Was macht Beda Stadler?

Beda Martin Stadler (65) ist emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. Sein Gebiet ist die Grundlagenforschung im Gebiet der Allergologie und Autoimmunität und die angewandte Forschung zur Herstellung von rekominanten humanen oder künstlichen Antikörpern und Impfstoffen für die Therapie. Er gilt als grosser Kritiker der Alternativmedizin und ist gleichzeitig sehr religionskritisch.

 

Beda Stadler, als Professor „im Ruhestand“ und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Uni Bern sind Sie ein überdurchschnittlich gescheites „Haus“. Verstehen Herr und Frau Schweizer, wenn Sie in der Alltagsssprache à la Stadler sprechen?

Der Fachjargon ist tatsächlich ein Problem. Es ist verlockend, sein Unwissen dahinter zu verstecken. Anfänglich war es ziemlich anstrengend, nur Worte zu gebrauchen, die von allen verstanden werden. Da es keine dummen Fragen gibt, sondern nur dumme Antworten, lag es somit an mir, die Situation zu verändern. Letztlich hat mir das aber sogar bei den Vorlesungen geholfen. Versteht ein Student etwas nicht, liegt das Problem beim Dozenten, nicht beim Studenten. Dies gilt allerdings nur für rationale Fragen, nicht für Glaubensfragen.

Aufgefallen sind Sie immer wieder durch Ihre Kolumnen mit bissigen Seitenhieben gegen die Alternativmedizin. Provozieren Sie gerne?

Die Provokation ist die schnellste Art und Weise, etwas auf den Punkt zu bringen. Zudem bin ich ungeduldig und betrachte mich als Selbstverteidiger. Ich habe nicht die Nerven, mir stundenlang den Stuss anderer Leute anzuhören. Wollte ich mir das antun, würde ich dafür in eine Kirche gehen. Jeder hat das Recht, noch so absurdes Zeug zu glauben, aber niemand hat das Recht, mir seinen Glauben aufschwatzen zu wollen. Ganz nach dem Motto: Bete nicht in meiner Schule, dafür denke ich nicht in deiner Kirche! Ich muss allerdings zugeben, dass es mir Spass macht, mich über alle Formen von Aberglauben – sei es Bio, Alternativmedizin, Esoterik oder Religion – lustig zu machen.

Denken Sie, dass Aufkärung im Bereich der Medizin eine gewisse Provokation braucht, damit der Mensch von heute zuhört?

Ich glaube nicht, dass es die Provokation braucht. Man sollte aber unterhaltend und wahrhaftig sein. Leider wirkt diese Haltung für die meisten Menschen bereits wie eine Provokation. Viele Wissenschaftler verwechseln seriöse Information mit Langeweile. Es gibt meiner Meinung nach kein Recht, einen anderen Menschen zu langweilen und ihm damit Zeit zu stehlen. Viele Dinge, die ich vor Jahren sagte, waren einst eine Provokation. Heute regt sich niemand mehr auf, sie sind ein Teil des Zeitgeistes und keine Provokation mehr. Die Aufklärung wird letztlich siegen, schliesslich haben die Hexenverbrennungen bei uns abgenommen.

Was sagen Sie, wenn Ihnen ein missionierender Homöopath erklärt, dass er auch Krebs mit seinen Kügelchen heilen kann?

Würde ein Homöopath in meiner Gegenwart so was behaupten, würde ich ihn bitten, mir dies schriftlich zu geben. Danach würde ich ihn für seine menschenverachtende Haltung vor Gericht ziehen – in der Hoffnung, dass er viel Geld verliert oder eine Zeit lang ins Gefängnis wandert. Übrigens habe ich in den letzten Jahren viele Homöopathen kennen gelernt. Darunter war kein einziger, von dem ich den Eindruck hatte, er würde irgend etwas davon glauben, was seine Anhänger herumerzählen. Ich habe auch noch nie eine Frau kennengelernt, die mit Kügelchen eine Schwangerschaft verhindern will. Wenn’s drauf ankommt, scheint die Homöopathie intuitiv nicht zu wirken…
Als ich einmal sagte, Homöopathen hätten nicht alle Tassen im Schrank, hat mir ein Homöopath zwei Tassen gesandt. Das war übrigens bislang der einzige Homöopath, der ein wenig Humor gezeigt hat. Leider waren die beiden Tassen so potthässlich, dass ich sie gleich wegschmeissen musste – und somit am Humor selbst dieses Homöopathen zweifelte.

Weibeln Sie für die Präimplantationsdiagnostik oder lehnen Sie sich zurück und überlassen das der New Generation?

Es ist eine Katastrophe, dass sich derzeit fast niemand für die Präimplantationsdiagnostik einsetzt. Ich hoffe, ich erhalte noch irgendwo eine Gelegenheit, etwas dafür zu tun. Leider gibt es für solche wichtigen, humanistischen Anliegen einfach keine Lobby. Es ist schade, dass viele rationale Menschen sich von der Politik fernhalten, aber es ist verständlich.

Sind Sie mit den Jahren ruhiger geworden, oder können Sie sich immer noch so wunderbar aufregen, wenn die Alternativmediziner die Studien der Schulmedizin einfach so im Vorbeigehen über den Haufen werfen wollen?

Ich rege mich etwas weniger auf. Das hat aber nichts mit meinem Alter zu tun, sondern mit der Tatsache, dass Alternativmediziner in meiner Gegenwart etwas vorsichtiger geworden sind. Schliesslich ist es ihnen gelungen, ihre Placebos in unserer Verfassung zu verankern. Wir sind das einzige Land auf diesem Planeten, das einen solchen Unfug in der Verfassung hat. Dies ist aber dermassen lukrativ für die Alternativmediziner, das sie etwas kleinlauter wurden, um ihre Pfründe zu schützen. Zudem beobachte ich eine Kehrtwende bei den Studenten. Medizinstudenten glauben diesen alternativen Mist je länger je weniger. Das ist doch erfreulich!

Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen in den letzten Jahren wieder mehr Vertrauen in die Schulmedizin gewonnen haben, oder wird die Chügelibrigade stärker?

Das Vertrauen in die Schulmedizin wächst eigentlich ständig. Alle wollen Schulmedizin, falls sie wirklich krank sind. Was sich geändert hat, ist das Verlangen von Gesunden nach Alternativmedizin, wofür sie sogar noch staatliche Beihilfe bekommen, um sich ihren esoterischen Glauben von anderen Leuten bezahlen zu lassen. Viele Schweizer haben sich über die Gier der Bänker aufgeregt, aber die Gier der Gesunden auf gratis Wellnesspräparate scheint ungebrochen. Viele wollen Präparate und Streicheleinheiten in der Höhe ihrer Krankenkassenprämien beziehen, damit sie per Ende Jahr finanziell quitt und gesund sind. Unser Gesundheitssystem basiert aber auf Solidarität. Wer das Geld der Gemeinschaft mit Alternativmedizin verprasst, verhält sich ziemlich asozial.

Angenommen, Sie erwachen mit 40 Grad Fieber, irgendwo im Nirgendwo – und neben Ihnen steht ein Fläschchen mit Similisan-Kügelchen. Sont nichts! Nehmen, oder grinsen, umdrehen und weiterfiebern?

Ich würde alle Kügelchen auf einmal in meinen Tee kippen, weil ich ihn süss mag. Zudem würde ich mich daran erinnern, wie die Juristen dieser Firma mich verklagen wollten, weil ich in einer Kolumne spasseshalber gesagt habe, Similisan komme vom lateinischen „simulare“, weil nur Simulanten solche Kügelchen zu sich nehmen. So was will ich natürlich nicht mehr behaupten, sonst habe ich wieder Juristen auf dem Buckel, und da ist mir ein wenig Fieber doch noch lieber.

Herzlichen Dank, für dieses erfrischend offene Interview und alles Gute für die Zukunft!

mehr über die Arbeit von Beda Stadler unter http://www.immunology.unibe.ch

25 Gedanken zu „Was macht Beda Stadler?

  1. Egal wie geteilt die Meinungen zu Beda Stadler sind, dein Interview mit ihm war Spitze.

    Einiges rausgekitzelt und seinen Standpunkt lässt er sich nicht nehmen !!! Auf alle Fälle, ein interessanter Mensch.

    Ich habe mal erlebt, wie eine Bekannte von einem Scharlatan (Heilpraktiker) sowas von abgezockt wurde, nur weil sie nach jedem Strohhalm griff, um ihrem krebskranken Mann zu helfen. Sie musste nach ihrem Tod viele Jahre Schulden an ihn abzahlen…furchtbar !

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  2. Würden hinter der Alternativmedizin auch Milliardenkonzerne stehen, sähe es evtl. etwas anders aus!
    Da geht es wirklich um SEHR viel Geld und es wäre nicht gerade förderlich für die Pharma, wenn die Ärzte mehr Gewicht auf die Alternativmedizin (die viel günstiger ist) legen würden!!!

    Auch die Nebenwirkungen von vielen Medikamenten stimmen mich nachdenklich, aber dafür gibt es ja auch eine Lösung! Es gibt wieder Medikamente, um die Nebenwirkungen zu bekämpfen…

    Aber um fair zu bleiben gestehe ich ein, dass es BEIDE (!) braucht und man sollte nach gesundem Menschenverstand handeln. Ich kenne Leute, die lassen sich bei der kleinsten Grippe Antibiotika verschreiben und bekommen es auch, was ich nicht nachvollziehen kann. Gerade das grosse Problem der Antibiotikaresistenz wird der Schulmedizin mal zum Verhängnis, aber das ist ein anderes Thema.

    Übrigens ist auch die Schulmedizin nicht über jeden Zweifel erhaben, denn auch sie kann Krebs (und andere Krankheiten) nicht mit einer 100% Garantie heilen!!!

    Sicher gibt es auch bei der Alternativmedizin Scharlatane und ich bin dafür, dass man massiv gegen solche Leute vorgehen sollte, aber das hier macht die Schulmedizin für mich auch nicht gerade vertrauenswürdiger (Google ist übrigens voll mit solchen Artikeln!)

    Titel: „Erstmals wurde diese Woche im weltgrössten Pharmamarkt offengelegt, wie viele Gefälligkeiten die Pharmakonzerne Ärzten und Spitälern zahlen. Die beiden Basler Pharmariesen sind vorne mit dabei.“

    Für diejenigen, die es interessiert, hier der Link dazu:
    http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/wirtschaft/roche_und_novartis_millionenspritze_fuer_die_aerzte/

    Wenn man im Internet noch etwas weiter recherchiert und verschiedene Artikel dazu liest, kann man nur hoffen, dass man gesund bleibt!!! Ich finde es mehr als verachtend, wenn sich jemand schmieren lässt und sich am Leid von Menschen bereichert! Hier Fälle aus Deutschland, zu lesen wie ein „Krimi“ 😦 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-84789680.html

    Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass Herr Stadler als Person wohl genauso polarisiert, wie die Schul- und Alternativmedizin..!
    Ich habe mich bei seinen Antworten ziemlich oft aufgeregt, wie auch meistens, wenn ich ihn im TV in einer Diskussionsrunde sehe! Ich finde Anstand und Respekt dem Anderen gegenüber in der heutigen Zeit wichtiger denn je!

    Aber bei diesem Zitat von ihm sind wir uns sogar einig 😉 „Jeder hat das Recht, noch so absurdes Zeug zu glauben, aber niemand hat das Recht, mir seinen Glauben aufschwatzen zu wollen.“ Das sehe ich auch so!

    Ich finde es aber spannend, dass Du auch solche Themen aufgreifst und mich damit aus der Reserve lockst 😉 Ich freue mich schon auf die kommenden Tage :-*

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    • Das Interview mit Beda Stadler hat mich genau deswegen gereizt – weil er frei Schnauze sagt, was er denkt – und dabei erst noch weiss, wovon er spricht … der gute Mann hat nämlich ganz schön was im Köpfchen! Die Kunst des Interviews ist es ja, die Meinung des Interwievten stehen zu lassen – meine Meinung ist dabei irrelevant. Auch wenn ich in diesem Fall sehr nah bei Beda Stadler bin und ihn auch in Diskussionsrunden mag, weil er sich nicht auf der Nase rumtanzen lässt! Fähnchen im Wind gibt es in unserem kleinen Land schon genug – Querdenker bewegen einiges mehr! 🙂

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      • Ich mag Menschen, die ihre Meinung vertreten. Von denen gibt es viel zu wenig! Aber ich habe einfach mit seiner Art Mühe, weil er alles ins Lächerliche zieht und die Andersdenkenden als „Idioten“ hinstellt. Ich zweifle nicht im Geringsten an der Intelligenz von Hr. Stadler und bin mir sicher, dass er schon viel geleistet und erreicht hat! Wie gesagt, es ist die Art und Weise wie er seine Meinung vertritt, die mich persönlich stört, weil sie sehr verletzend sein kann. Ich weiss, dass das auch viele Leute gut finden und so soll es auch sein, denn jede/r soll zu seiner Meinung stehen 😉

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  3. … schließe mich …. SEHR SEHR Sympathischer Interview-Partner…. ehrlich und cool !!!

    Ich habe sehr viel und laut vor mich hin geprustet…… 😆 :mrgreen:

    …. und DAS, obwohl ich das ein oder andere Kügelchen einwerfe….
    in den Mund versteht sich – nicht etwas zum Süßen in den Tee….
    und auch sehr begeistert von der Iris Diagnose bin…
    So würde ich die Alternativmedizin NICHT an oberster Stelle sehen…. und bin froh und dankbar über die Menschen, die den Quacksalber zeigen, wo der Frosch die Locken hat!!!

    Zauberhafte Grüße … Katja

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  4. Liebe Daniela,

    ich bin ein ganzheitlich denkender, offener Mensch und bin der Meinung, dass wir beide Formen der Medizin brauchen. Sie ergänzen sich gut. Allerdings sind wirklich nicht alle alternativen Methoden auch brauchbar. Schon gar nicht ist jede neue Trend-Methode wirklich so erfolgreich, da ist der Glaube daran schon oft das einzig Wirksame. Wenn ich schwer krank wäre, dann würde ich auch die Schulmedizin wählen, weil sie meist schneller wirkt. Dafür hat sie auch meist mehr Nebenwirkungen.
    Ich finde, dass die Prävention immer noch einen viel zu niedrigen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat. Dafür sind alternative Methoden sehr gut geeignet. Besonders zum Erhalt einer gesunden Psyche. Pflanzliche Präparate finde ich auch sinnvoll, wenn sie therapeutische Dosen der Inhaltsstoffe enthalten. Aber selbst, wenn alles nur Placebo wäre, ist das einzige, was zählt, doch das Ergebnis, wieder gesund zu sein.

    Ansonsten fand ich das Interview sehr lustig. Besonders über die Antwort mit den zwei zugesendeten Tassen musste ich lachen.

    Herzliche Grüße,

    Caroline

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    • Ja, gut erkannt, das mit der Glaubensfrage. Eigentlich geht es aber um Krankheiten, die hat keiner gern an der Backe und jeder möchte sie so schnell (!) wie möglich los werden. Da haben nur die Gesunden viel Zeit für Kügeli und Abakadabra :-). Habe noch nicht erlebt, daß bei Verkehrsunfällen, Herzinfarkten, Schlaganfällen, Asthma, verunglückten Kindern etc. Heilpraktiker oder Homöopathen gerufen werden, geschweige denn retten. Da hält es der Betroffene dann doch lieber mit der Schulmedizin… Heilkunst hat was mit Wissen und Können und Machen zu tun, nicht mit Zauberei und Glauben und energisch Zuwarten und was es sonst noch so alles gibt… Gefällt mir gut, der Beda Stadler.

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    • Einige kenne ich – andere finde ich einfach spannend und habe sie halt angefragt, ob sie mitmachen würden. Ich lese viel Zeitung und schaue hin und wieder TV – da sieht und hört man ja immer wieder, wer/wann/wo/was … und so kam ich darauf. Liegt mir als Ex-Journalistin wohl im Blut! 🙂

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