Ich habe mein Kind geschlagen

Ja, ich gestehe es: Ich habe vor 15 Jahren einmal meinen Sohn geschlagen. Und ich habe es nie vergessen, so gross war mein schlechtes Gewissen. Er übrigens auch nicht. Und weil wir heute mal wieder darüber lachen mussten hat er mich gefragt, warum ich diese Geschichte eigentlich nie auf meinem Blog veröffentlicht habe. Und drum tue ich das nun – allerdings mit einigen Erklärungen, denn sonst verstehen meine deutschen Freunde vermutlich nur Bahnhof.

Situation: Es war ein stressiger Tag mit viel Besuch. Ich war müde, genervt und der Junior war aufsässig und noch genervter, weil ich keine Zeit hatte. Er lümmelte vor dem Fernseher rum und motzte, weil ihm langweilig war. Und ich hatte das Gefühl, schon 300 Kilometer durchs Haus gewetzt zu sein, um die Gäste zu bewirten, die Küche in Schach zu halten und alles im Griff zu haben. Und da hat er mich genau im falschen Moment auf dem falschen Fuss erwischt. Und er hat – aufgrund eines Missverständnisses – ein Klatsche kassiert. Ich werde diesen Moment nie vergessen, denn er hat mich derart entsetzt und verständnislos (zu recht) angestarrt, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte, weil mir das derart leid tat.

Ich bin an ihm vorbeigehetzt und er hat – für meine Ohren – gesagt: „Mach mal die Schnorre zu.“ (Schriftdeutsch = halt die Fresse). Ich habe das darauf zurückgeführt, dass er Ruhe wollte, weil er den Fernseher nicht gut genug hörte. In Tat und Wahrheit hat er aber gesagt: „Mach mal die Store zu.“ (Schriftdeutsch = Schliess die Rolläden). Dies, weil die Sonne das Fernsehbild störte. Ja … und weil ich total kaputt und entnervt war, hat es einfach aus dem Reflex klatsch gemacht. Er hat total entsetzt losgeheult und gefragt, was er denn gemacht habe und – als sich die Situation aufklärte – schämte ich mich in Grund und Boden. Erstens, weil ich sonst NIEMALS ein Kind angefasst habe. Und noch viel schlimmer war die Tatsache, dass dies aufgrund eines Missverständnisses geschehen war. Ich versuchte verzweifelt, mich zu entschuldigen. Er blockte ab! Er wollte nicht mehr mit mir sprechen. Für mich war das die Hölle. Er verzog sich in sein Bett, dreht sich weg und wollte meine Entschuldigungen nicht akzeptieren. Meine Güte … ich habe es immer noch in den Knochen. Es tat mir so unendlich leid, denn nichts entschuldigt, wenn man ein Kind schlägt. Scham, Verzweiflung, Überforderung und Trauer hielten mich die ganze Nacht wach. Zum Schluss heulte ich mindestens genauso fest, wie er.

Heute können wir darüber lachen und er hat es mir verziehen. Aber ich kann euch sagen: Selten habe ich mich schlechter gefühlt. Und ich kann nicht verstehen, wie es Menschen geben kann, die ständig ihre Kinder schlagen.

33 Gedanken zu „Ich habe mein Kind geschlagen

  1. Das erinnert mich auch an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Meine Schwester, Mutter und ich kamen vom Einkaufen nach Hause zurück. Es liegt jetzt 30 Jahre zurück und ich habe es nicht vergessen – meine Schwester übrigens auch nicht. 😂 Ein Nachbar plauderte kurz mit meiner Mutter und es summte eine Biene ( vielleicht war es auch eine Wespe…) um meine Schwester herum. Meine Schwester sagte dann plötzlich laut und genervt:“ blööööde Biiiene!“. Meine Mutter war entsetzt, weil sie den Nchnamen des Nachbarn verstanden hatte. Danach gab es zuhause richtig Ärger…ich glaube sie hat auch eine gescheuert bekommen oder einen Klaps auf den Po. Sie musste anschließend zu dem Nachbarn gehen und sich für etwas entschuldigen, was sie nie gesagt hatte. 😄

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  2. Dumm gelaufen, menschlich gelaufen. Kann so ein vor der Glotze herumlümmelnder Bub die Store nicht selber schließen? Mama ist doch nicht Leibeigene … und dann gibt es noch das Zauberwort „bitte“ – hätte vielleicht Mißverständnis und Klatsche vermieden. 🙂 Ich mein ja bloß .. zur Gewissenserleichterung an heldenhafte Mütter.

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  3. Als zeitweiliger Wildfang hätte ich vielleicht die ein oder andere Backpfeiffe verdient gehabt. Ich danke meinen Eltern, dass diesem Umstand nicht Rechnung getragen worden ist. Und meiner Brille, die ich als Kind dauerhaft trug. 😉
    Ansonsten war ich immer schön brav. Da gab es nicht viel zu beanstanden oder „zurechtzuklopfen“.

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  4. Aus Erfahrung (von Kindseite her) kann ich sagen – das passiert (fast) jedem Mal. Meine Eltern waren (bzw. ein Teil ist nach wie vor) strikt gegen Gewalt und haben mich auch in diesem Sinne erzogen. Trotzdem hab ich mir drei Mal eine eingefangen, einmal berechtigt, einmal unberechtigt und beim letzten Mal… wars von beiden Seiten berechtigt.

    Nummer eins versteh ich vollkommen, denn das war eine Kurzschlussreaktion, als ich ohne zu schauen über die Straße laufen wollte, meine Mum hat mich grad noch rechtzeitig zurückreißen können und dann hats eben Klatsch gemacht, aus Schreck und Schock und Sorge. Nichts, was ich ihr heut noch vorhalten würde.

    Nummer zwei trag ich ihr heut noch ein Bisschen nach, weil eine 3 in einer Leseübung (also Antworten schreiben zu einem Text, den man zuvor als Hausaufgabe hat lesen müssen) von einem Text, den man gar nicht gelesen hat (weil man sich vertan hat und stattdessen einen anderen gelesen) ist meiner Meinung nach kein Grund für sowas. Gesteht sie heut aber auch ein, dass das ein Blödsinn war.

    Und nun ja – Nummer 3: Das war eine klassische Teenager versus gestresste Mutter am frühen Morgen Situation, wir fingen an so richtig lebhaft zu streiten, sie scheuerte mir eine, ich scheuerte zurück, sie war mehr als irritiert (ich auch irgendwie) aber damit war das Thema endgültig durch ^^.

    Fazit: Ausrutscher passieren, zumeist aus einer Überforderungssituation heraus, und solang das nicht zur Gewohnheit wird, man seinen Fehler (vor allem dem Kind gegenüber) eingesteht ist kein gröberer Schaden entstanden. Regelmäßiges Schlagen wiederum ist schädlich für beide Seiten und weist auf ein tieferliegendes Problem hin, das gelöst gehört (wie alleinsein1974 erkannt hat und entsprechend behoben, Respekt dafür).

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  5. Es ist glaube ich für beide Seiten wichtig, dass die Sache erstens zweitnahe aufgelöst wird und zweitens nicht wiederholt wird. Ich für meinen Teil hätte jederzeit gut einschätzen können, wie eine Backpfeife einzuordnen ist, weil sie nunmal nicht zum Erziehungsrepertoire meiner Eltern gehörte. Soll heißen: Wenn es passiert wäre, hätte ich gewusst, dass da gerade etwas für beide Seiten extrem Ungewöhnliches geschehen ist.
    Und dass dein Sohn es vielleicht ebenso handhabt, merkst du ja daran, dass ihr euch heute noch ohne Ärger unter die Augen treten könnt (bitte im übertragenen Sinne; alles andere wäre tatsächlich Gewalt).

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    • Ja, er war so geschock damals, weil meine Kinder niemals von mir geschlagen wurden und er das demzufolge nicht verstehen konnte. Heute lachen wir beide darüber und er fand, die Geschichte müsste doch auch auf den Blog – der Familienklassiker, über den wir immer wieder grölen! 🙂

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  6. Wirklich ein sehr beeindruckender und toller Post! Ich selbst kann mich noch sehr genau an einen Moment erinnern, wo meinem Vater kurz die Hand ausgerutscht ist. Ich hab mich furchtbar angegriffen gefühlt und mir standen Tränen in den Augen. Auch wenn es nicht wirklich wehgetan hat, war es einfach das Gefühl, dass etwas Ungerechtes geschehen war. Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll.
    Wir haben fast noch in der selben Situation darüber lachen können, dennoch habe ich den Augenblick nie vergessen.
    Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass meine Eltern die besten der Welt sind – wie hoffentlich jedes glückliche Kind dieser Welt.
    Ganz liebe Grüße, Cuervo

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  7. Schlagen ist sicher eines der schlechtesten Lösungen, aber ich würde aus einer Mücke auch keinen Elefanten machen.

    Ich begegne Kindern, wie sie mir begegnen, sind sie rotzig und frech, gibt’s die kalte Schulter. Sind sie kooperativ und schauspielern nicht, kann man vieles von mir haben.

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  8. Dani glaub mir selbst der besten Affenmutter passieren solche Momente und sie sind unentschuldbar aber zwingend Gespräch suchend… meine Tochter hat mich Gebissen aus einer Laune heraus und die Schelle war ein Reflex… wir waren beide unglaublich betroffen… toller Post! Rita

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  9. Schlecht geht es diesen Menschen, es sei denn sie erkennen was sie machen und suchen sich Hilfe. Das Problem oft wurden solche Menschen auch geschlagen und sie müssen lernen eben diese Verhaltensmuster zu durchbrechen.

    Du fragst woher ich das wissen will? (Ich bin nicht stolz drauf, ich habe mein Kind auch geschlagen !)
    Mir aber Hilfe gesucht! Heute sagt er:“ Du bist die beste Mama der Welt!“

    Ich freue mich, dass ich erkannt habe, was weder meine noch ihre Mutter erkannten! Ansonsten schäme ich mich zu tiefst für dieses Kapitel meines Lebens

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