Voller Briefkasten

Die Adventszeit steht bevor und das bedeutet, dass der Briefkasten täglich voll und voller wird. Die Bettelbriefe gehören wieder zum postalischen Alltag. In der Zeit, wenn die Nächte kalt und lang und die Wohnzimmer mit Kerzen erleuchtet sind, gehen den Menschen offenbar die Herzen schneller auf. Und damit auch die Brieftaschen! Das mag ja schon sein und manche besonderen Aktionen zu jener Zeit finde ich sogar gut – wie beispielsweise die Aktion „Jeder Rappen zählt (JRZ)“, welche in der Schweiz im Dezember von Radio/TV SRF durchgeführt wird. Bei den Bettelbriefen habe ich aber so meine Probleme.

Aus jedem zweiten Umschlag, den man in dieser Zeit öffnet, schaut einem ein todtrauriges Kind entgegen. Nicht selten ist es ein dunkelhäutiges Mädchen mit süssen Locken und grossen, traurigen Kulleraugen. Da ich nicht davon ausgehe, dass ein Fotograf in Afrika darauf wartet, bis er irgendwo ein solches Vorzeigemädchen auf einem Gehsteig weinend knipsen kann, ist das Ganze mit ziemlicher Sicherheit gestellt. Oder irre ich mich da? Ich komme einfach nicht dahiner, wo diese Bilder immer herkommen. Kindercasting? Und wer nicht auf Knopfdruck heult, bekommt eine Watsche, damit es sicher echt aussieht?

Also ich für meinen Teil finde diese Post mühsam, denn sie macht eigentlich nichts anderes, als ans schlechte Gewissen der Menschen appellieren. So nach dem Motto: „Dir geht es gut, schäm Dich! Und bezahl gefälligst sofort etwas ein, damit dieses Kind nicht mehr weinen muss!“ Am allerbesten ist es, wenn im Umschlag noch ein „Geschenk“ beiliegt, damit man definitiv ein mieses Gefühl hat, wenn man nicht einzahlt. Ein klitzekleines bisschen erpresserisch….aber nur ganz wenig. Ich finde es nur fies. Im übrigen kann man auch unter dem Jahr anderen Menschen etwas Gutes tun – dazu braucht es nicht Weihnachtsmusik!

39 Gedanken zu „Voller Briefkasten

  1. Schlimm finde ich auch die Bilder mit kleinen Kindern, die eine total verrotzte Nase haben (müssen). Warum putzt ihnen niemand die Nase?! Hauptsache das Foto ist im Kasten…
    Man könnte es schon fast als Nötigung auffassen. Zum Glück obliegt es noch der eigenen Entscheidung, ob man spendet oder das Stück Papier lieber entsorgt.

    Aber ist das Herz erst weichgeklopft, ist’s Geldsäcklein bald arg geschröpft….

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  2. Du hast völlig recht!
    Ich habe das für mich SO gelöst:
    Meine finanziellen Möglichkeiten sind sehr beschränkt, was bedeutet, dass ich aus diesem Bereich nur sehr wenig zur Verfügung habe, was ich anderen geben könnte. Und das, was ich geben kann, da suche ich selbst die Empfänger dafür. Irgendwelche „Postwurfsendungen“ ignoriere ich völlig. Und solche, die ich von der Aufmachung her schon erkenne, die werfe ich ungeöffnet in den Papiertonne.
    Zudem gibt es noch ganz anderes, was man geben kann, und was mit Geld nichts zu tun hat.

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  3. Ich stimme dir voll und ganz zu… Natürlich ist es den Leuten, die die Hilfe bekommen, wahrscheinlich egal, ob man aus Gutherzigkeit oder schlechtem Gewissen gespendet hat, aber bei solchen Briefen fragt man sich dann ja auch, wie viel von den Spenden tatsächlich da ankommt wo es hinsoll. Und es stimmt natürlich, dass man das ganze Jahr über Gutes tun kann, aber in gewisser Weise gefällt es mir sehr sehr gut, dass es so eine Zeit im Jahr gibt, wo die Leute der Weihnachtsgeist überkommt und sie anfangen, wild draufloszuspenden. Zumindest gibt es so eine Zeit… Viele Leute machen sich ja wirklich nur über sowas Gedanken, wenn in jedem Laden Flyer aushängen, und wollen dann den „guten Menschen“ in sich wieder hervorbringen. Aus welcher Motivation das letztendlich geschieht, ist ja dann auch nicht so wichtig.

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  4. Wer nicht wirbt, stirbt – das gilt leider auch in der Hilfs-Branche. Aber stimmt, mich macht es auch wütend, wenn ich ich sehe, wieviel Aufwand (und damit Kosten) betrieben wird, damit bloß nicht übersehen wird, wer da gerade hilft.

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  5. Ich sehe es genau so wie Du – mal abgesehen davon das ich nie verstanden habe warum man Weihnachten mit betretenen Gesichtern und obigen Aktionen begehen muss…..der Ursprung ist doch etwas erfreuliches gewesen….eine Geburt 🙂 …und da mit dem schlechten Gewissen zu spielen finde ich äusserst fragwürdig….und absolut nicht unterstützenswert. Und: ja, Jeder Rappen Zählt macht da eine grosse Ausnahme, die Aktion verfolge ich auch immer wieder und staune was da so alles zusammenkommt.

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  6. Abgesehen davon, dass es mit den flüssigen Mitteln zum Spenden nicht weit her ist, seit Jahren schon, habe ich noch nie auf eine dieser Erpressungen reagiert. Im Gegenteil, Organisationen, die auf diese Weise Spenden einwerben wollen, haben sich bei mir von vornherein disqualifiziert.

    Diese Aktionen kosten einen relativ hohen Anteil der damit getätigten Einnahmen, was ich generell nicht unterstützen kann. Ich bin mit den Jahren immer skeptischer in dieser Beziehung geworden, gerade auch was die Transparenz und Unabhängigkeit betrifft, nachdem ich bei der Organisation in der ich mitarbeite, gesehen habe, wie wichtig diese sind, und wie wichtig es ist, das sehr genau zu dokumentieren. Eben diese detailierte Dokumentation, der Einnahmen wie der Mittelverwendung, finde ich nur bei sehr wenigen Organisationen, die mit diesen Drückermethoden um Spenden werben.

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  7. „Last Christmas“, zu viel Essen, Weihnachtsfilme und Spendenaufrufe sind ja quasi wie Krippenspiele und Tannenbäume fester Bestandteil der Weihnachtszeit.

    Ich geb übrigens kein Jahr was.

    Also, nicht falsch verstehen. Ich spende schon, aber eben nicht Weihnachten.

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  8. Ich spende nur bei 2 Organisationen jedes Jahr. Alles andere werfe ich ungeöffnet ins Altpapier. Auch heute Abend, noch im Mantel habe ich die Post gleich nach Altpapier sortiert…die guten ins Köpfchen, die schlechten ins….es landet immer weit mehr im Altpapier als auf dem Posteingangs Stapel.

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