Grosse Klappe – nix dahinter

Wer mich kennt weiss es, die anderen erfahren es jetzt: Ich habe eine grosse Klappe. Ausgenommen sind die seltenen Tage, an welchen ich 40 Grad Fieber und eine fette Halsentzündung habe. Ansonsten läuft mein Mundwerk eigentlich immer wie geschmiert. Und man sagt, ich hätte immer das letzte Wort – klar, ich sehe das total anders, aber eben…

Und nun ist mir doch tatsächlich etwas passiert, von dem ich geschworen hätte, dass es mir nie und nimmer passieren würde. Ich habe mich nämlich total zu- und überreden lassen. Aber volle Pulle! Zu allem Überfluss auch noch in einer Materie, in welcher ich selber bestens bewandert sein sollte. Schäm!

Ich gehe also in ein mir bislang unbekanntes Kleidergeschäft und schaue mich – ganz unverbindlich natürlich – ein wenig um. Die hochdeutsch sprechende Verkäuferin kommt angeschossen und fragt: „Kann ich Ihnen etwas zeigen?“. Ich: „Sehr nett, danke, ich schau mich ein wenig um.“ Leider komme ich aber nicht wirklich dazu, denn die Gute lässt mich gar nicht schauen. Alles, was ich länger als drei Sekunden begutachte, schnappt sie sich und hält es mir vor die Nase mit dem Satz: „Super schön! Aus der neuen Kollektion! Welche Grösse?“ „Ehm, also eigentlich gefällt mir das nicht wirklich.“ Entsetzter Blick der Verkäuferin und sofort nachhaken: „Dooooooohoooooch, ist super schön. Ich hab das auch! Sie müssen reinschlüpfen.“

Alle, die jetzt denken, dass das der Moment ist, in welchem ich doch eigentlich davonlaufen sollte – RICHTIG! Aber ich habe es nicht getan, und ich habe keine Ahnung, warum nicht. Normalerweise wäre ich schon lange weg gewesen – wie ein Flitzebogen. Die Gute hatte sich aber bei mir derart festgebissen, dass ich das Gefühl hatte, einen Pitbull am Schienbein hängen zu haben. Und ich wurde dieses aufsässige Tierchen einfach nicht mehr los. Selbst, als ich protestierend meinte: „Ich probiere die Kleider nie! Ich kenne meine Grösse…“ hat mich die liebe Frau Verkäuferin einfach in die Kabine geschoben und mir einen Haufen Kleider hinterher gereicht. Ja, ich bin selber schuld – und ich habe keine Ahnung, warum ich mir das gefallen liess.

Zu allem Überfluss kam ich mit jedem angezogenen Kleidungsstück aus der Kabine, sah mich im Spiegel an und – egal wie bescheiden es auch aussah – sie quietschte immer nur: „Suuuuper! Ich habs doch gesagt – genau ihr Ding!“ Selbst bei einer jungvogeldünnschissfarbenen (super Wortkreation) Quetschhose, bei welchem sowohl mein Göttergatte verzweifelt den Kopf schüttelte und die anderen Kunden im Laden beinahe Brechreizattacken hatten, meinte sie überzeugt: „Perfekt! Mehr geht nicht!“ Ich darauf: „Bitte? Ist das ihr voller ernst? Diese Hose sieht richtig bescheuert aus und ich bin dafür 20 Jahre zu alt und 15 Kilo zu schwer!“ Entsetzter und verständnisloser Blick der Verkäuferin. „Aber neiiiiin, die trägt man so! Ich habe die auch.“  Man muss dazu sagen, dass die Gute rund 10 cm grösser und 30 Kilo leichter war, als ich.

So, und jetzt kommt der Supergau. Da der Pitbull einfach nicht mehr abzuschütteln war, habe ich nach über einer Stunde kläglich kapituliert und sieben Teile gekauft, von welchen zu Hause vier augenblicklich auf dem Stapel „zum Entsorgen“ landeten. Ich hätte mich in den Allerwertesten beissen können. Wie hat mir sowas passieren können? Ausgerechnet mir? Ich, die solche Dinge auf den Tod nicht ausstehen und sich eigentlich immer gut wehren kann. Ich kapiere es auch jetzt beim Schreiben noch nicht – aber diese Zermürbungstaktik scheint verkaufsfördernd zu sein. Ob auf Dauer, bleibt dahingestellt (ich werde da nämlich kein zweites Mal mehr hingehen) – aber kurzfristig sehr erfolgreich. Der Kunde kapituliert und zückt die Karte.

97 Gedanken zu „Grosse Klappe – nix dahinter

  1. modepraline, du arbeitet niemals NICHT ? Ich denke du hast ein Konfektionshaus für Damenmoden, Hat man da keine Arbeit oder delegiert man nur als Chefin ?
    Und daheim hast du sicherlich eine Frau, die die Wohnung in Ordnung hält, Dein mann kocht, ja dann brauchst du nichts arbeiten, was machst du dann ????? Ja, die Schweizer…..
    lol

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  2. Ich lach mich schlapp. Bei solch aufdringlichen Verkaufsvipern gibt’s bei mir nur eines: Berge von Klamotten mit in die Kabine, alles runter von den Bügeln, nix anprobieren und zuckersüß säuselnd den Laden auf Nimmerwiedersehen verlassen – nach mir die Sintflut – es war leider nichts passendes dabei- säuselblümchenstreuundzuckersüßlächenlnd- Rache ist Blutwurst. Modepraline, wass’n los mit dir? Aber jungvogeldünnschissfarben ist Weltklasse..

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  3. Junvogeldünnschissfarben…warum bin ich noch nicht auf dieses geniale Wort gekommen?! Klasse!
    Wird nächstes Mal mit in den Duden aufgenommen.

    Vielleicht braucht noch jemand passende Bekleidungsstücke für seine nackte Vogelscheuche? Tipp: Höchstbietend versteigern! Man kann schließlich auch aus Sch**ße Geld machen.*

    (*Verzeih das unflätige Wort, aber ich bin über die Farbe „Jungvogeldünnschiss“ noch nicht gänzlich hinweg…)

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  4. ich kauf ja meine Klamotten meistens Online, mir ist das in diesen Boutiquen nicht geheuer, ausserdem hab ich 42-44 da zählt man ja schon zu den schwergewichtigen und wird komisch angeguckt. Ich bin aber nicht schwergewichtig, ich habs halt gerne nicht so eng anliegend.
    oder sind 64 kilo bei 168 cm zuviel ? Du bist die Fachfrau, sag mir ob ich zu fett bin 🙂

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  5. Das hätte mir auch passieren können, obwohl ich sonst auch eher sofort gehe, wenn ich solche Nervebolzen von weitem sehe. Denn haben sie dich einmal am Wickel, dann scheint es kein Entkommen zu geben.
    Bei landet es dann leider auch im Altkleidercontainer, weil ich es peinlich finde, es zurückzugeben.
    Zum Glück sind solche Exemplare eher selten, denn geschäftsfördernd auf lange Sicht sind sie ja nicht.

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  6. Na herrlich,he he he,jeder/jede findet Seinen Meister….Tja Gundel wäre auch eine möglichkeit und vieleicht ist Die ja wirklich verwandt mit Deinen Nachbarn.Aber was Dir nicht gefällt kannst Du ja immer noch in deinem Laden verkaufen…..

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  7. Da habe ich auch einige Läden auf dem Index stehen.

    Und grundsätzlich wollen mir die Verkäuferinnen erstmal zwei Nummern kleiner aufschwatzen. Wenn die mich dann kennen, ist es einfacher. Aber in dem Fall würde ich den Laden großräumig meiden.

    Inzwischen nehme ich meinen Mann mit, der glücklicherweise auch brav mitkommt, zur Verstärkung.

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    • Ich bin auch überrascht, weil mir das NIE passiert und ich selber mit meinem Personal NIEMALS einen Kunden überrede – das ist der Tod für den Aufbau von Stammkunden. Die kommen nämlich nie wieder. Keine Ahnung, was mich geritten hat – ich hatte wohl die Handbremse angezogen. Und ich werde den Teufel tun, hier ein Geschäft mit Namen zu outen – zumal diese Kette an sich eine coole Textilkette mit tollen Angestellten ist – einfach in dieser Filiale war wohl die Ferienvertretung im Einsatz und wollte allen beweisen, dass ihr Umsatz der Beste von allen ist. Keine Ahnung! Selber schuld – eben: Grosse Klappe, nix dahinter! *ich geh mich jetzt schämen*

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  8. Herrchen ist zurecht der Meinung, dass du nicht so „schlimm“ bist, wie du immer tust. Du wärst wohl eher ein Gutmensch, der die seltene Gabe habe, jemandem die Chance einzuräumen, dich auch mal „überreden“ zu können. Herrchen drückt das immer wie ein Diplomat aus.
    Ich würde es so bellen: du bischt ganz ok, aber am besten bischt, wenn du schläfst!!

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    • Ich weiss nicht, wen von euch beiden ich lieber mag – Herrchen oder Dich! Irgendwie seid ihr beide extrem ok. Und ich hab gestern übrigens den ganzen Tag an Dich gedacht, lieber Joey – ich war auf Hundeschauen-Tour! Ich bin ganz hundig….wuff!

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  9. Das kann nicht sein – entweder war früh was in Deinem Kaffee ????? oder die hat Dich hypnotisiert ??? oder Du brütest einen Virus aus ???
    oder – der Klügere gibt nach – deshalb regieren die Dummen die Welt.
    Eine köstliche Story – aber leider nicht kostenfrei
    herzlichst
    Bella

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  10. grosse Klappe – nix dahinter?
    Herrliche Geschichte, die das Leben dir da als neuen Blogbeitrag serviert! Mir fällt dabei gleich die Fabel von der Maus und dem Löwen ein. In jedem von uns steckt eine Maus und ein Löwe. Sie sind nur nicht zeitgleich im Bewusstsein. Wenn einer vorne ist, ist der andere hinten.
    Da du vor dir in Gestalt der Pittbullverkäuferin den Löwen gesehen hast, sah deine innere Maus die Chance sich neu einzukleiden, während dein innerer Löwe in Volltrance fiel. Logisch, das er zu Hause erwachte als die Maus schon eingekauft hatte. Kein Wunder, das der Löwe dumm aus der unpassenden Wäsche schaute… das war Folge 1

    grosse Klappe – was dahinter! Folge 2
    Stell dir vor, dein wacher Löwe legt mutig die in Volltrance gekauften Sachen auf die Theke zurück und fordert ruhig aber bestimmt und völlig EMOTIONSLOS sein Geld zurück. Ich möchte wetten, du siehst ihre Maus vorne… und verstehst, weshalb du so reagiert hast.

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    • Also die Sache mit dem Löwen und der Maus habe ich noch nie gehört – klingt aber so lustig, dass es irgendwie logisch ist. Und da mein Sternzeichen Löwe ist, und ich sonst eigentlich immer brüllender Löwe bin, hat der sich wohl einen Pausentag gegönnt! 🙂 Ich und eine Maus….schon die Vorstellung ist zum Kringeln!! 🙂

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