Warum einfach nicht immer einfach ist – Gastbeitrag von Christian N.

Was ihr heute hier lest, stammt nicht aus meiner Feder – ich habe einen Gastautor. Lasst euch überraschen!

 

Wenn man versucht, mir Ratschläge zu geben
werde ich wütend.
Das hat mehrere Gründe.
Nummer 1:
Ich fühle mich unglaublich schnell persönlich angegriffen.
Das ist ein Manko meiner Persönlichkeit.

Das muss über kurz oder lang ändern.
Nummer 2:
Die Ratschläge sind oft repetitiv oder wurden von mir
bereits ausprobiert.
Das langweilt mich eher, als dass es mich wütend macht.
Nummer 3:
Und das ist der grosse Punkt.
Früher oder später fällt die Aussage „mach doch
einfach …….dies oder jenes“.
An diesem Punkt werde ich sauer.
An diesem Punkt fühle ich mich derart hilflos, ob dem Unverständnis,
welches mir entgegenschlägt.
Diese Unmöglichkeit, nachzuvollziehen, wieso ich NICHT „einfach“ mache.
Diese offensichtliche Abscheu im Bezug auf meine Unfähigkeit, meine

Situation zu verbessern.
Die Hilflosigkeit, manchen Menschen nie klarmachen zu können, was mein
Problem ist.
Die Verzweiflung, Dinge nicht mit derselben Leichtigkeit anpacken zu können,
wie dies andere tun.
Dies ist der Grund, weshalb das Wort „einfach“ manche Menschen für mich
sehr schwierig macht.

Mein Name ist Christian. Ich bin intelligent, ich bin kreativ. Ich kann gut schreiben, ich kann gut programmieren. Ich liebe es, Probleme zu lösen. Ich kann gut zuhören. Ich kann Menschen zum Lachen bringen.
Und ich verschwende mein Potenzial auf der ganzen Linie!
Ich lebe in einem sensationellen Zeitalter. Es war in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nie einfacher, etwas aus sich zu machen, wenn man das Privileg hat, in der ersten Welt geboren zu sein. Computer und Internet bieten dem Menschen unglaubliche Möglichkeiten, Millionen von Menschen zu erreichen.
Und ich sitze zu Hause, gucke mit wehmütigem Blick auf mein Indoorfahrrad und steige doch nicht drauf. Self-improvement (zu deutsch: Selbstverbesserung) ist ein Trend, eine Sekte, eine Erwartungshaltung der Gesellschaft. Niemand hat wirklich einen guten Grund, nichts aus sich selbst zu machen. Und trotzdem erdrückt micht mein Potenzial an vielen Tagen. Die Ideen sprudeln, wollen heraus, schreien meinen faulen Körper aus ihrem bequemen Hirnsitzplatz an und beklagen sich darüber, dass sie nicht umgesetzt werden. Sie halten mich wach, lassen mich im Bett wälzen, anstatt zu schlafen. Sie fordern mich auf, doch nochmal an den Computer zu sitzen und endlich den Artikel zu schreiben, der seit 2 Tagen in meinem Hinterkopf sitzt. „Morgen“, denk ich in diesem Moment. Es ist vernünftiger, jetzt zu schlafen. Und am nächsten Morgen geht die Jagd nach Unterhaltung von vorne los und die Ideen ruhen wieder bis zum Abend.

Ich rede mit anderen Menschen, höre von ihren „realen“ Problemen. Manchen geht es wirklich nicht gut. Burnout. Depressionen. Angstzustände. Alkoholismus. Manche verdrängen ihre Probleme, andere akzeptieren sie und versuchen, an sich zu arbeiten. Wiederum ganz andere wollen sich keine Hilfe holen. „Uns geht es doch so gut in der Schweiz. Was hab ich das Recht, mich schlecht zu fühlen?“ Ich staune. Es ist ein Gedanke, den ich ähnlich auch hatte. Aber das war es nie, was mich davon abhielt, mir helfen zu lassen. Es war immer das Verdrängen. Die Überzeugung: „Ich komm hier selber raus. Morgen fange ich an.“ Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass das Elend anderer Menschen mir nicht das Recht gibt, mich schlecht zu fühlen. Ein schlechtes Gewissen, ja. Eine Verantwortung, ja. Das Gefühl, mein Talent nutzen zu müssen. Aber nie der Gedanke, dass ich es nicht verdient hätte, mich schlecht zu fühlen.

Meine Motivationsschwierigkeiten fühlen sich nichtig an im Vergleich zur Not auf der ganzen Welt, aber auch schon um mich herum. Aber ich akzeptiere, dass es mir schlecht geht und ich das Recht dazu habe. Und ich hoffe, jeder der daran zweifelt, lässt sich dieses Recht in Zukunft nicht mehr nehmen und sucht sich ebenfalls Hilfe.

Meine Name ist Christian, und ich bin auf dem langen Weg zur Besserung.

Ich danke meinem Gastautor und werde ihm demnächst wieder eine Plattform auf meinem Blog zur Verfügung stellen!

27 Gedanken zu „Warum einfach nicht immer einfach ist – Gastbeitrag von Christian N.

  1. Dein Beitrag gefällt mir. Ich möchte allerdings erwähnen, dass auch „erfolgreiche“ Leute bzw Leute, die viel auf die Beine stellen, viel unternehmen, arbeiten etc immer und immer wieder ihren inneren Schweinehund bekämpfen müssen. Ich persönlich pushe mich auch oft zu Dingen, die mich im einen Moment vielleicht angurken, mir auf die lange Sicht aber ein besseres Gefühl bescheren. Das Bier auf dem Gipfel schmeckt nun mal besser, wenn man sich selber den Berg raufgequält hat, als wenn man mit der Bahn hochgefahren ist.

    Ich traue dir zu, dass auch du es schaffst, deine persönliche Situation zu verbessern. Schaue nur auf dich – natürlich in einem positiven Sinn. Ist übrigens buddhistisch…

    Gefällt 3 Personen

    • Hey Ben. Wie verd…. klein ist eigentlich diese Welt? Jetzt erfahre ich grad von Christian, dass ihr euch aus dem WWW auf einer anderen Linie schon kennt – und bei mir liest Du auch mit. Wir sind gerade etwas platt – Zufälle gibt es, die gibt es irgendwie gar nicht! Ich finde das grad ziemlich cool! Und übrigens: Ich traue ES Christian auch zu! Dann sind wir ja schon fast eine Community, oder??? Thx für den Kommentar! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Bei mir wirft der Text eine Frage auf: was genau ist Dein Problem, lieber Christian? Und diese Frage ist nicht provokativ gemeint 😉

    Nervt es DICH selbst das Du nicht „in die Puschen kommst“? Oder ist es das pushen von Deinem Umfeld, welches Dir ein schlechtes Gewissen macht?

    Gefällt 3 Personen

      • Was hindert Dich wirklich daran ( selbst gesteckte! ) Ziele zu erreichen?

        Mit einer klaren Vision dürfte es nicht schwer sein ( wenn auch manchesmal unbequem 😉 ) den Tag zu strukturieren, d.h. einen Zeitplan zu erstellen wann was dran ist, sich selbst den Weg mit ein paar Leckerlis = Belohnungen zu gestalten,….vielleicht einen bzw. DEN besten Freund mit in’s Boot zu holen, der hilft das Steuer rumzureißen wenn Frl. Lethargie oder Mr. Stinky ( innerer Schweinehund ) wieder mal gar zu laut rumquaken…

        Was ist Dir dabei am wichtigsten, was Du ändern möchtest? Sagen wir als Ziel was Du innert einer Woche erreichen könntest?

        Gefällt 2 Personen

      • Ich selbst, beziehungsweise meine langjährigen Gewohnheiten nur bequeme Dinge zu machen. Aber ich arbeite natürlich daran, es dauert einfach und braucht immer wieder bewusstes Überwinden wenn die Gewohnheiten wieder zuschlagen wollen. Das mit dem Strukturieren ist so eine Sache… Ich arbeite lieber mit einzelnen Zielen als fixen Zeiten. Leute die tatsächlich zu dir nach Hause kommen und dir nen Tritt geben wären zwar hilfreich, aber die gibt es halt nicht wirklich. Das ist aber auf lange Sicht sowieso nicht hilfreich. Kann aber bei einzelnen Zielen hilfreich sein wenn man ihnen sagt „hilf mir mit dem“.

        In einer Woche? Da fällt mir nicht viel ein. Meine wichtigsten Ziele sind alle ambitionierter.

        Gefällt 3 Personen

      • Meine Idee war halt ob es nicht einfacher ist sich mehrere kleine Etappenziele zu stecken, als unmotiviert oder gar mutlos vor zu vielen großen Zielen zu stehen 😉

        Aber die Sache scheint komplex zu sein, als das wir sie hier lösen könnten….ich wünsche Dir das Du Deine vielen Talente, die zwischen Deinen Zeilen durchscheinen, leben kannst und viele, viele Flow-Erlebnisse Deinen Weg pflastern!

        Und da wo Du Dir Unterstützung wünscht möge es Menschen geben, die DEINE Potentiale sehen und Dich darin ermutigen sie zu leben 😊

        GO FOR IT, CHRISTIAN! 😊 DIE ZUKUNFT BEGINNT JETZT!

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      • Danke für die guten Wünsche. Ich bin mittlerweile auch sehr zuversichtlich. Aber es ist halt ein langer Weg.

        Aber was genau ist ein Flow-Erlebniss.

        Zu deinem Go for it musste ich gleich an dies hier denken:

        Gefällt 3 Personen

      • Ein Flow-Erlebnis ist das positive Gefühl bei einer Tätigkeit die einem Freude macht, etwas was dem eigenen Wesen total entspricht, wo man sich selbst vergisst in dem was man tut…..

        Das Video ist interessant, danke 😊 wobei ich hoffe das meine Worte oder Ideen nicht so penetrant und irgendwie….äh….aggressiv….rüberkommen wie bei dem netten Mann 😉

        Gefällt 2 Personen

  3. Ehrlich und authentisch – so mag ich es und meine Meinung: Nur so kommt man – wenn auch nicht ohne Hürden – durch das Leben. Ein weiterer Vorteil: Man kann sich jeden Tag im Spiegel in die Augen sehen. Danke für diesen Gastbeitrag! Viele Grüße, Sylvia Kling

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  4. Lieber Christian,
    wenn ich dir einen Ratschlag geben darf?! ….
    – Gib NIX auf die Ratschläge anderer Leute!!! 😉
    Du bist Du und DU hast das Recht dazu!

    Ich sage ja ganz oft, wenn mir einer „was“ will: ICH muss gar nix !!!

    Ganz zauberhafte Grüße aus dem Sauerland
    Katja

    Gefällt 4 Personen

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