Wenn die Messlatte zu hoch liegt

Ich kenne einige Unternehmerfamilien – und wir gehören sogar selber zu dieser Gattung. Ich bin Unternehmerin und habe eine Familie. Die Gespräche am Küchentisch scheinen sich in Unternehmerfamilien nicht selten in eine ähnliche Richtung zu bewegen. Die Wirtschaftslage, die Politik, der Markt, die Arbeitslosenquote, die Umsätze oder die Zukunft werden thematisiert. Eine gute Sache, denn das Einschlafen der grauen Zellen kann so vermieden werden. Der Kopf und der Geist müssen wach bleiben, sonst wird das mit dem Unternehmen nichts. Wer rastet, der rostet. Und genauso ist das auch in einem Unternehmen. Stillstand ist der Tod jeder Firma.

Leider verstehen das aber in meinen Augen manche Unternehmer falsch. Wer ein Unternehmen aufbaut und für eine Idee lebt, darf nicht automatisch davon ausgehen, dass die Nachkommen die gleichen Interessen haben und die Begeisterung und das Herzblut teilen, welches ein Gründer hat. Nicht selten gehen aber die Patrons davon aus, dass der Nachwuchs in ihre Fussstapfen treten muss. Ja, der Nachwuchs muss, denn gefragt wird nicht. Von wollen kann also keine Rede sein. Die Sprösslinge werden also von vornerein so gepolt, dass schon bei der Ausbildung darauf geachtet wird, dass die Nachfolgeregeleung niemals ein Problem darstellen wird. Ob es der Tochter oder dem Sohn gefällt, steht dabei leider oft gar nicht zur Diskussion. Und ob die Fussstapfen ausgefüllt werden können, wird dabei auch nicht berücksichtigt. Weil der Nachwuchs mit diesem Druck aufwächst, gelingt es leider den wenigsten, aus diesem Konstrukt auszubrechen. Das mag vielleicht über eine oder zwei Generationen gutgehen – sodass die Firma auf gesunden Beinen steht. Ob die Beine der jungen Patrons aber ebenso gesund sind, wage ich zu bezweifeln. Sie kennen nämllich nichts anderes, als in den oft viel zu grossen Fussstapfen der Vorfahren verzweifelt um Akzeptanz zu kämpfen – von Freude und Herzblut kann dabei keine Rede sein. Es geht nicht selten nur um Verantwortungsgefühl und um den Versuch, die Erwartungen zu erfüllen. Glück und Zufriedenheit sind dabei auf der Prioritätenliste ganz weit unten.

Für mich stand und steht so etwas niemals zur Debatte. Es gibt wohl kaum etwas schlimmeres, als ich Leben einen Job machen zu müssen, den man nicht selber auswählen durfte. Jeden Tag etws zu tun, was überhaupt keinen Spass macht, einfach weil es erwartet wird – das stelle ich mir unglaublich zermürbend vor. Zumal jemand, der etwas nicht aus eigenem Antrieb macht, niemals erfolgreich sein kann. Das dürfte mit ein Grund sein, warum Familienunternehmen oft in der 3. oder 4. Generation kaputt gehen. Und dann wird über die Nachkommen gewettert, die alles zerstört haben. Aber die Tatsache, dass diese Nachkommen gar nie gefragt wurden, ob sie diese Verwantwortung überhaupt möchten, interessiert kaum einen. Jeder Mensch sollte selber wählen dürfen, wie er sein Leben und Arbeiten gestalten möchte. Riesige Fussstapfen machen nicht glücklich!

22 Gedanken zu „Wenn die Messlatte zu hoch liegt

  1. Ich denke, das alles hat mit etwas zu tun, was man in sehr vielen Feldern antrifft: Menschen sind so in ihrem Umfeld gefangen, dass sie die Sicht auf Dinge außerhalb ihres Bereiches verlernen. Der Politiker denkt nur in seinen Kategorien, der Unternehmer der Physiker der Autor und was sich sonst noch finden ließe, ebenso. Je weiter dass Menschen von den Dingen des Alltags entfernt sind, umso schwerer fällt es ihnen, sie nachzuvollziehen. Wie sollte also der Politiker wissen, was glücklichsein heißt?

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  2. Tja..das Unternehmertum
    Wirtschaftlich sind das ja die Zugpferde, die Arbeitsplätze bilden, für Aufschwung etc. sorgen.
    …uund eben“ Zugpferde“ ist nicht jedem Menschen gegeben.
    Das braucht Eigenschaften, die nicht jeder mitbringt.
    Es gibt aber solche Menschen, die gerne ein Unternehmen leiten würden, jedoch das Kapital nicht haben.
    Welche könnten sich in die Fußstapfen von solchen Unternehmen steigen, denen die Nachfolge fehlt.
    Plattform?

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  3. Meine Mamaund mein Stiefpapa können es nicht nachvollziehen, dass ich lieber einen Job mache bei dem ich zwar weniger Geld verdiene als bei ihnen, den aber mit Herzblut und aus Berufung. Sie hätten mich gerne in der Firma, aber dieser Stress, diese Belastung und das ewige Nichtabschalten-ist gar nicht meins. Ich bin lieber eine sehr gute Angestellte (und dafür eher arm) als eine unglückliche Unternehmerin (auch wenn sicher etwas reicher)

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  4. Soziologisch gesehen habe ich es nicht ergründet…..aber sind es nicht vielleicht gerade die Unternehmer die sich dermassen verbissen um ihr Business gemüht haben, das sie selbst damit überfordert waren…und somit mit selbiger Verbissenheit das Geschäft erhalten möchten und die Nachkommen kommen da gerade recht!?

    Auch in anderen Bereichen ( Familie, Partnerschaft, Freunde,… ) ist es doch eine Kunst Potentiale / Talente der Menschen zu erkennen und zu fördern…und zwar so das es der Person selbst gerecht wird….und nicht demjenigen Menschen, der meint anderen seine Vorstellungen überstülpen zu müssen…

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  5. Deine Analyse von Unternehmerfamilien lässt sich auch auf viele andere Familien übertragen. Es gibt leider viel zu oft Eltern, die die Kinder nach ihren Wünschen formen wollen, anstatt sie dabei zu begleiten, ihr individuelles Glück zu finden. Viele Eltern wünschen sich „erfolgreiche“ Kinder, aber genau das verhindern sie im Endeffekt mit ihren „falschen“ Bemühungen selbst, wenn sie einen Menschen nicht das machen lassen, was ihm wirklich liegt.

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