Kleine Dame ganz gross

Ich war heute mit einem Mädchen auf Schuhsuche. Wir nennen die Sechsjährige hier Mary. Also eigentlich war Mary’s Mama in meinem Geschäft am Kleider probieren und Mary fand das phasenweise nicht mehr so spannend. Und so hat mir klein Mary erzählt, dass ihre Turnschuhe für den Turnunterricht zu klein seien und sie deshalb barfuss turnen müsse. Kindliches Augenrollen!! Und weil nun die Sommerferien bald anstünden und ihre Füsse da ohnehin wieder wachsen würden, gäbe es erst nach den Sommerferien neue Sportschuhe. Die grossen braunen Augen haben dabei zeitweise so mit den Erzählungen mitgelebt, dass ich dachte, sie würden demnächst aus den Augenhöhlen hüpfen.

Da wir bei uns des öfteren mal die Kleinen beschäftigen, während die Mama Kleider anprobiert, hatte ich die Idee, mit klein Mary auf die Jagd nach Turnschuhen zu gehen. Klein Mary ist in irgend einem Grad verwandt mit mir – nicht dass ihr jetzt denkt, dass ich mit allen Knirpsen auf Einkaufstour gehe, während Mama Kleider anprobiert. Und da wir uns nur selten sehen, wollte die Kleine auch partout nicht mit mir alleine gehen, ihre Patentante musste mit. Also sind wir losgezogen und ich dachte, dass wäre in etwa so, wie bei meinen Kids damals. Ins Schuhgeschäft rein, Schuhe aus dem Regal nehmen, anprobieren, passen, bezahlen – und tschüss! Nein, nicht mit klein Mary! Die weiss nämlich in ihrem jungen Alter schon sehr genau, was sie will.

So standen wir vor einem Schuhregal mit vornehmlich Turnschuhen oder hässlichen Sandaletten mit Blingbling und Absätzen (wir sprechen von Schuhgrösse 34 – was zum Geier haben da Absätze an den Schuhen zu suchen?). Wir schnappten uns mal die ersten Turnschuhe aus den Regalen und der Motzmarathon konnte beginnen:

„Igitt, die sind ja hässlich.“
„Ich will keine zum Binden, ich will Klettverschluss.“
„Die finde ich ja POTThässlich.“
„Bloss kein Violett, das hasse ich.“
„Die sind ja noch schlimmer.“

Nun ja, zumindest war die Kleine dazu zu bewegen, diverse Schuhe anzuprobieren und damit durch den Laden zu rennen, um die Grösse zu testen (das macht man heute nämlich alles im Alleingang – Bedienung war weit und breit keine in Sicht). Schlussendlich hatte die kleine Dame eine Einsehen und meinte bei einem pinken Turnschuh: „Ok, der ist zwar nicht der Schönste, aber wenigstens ist er bequem.“ Hallo? Kind, Du bist sechs Jahre alt, solche Sätze gehören nicht in Deinen Sprachschatz. Ich habe Tränen gelacht. Und sie hat noch nachgezogen mit: „Aber eigentlich würde ich gerne noch ein paar andere anschauen.“ Hä? Jedes andere Kind hätte wohl gedacht, bloss raus hier, egal welcher Schuh es ist. Hauptsache, keine Schuhe mehr probieren. Nicht klein Mary. Also haben wir den pinken Schuh reservieren lassen uns sind zum zweiten Schuhgeschäft marschiert. Oh weh! Dort war die Auswahl – mit Verlaub – noch bescheidener. Nicht nur, dass es noch mehr Blingbling hatte … dort blinkten praktisch alle Turnschuhe bei Bewegung. So richtig mit Licht und so. Die Kleine schob die Krise – zusammen mit uns Grossen!

„Geh weg damit, solche hat Vanessa!“
„Die sind ja noch POTThässlicher, als die anderen.“
„Ich mag kein Orange.“
„Schau, die blinken auch alle – fürchterlich.“

Und ich lief inzwischen Gefahr, möglicherweise eingeliefert zu werden, weil ich nun versuchte, durch Klopfen mit den Schuhen gegen die Regale die Dinger alle zum Blinken zu bringen. Ich klopfte mich sozusagen durch die Kinderschuhabteilung. Da blinkt es bis zum Erbrechen! Es stand also fest: Der Weg zurück zum ersten Schuhgeschäft und den nicht so schönen, aber wenigstens bequemen Schuh abholen. Abgemacht!

Ihr denkt, das sei das Ende der Geschichte? Nöööööö! Klein Mary trägt in der Plastiktasche ihre Turnschuhe aus dem Geschäft, wir marschieren hinter ihr her und … beim Ausgang bleibt sie auf einmal unvermittelt stehen und quietscht: „Oh neiiiiiiin!“ Dabei schlägt sie sich mit einer Hand an die Stirn. Wir schauen sie erschrocken an – Bienenstich? Misstritt? Dringend Pipi? Notfall? Und auf unsere verdutzten Gesichter und die Frage, was denn nun passiert sei, meint sie entsetzt:
„Diese Schuhe passen ja überhaupt nicht zu meinen Turnkleidern.“
Nein, wir haben die Schuhe nicht zurückgebracht und JA, ich weiss nun, warum Mary’s Mama es nicht so erquickend findet, mit der Kleinen Schuhe kaufen zu gehen. Ich fands total amüsant!

Danke, kleine Mary, Du hast mir den Tag versüsst!

37 Gedanken zu „Kleine Dame ganz gross

  1. Muhahahhhahaha… 😀 😀 😀

    DU hast mir den Abend versüßt …. ich sehe es bildlich vor mir
    Zitat:
    “ …. weil ich nun versuchte, durch Klopfen mit den Schuhen gegen die Regale die Dinger alle zum Blinken zu bringen. Ich klopfte mich sozusagen durch die Kinderschuhabteilung….“

    Wie guhuhut!

    Zauberhafte Grüße … Katja

    Gefällt 1 Person

  2. Na herrlich,bist Du in der nächsten Zeit mal so in der Nähe von Idar Oberstein?Dann melde dich bitte bei mir,Du bekommst das Geld für den Einkauf und natürlich meine Zwillinge dazu(4Jahre),die brauchen auch neue Turnschuhe.Aber die beiden stehen auf die Blinkerdinger,also mit Videos von hinten und der Seite damit Kind auch sieht wie die Dinger blincken……

    Gefällt 2 Personen

  3. Kinder werden heute zu Prinzen und Prinzessinnen gemacht, da braucht sich niemand zu wundern, wenn es zu solchen Szenen kommt. Erzogen kann man ja nicht sagen, die erziehen sich doch alle selbst und haben schon ein Wahnsinns- Selbstbewusstsein. im Alter von 6-8 haben sie schon ein Smartphone und eine Playstation, ich weiss wovon ich rede, ich sehe es ja in der Verwandtschaft.

    Gefällt 1 Person

  4. Absolut köstlich… Danke für diese tollen Zeilen.
    Mit meinen Jungs Schuhe kaufen zu gehen ist für mich meist die grösste Strafe. Vor allem beim grösseren kann das zu einem stundenlangen Marathon ausarten. Der kleinere ist da schneller….

    Gefällt 1 Person

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