Meine Güte…

…wie verwöhnt wir doch sind. Oder soll ich sagen ICH? Nein, ich glaube, wir Schweizer/innen sind extrem verwöhnt und wissen es manchmal so gar nicht zu schätzen. Ich bin kürzlich in Hamburg mit einem lieben Pärchen der schreibenden Gilde essen gegangen. Also mal ganz abgesehen davon, dass die beiden einen unverwüstlichen Humor und wir dadurch einen saulustigen Abend hatten, wurde mir mal wieder bewusst, wie verdammt gut es uns doch geht.

Die beiden sind – zusammen mit ihrer Lütte (Lütte = Hamburgerdialekt für Kleine) – eine Familie, die auf 36 m2 wohnt. Und weil die Jobs hier nicht auf der Strasse liegen, sind die beiden auf Arbeitssuche. Ja, sie haben abgeschlossene Ausbildungen und nein, das nützt ihnen gar nichts. Das alleine war für mich schon Grund genug, um dreimal leer zu schlucken. Als mir die beiden aber dann noch erzählten, dass sie mit 1’400.– Euro leben müssten, davon aber auch noch die Miete zu bezahlen haben…ja, da reichte bei mir das Schlucken nicht mehr. Da war das schon eher ein Spucken. Hä? Eine Kleinfamilie mit 1’400.– Euro im Monat und davon geht noch die Miete weg?

Klar, man kann diesen Betrag nicht einfach 1 : 1 in die Schweiz ummünzen, aber trotzdem. Sie können mit ihrer Kleinen nicht einmal in den Zoo. Warum? Weil der Eintritt dort 20.– Euro kostet. Oder in der Musicalstadt Hamburg leben aber nie ein Musical sehen – ja, das gibt es. Warum? Weil die Musicalkarten das Budget eines ganzen Monats sprengen würden.

Extrem imponiert hat mir, als die beiden erzählten, dass sie sich – wenn mal ein guter Monat ist und 20.– Euro übrig bleiben – zusammen ein Buch gönnen oder der Kleinen ein Buch kaufen. Hut ab! Andere würden damit sonstwas tun, sie gönnen sich ein Buch. Da bleibt mir echt die Spucke weg.

Und die beiden haben einen unendlich trockenen Humor, der sie dies alles gemeinsam  positiv sehen lässt. Vermutlich wäre ich am Jammern, weil ich mir nichts leisten könnte. Sie erklären total normal: „Bei uns gibt es halt vor allem Nudeln und Sachen, welche gerade im Angebot sind.“ Aha – und ich blindes Huhn sehe die Angebote im Supermarkt nicht mal.

Und weil die zwei Schreiberlinge ihren Geist nicht in 36 m2 sperren lassen wollen, schreiben sie eben ganz coole Geschichten – mit viel Fantasie und Liebe. Die Gedanken sind ja bekanntlich frei – die interessieren sich nicht für die Quadratmeter der Wohnung. Wie gut, dass es das Schreiben gibt. Und ich werde mich in Zukunft wieder des öfteren an der Nase nehmen, wenn ich jammere für nichts und wieder nichts! Uns geht es nämlich wunderbar! 🙂

49 Gedanken zu „Meine Güte…

  1. Derartige Geschichten aus dem Leben lese ich sehr gern. Vielen Dank dafür!

    Die beschriebenen Eltern mögen kaum Geld haben…investieren aber durch ihr vernünftiges Handeln in die Zukunft, indem sie ihrem Kind- wie es scheint- die größtmögliche Liebe entgegenbringen und ihm die wahren Werte im Leben aufzeigen.
    Solche Familien zeigen, was Wertschätzung wirklich bedeutet…gegenseitiger und substantieller Natur.

    Sie könnten das wenige Geld auch in den blauen Dunst schreiben oder anderen Sinnlosigkeiten opfern. Sie könnten ihr Kind mit „Wegwerfartikeln“ unserer banalen Konsumwelten ruhigstellen, oder gleich komplett hinter den eigenen Bedürfnissen anstellen.
    Tun sie aber nicht.
    Dies ist hoch anzurechnen!

    Ich ertappe mich auch hin und wieder dabei und frage mich: Brauch ich das wirklich? Warum passiert immer mir soetwas?…
    Dann wird mir aber wieder sehr bewusst: Andere hatten und haben es von den Rahmenbedingungen viel schwerer und machen dennoch das Beste daraus…
    (Diejenigen, die alles ungerechtfertigterweise in den Hintern geblasen bekommen, muss man dann eben großzügig ausblenden.)

    Steine legen sich einem immer in den Weg (dem einen mehr, dem anderen weniger)….dann baut man sich eben etwas Schönes daraus!

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  2. Vielen Menschen geht es gut, weil sie finanziell unabhängig sind und sich im Grunde genommen einiges im Leben leisten können, was für sie selbstverständlich ist, was aber in der Tat zu den Luxusgütern dieser Welt zählt.

    Natürlich jammere auch ich gerne mal rum, dass mein Leben mich hasse würde, wenn etwas mal nicht so läuft wie ich es geplant habe… oder ich jammere rum, dass alles gegen mich wäre und alles ja so scheiße und mies wäre, wenn ich mir nicht sofort das leisten kann, was mein Herz begehrt. Aber auf der anderen Seite führ ich mir wieder vor mein Auge, dass es Menschen gibt, die „schlechter“ leben als ich und trotzdem glücklich sind.

    Wenn ich zum Beispiel meine Eltern betrachte… beide sind sie nach Deutschland gegangen, können nicht all zu gut Deutsch, haben keine abgeschlossene Berufsausbildung hier in Deutschland und sind seit Jahren (seit ich denken kann) in der gleichen Firma angestellt und werden nach Stunden bezahlt. Sie arbeiten teilweise 10 bis 12 Std. am Tag… manchmal sogar 6 Tage die Woche… verdienen ZUSAMMEN trotzdem nur so viel wie ich alleine verdiene. Sie haben auf vieles verzichtet… sie mussten nicht immer den neusten und größten Flatscreen haben, kein dickes Auto besitzen, was ein Spritschleuder ist, das neuste und schnellste Handy, oder oder oder… sie haben immer alles zur Seite gelegt und sind damit klar gekommen auf ein Minimum zu leben (für mich ein Minimum). Und durch diese Art und Weise zu leben konnten sie sich jetzt letztendlich ein Haus kaufen. Und das obwohl beide zusammen so viel verdienen wie ich – und ich verdiene keine Millionen oder so! ^^ Um Gottes Willen!
    Ich dagegen gebe mein hart verdientes mit beiden Händen aus… ich lebe in einer Wohnung, die früher groß genug für meine Eltern und mich war. Das Zimmer, welches ich als Ankleidezimmer nutze, ist so groß wie mein Kinderzimmer früher! Ich fahre ein schickes Auto, welches Sprit ohne Ende verbraucht und in der Versicherung ein Wucher ist! Anstatt zu Hause zu kochen, gehe ich öfter hier und dort was essen, obwohl ich eine hochmoderne Küche besitze! Ich besitze immer das neuste Handy, welches auf dem Markt ist! Ich gönne mir vieles im Leben. Und dennoch träume ich davon dies, das und jenes zu besitzen.

    Klar, träumen kann man… träumen sollte man… aber ich habe es mir angewöhnt auch mal darüber nachzudenken, wenn ich mal wieder am jammern bin, dass es mir echt verdammt gut geht und dass es vielen anderen Menschen auf der Welt nicht so gut geht wie mir.

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  3. Ja, es geht uns gut, das ist so. Trotzdem möchte ich einwenden, dass es solche „Fälle“ durchaus auch in der Schweiz gibt. Nun kommt das Argument Sozialstaat und Sozialhilfe. Gibt es, funktioniert wohl meist auch gut, ist aber nicht immer nur einfach – schon gar nicht für die Psyche der Betroffenen, vor allem, wenn sie vorher eine Ausbildung, gar ein Studium (das sogar noch gut) absolviert haben, immer auf eigenen Beinen standen und plötzlich von keinem mehr gewollt werden – weil überqualifiziert oder durch Elternpause mit zu wenig Erfahrung, oder oder oder…

    Ich kenne einige Fälle – man muss nicht immer nach aussen schielen. Aber: Schön und wichtig ist es sicher, zu sehen, was man selber Gutes hat und wie gut es einem eigentlich geht. Und so scheint es bei dir zu sein.

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  4. Wenn am Ende vom Geld noch so viel Monat übrig ist…geht es nicht nur darum möglichst günstig und trotzdem möglichst vollwertig einzukaufen…

    Viel schlimmer sind die Ängste drumherum…ausgehend von der Perspektivlosigkeit zumindest für die nahe Zukunft, wenn nicht gar auf lange Sicht…über den Schrecken über ein Gerät was grad nicht funktioniert, wohlwissend das man sich kein neues leisten kann…keine kulturellen Veranstaltungen, weil sie mit Ausgaben verbunden sind…keinen Anschluss finden, denn alles ist mit Ausgaben verbunden bzw. mancher Standesdünkel der Menschen…Selbstmedikation mit homöopathischen u.ä. Produkten ist kaum möglich…jedes kleine Löchlein in einer Klamotte oder Gewichtszunahme ist Desaster, weil man sich so schnell nichts neues leisten kann…das fahren mit Auto ( was notwendig ist ) mit den letzten paar Tröpfchen Sprit, nebst jeden Monat der bangen Frage ob man es sich demnächst womöglich nicht mehr leisten kann…Dinge, über die man sich mit normalem Gehalt gar keinen Kopp macht avancieren plötzlich zu Riesenproblemen…

    Chapeau vor all den Menschen die sich trotzdem ihren Humor und ihre Menschenwürde erhalten! Und Chapeau vor obiger Familie, die dem Kind trotzdem noch Werte wie lesen erhält….und das wird dann nicht die einzige Tugend sein, die dem Kind vermittelt wird 🙂

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  5. Bei uns ist es gerade so, dass mein Freund seinen Job verloren hat und auf der Suche nach einem neuen ist. Bei dem, was er momentan angeboten bekommt, werden wir uns wohl eine günstigere Wohnung suchen müssen und je nachdem, wo er etwas findet, ist es mit dem Arbeitsweg dann auch schwierig, denn ein Auto konnten wir uns schon vorher nicht leisten.

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  6. In Deutschland hängt einiges schief. Fängt ja schon damit an, dass man für eine einfache KV-Ausbildung das Abitur braucht. Folge: fast jeder macht das Abi, und fast jeder kann es machen, weil das Niveau um einiges tiefer ist als hier in der Schweiz. (Zumindest ist das meine Erfahrung, wenn ich vergleiche, was ich vor 25 Jahren in Hessen leisten musste und was meine Kinder leisten müssen. Dazwischen sind Welten.)
    Also können auch viele studieren, die das hier eher nicht könnten. Und viele studieren dann halt einfach mal so vor sich hin… (Hatte ich genug im Freundeskreis) In manchen Studiengängen lernen sie dann aber (z.B. in der Medizin) so gut, dass sie später als Ärzte in die Schweiz auswandern, weil man hier angemessener verdient.
    Dann gibt es diese unsäglichen Zeitarbeitsverträge. Die moderne Form der Sklaverei. Das ist ein ganz großes Übel. Und das Lohndumping durch Billigkräfte aus anderen Ländern. Kann doch nicht sein, dass jmd, der privat pflegt, nur 5Euro pro Std verdient! Ist aber so. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland weiter gehen soll…😞

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  7. Ich sage nur „Fachkräftemangel“… Mein Freund, als studierter E-Techniker, hat auch 9 Monate nen Job gesucht, aber wir brauchen ja ganz dringend Menschen von sonstwoher, weil wir viel zu viele offene Jobs haben. Hat mal jemand ohne Job versucht, ne Fortbildung oder Umschulung zu bekommen? Kann man knicken. Sowas ist für mich ein rotes Tuch, wir haben sehr viel sehr gut ausgebildetes Potential, aber man (also Staat oder potentieller Arbeitgeber) müsste ja noch etwas in die jobspezifische Ausbildung stecken, das geht dann aber zu weit.
    Wie schön dass die beiden wenigsten ihren Humor nicht verloren haben, ich kenne ganz viele, die aufgrund erfolgloser Jobsuche in eine Depression abrutschen…

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  8. Tja, meine Liebe – so ist das hier – nicht für jeden, aber für sehr viele.
    Wir bezahlen unsere Wirtschaftskraft mit sinkenden Einkommen ( in den letzten 10 Jahren um 23 %) und unsicheren Arbeitsplätzen.
    Ging uns auch mal entschieden besser.
    Gründe vielfältig, das führt hier zu weit.
    Die Schweiz ist halt – noch – ein glückliches Inselchen in einer sich umstrukturierenden Welt.
    Nein, Optimismus kann ich hier nicht verbreiten.
    Trotzdem schönen Tag
    Bella

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    • Achso – hab mal Euren Rechner Salarium für meinen erlernten Job benutzt, da würde ich bei Euch ca. 16.000 Franken Brutto bekommen, bei uns waren es 3.700 Euro.
      Wow.
      Das sind Differenzen !!!!!
      Bella

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      • Aaaaber: Bei uns gehen davon dann erst mal die Steuern weg (die sind ja bei euch schon weg), dann bezahlen wir in etwa das Vierfache eurer Mieten und Versicherungen….das darfst Du trotz allem nicht vergessen. Und das Einkaufen ist bei uns gefühlte 10 mal so teuer, wie hier. Ich habe immer das Gefühl bei EDEKA oder REWE, die hätten die Kommas falsch gesetzt, weil hier alles soooo günstig ist!

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      • 16000 Monatslohn??? Das ist aber sehr, seeeehr (!!!!) selten… würde ich mal behaupten…. Was für ein Beruf wäre das? Ich sattle um 🙂 Aber es ist in der Tat so, dass die Lohnzahlen schon unterschiedlich sind. Trotzdem muss man auch die Lebenskosten sehen. Versicherungen, Krankenkassen, etc. Wir zahlen hier fast 1000 Franken Krankenkasse im Monat – und alle sind nur allgemein versichert. Mit Versicherungen geht gleich nochmals ein schöner Batzen weg. Eine Wohnungsmiete in Zürich… fast nicht mehr machbar, wir haben hier Einzimmerwohnungen mit 20 m2 für 1500 Franken aufwärts, und und und…

        Ich will nicht jammern, ich denke aber, der Ländervergleich ist nicht ganz so einfach. Trotzdem höre ich viel aus Deutschland und ja: Es geht bergab, ihr zahlt als eines der reicheren Länder für die armen mit… und von irgendwoher muss das Geld ja auch kommen. Ich denke, das ist sicher ein Punkt von vielen. EIn anderer ist halt die Wirtschaftslage generell – es geht ja mit vielen Ländern immer mehr bergab.

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      • Wenn man mal drin war, sieht das wohl anders aus. Ich empfehle sonst jedem, mal von 2000 im Monat zu leben und den Rest (weil ja das schon zu hoch ist) in der Schweiz (mit Kind) zu leben…

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