat auch eine Ursache, der es gilt, auf den Grund zu gehen.
    Zwei Schwäger hatten jeweils Infarkte und haben es mit Glück überlebt. Der eine hat es selbst gemerkt und ist sofort zum Arzt und der andere wurde von seinem Sohn auf dem Flur beim Arbeitsamt nur durch sein sofortiges Handeln gerettet. Drei Jahre später mußte er seinen Sohn vierunddreißigjährig begraben (ohne Infarkt).
    Der Infarkt ist bei weitem keine „Männerkrankheit“, nur bei Frauen wird nicht so oft darüber berichtet.

    G. l. G. Jochen

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  7. Ich bin so dermaßen bei dir! Da ich ja auch schon meine Erfahrungen mit Depressionen und Ängsten habe und auch viele Betroffene kenne, kann ich deinen Beobachtungen nur zustimmen. Mein Weg aus dem Abseits der Looser: Offenheit und Aufklärung. Niemand soll nachvollziehen müssen, wie es psychisch erkrankten Menschen geht. Aber Akzeptanz wäre schon fein. Daher überlege ich schon lange, ob ich vielleicht über dieses Thema bloggen sollte. Aber ist schon sehr persönlich.

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  8. Vergessen wird dabei immer, dass es auch etliche Frauen mit Herzinfarkten gibt. Das ist längst keine typische Männerdomäne mehr.
    Mittlerweile erkranken ja auch viele Männer an Depressionen und die allgemeine Sicht ändert sich.

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  9. Herrchen meint, er kenne nur Helden in kurzen Hosen. Häufig seien die auf grünen Rasenflächen der Größe 45 x 100 m unterwegs und kämpften um einen Ball. Herzinfarkte gäbe es dabei selten. Herzinfarkte wären eher bei Zuschauern zu beobachten, die versuchen sich in das Spiel einzubringen. Nicht direkt körperlich, mehr so lautstark und emotional von den billigen Rängen. Und es soll schon Herzinfarkte bei objektiven Beobachtern der Helden in kurzen Hosen Szene gegeben haben, die (wie auch immer) erfahren haben, was diese Helden in kurzen Hosen im Monat bekommen. Dafür, dass sie einem runden Leder auf einem grünen Rasen nachrennen.
    So gesehen, tun uns deine Helden, liebe MODEPRALINE, wirklich leid.

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