Machen Kleider immer noch Leute?

Dies ist ein Gastbeitrag vom Sohnemann:

Um dem Statussymbol Kleidung auf den Grund zu gehen, müssen wir ein wenig in der Zeit zurückreisen, irgendwo zwischen Mittelalter und Renaissance: Damals waren opulente, verzierte und mit Rüschen besetzte Kleider der letzte Schrei bei Mann und Frau von Welt. Frauen trugen weite Kleider mit Metallgestellen darunter, welche den sonst viel zu langen Röcken den nötigen Halt verliehen und die es praktisch verunmöglichten, die Kleider alleine anzuziehen.
Bei Männern war weit ebenfalls im Trend, trug Mann doch damals die berühmten „Ballonhosen“, denen die aufgeblasen anmutenden Oberschenkelpartien ihren Namen verliehen. Sowohl Mann als auch Frau von Welt trug ausserdem Schminke und viel Parfüm, da die Waschräume dazumal noch etwas weniger frequentiert besucht wurden, als wir das heute kennen.
Der grösste Unterschied im Vergleich zu heute waren jedoch die gesellschaftlichen Verhältnisse: so verfügten nur wenige reiche Kaufleute und Adlige überhaupt über genügend Geld, um sich derartig extravagante Textilien und Accessoires in die Schränke zu stellen. Der grösste Teil der Gesellschaft trug schlichte, gelbliche bis braune Kleider, da Farbstoffe zu dieser Zeit sehr begehrt und teuer waren, weil der Herstellungs- und Beschaffungsaufwand im Vergleich zu heute viel grösser war.
Lange Rede kurzer Sinn: Schon damals galt eine bestimmte Art von Kleidung als Statussymbol; man konnte sich in eine Reihe stellen mit den Reichen und Adligen.

Zurück zur heutigen Zeit: Auch heute gelten Kleider und Accessoires noch als Statussymbol, jedoch in einer etwas anderen Art als damals. Damals waren es die aufwändige Herstellung und die prächtigen, teuren Farben der Kleider. Heutzutage spielt die Qualität und Art der Herstellung zwar immer noch eine Rolle, zum dominanten Merkmal sind jedoch die Logos und Schriftzüge der verschiedenen Marken geworden. Mit einem Hugo Boss Hemd für 150 Franken konnte Mann früher noch beeindrucken, heute muss es schon Roberto Cavalli, Versace oder Philipp Plein sein, um noch Aufmerksamkeit zu erregen (auf letzteren komme ich später noch zurück). Farbstoffe und gedruckte Logos sind heute nicht mehr so teuer. Hat allerdings ein berühmter Designer das begehrte Textil herstellen lassen, werden Kleidungsstücke allein durch den Aufdruck des Markennamens um ein Vielfaches teurer. Gerade der Herr Plein ist Experte in diesem Métier: Ein normales, rotes Hemd kostet bei H&M ca. 20 bis 30 Franken. Verkauft jemand dasselbe Hemd, mit einem 2 mal 2 Zentimeter grossen Totenkopf auf Brusthöhe und einer Philipp Plein-Etikette innen am Kragen, kann derjenige an die 20 bis 30 Franken je eine 0 hinten anhängen (die Qualität ist dabei, ich spreche aus eigener Erfahrung, immer noch auf H&M Niveau).
Eine Obergrenze für Preise gibt es hierbei übrigens nicht.
Bewegen wir uns also wieder in Richtung Renaissance zurück? Ich persönlich finde, in gewisser Weise ja: Die Luxusmarken haben sich in den letzten Jahren immer wieder gegenseitig mit den Preisen zu überbieten versucht, während die Händler im unteren Segment dasselbe Spiel mit gegenseitiger Unterbietung treiben. Ich war lange Anhänger dieser Kultur und habe mich quer durch die neuesten Designerkollektionen geshoppt, bin aber schnell und immer mehr davon weggekommen, weil diese Welt in meinen Augen sehr oberflächlich ist. Dazu ein Beispiel: Eine Frau läuft an einer bekannten Zürcher Strasse in ein Kleidergeschäft, weil ihr etwas im Schaufenster gefällt. Beim Betreten des Ladens wird sie nicht mit einem freundlichen „Grüezi“, sondern mit einem abschätzigen Blick und folgendem Satz empfangen: „Tut mir leid, wir führen nichts in ihrer Grösse“. Nun gut, dass Handtaschen neuerdings an Kleidergrössen gebunden sind, ist mir zwar neu, aber dann eben nicht, dachte sich die Frau.
Dieses Beispiel und der Charakter des grössten Teils der Klientel solcher Geschäfte, haben mein Denken in eine andere Richtung gelenkt.
Summa summarum: Kleider machen nach wie vor Leute, in einem gewissen Mass zumindest. In diesem Zusammenhang gilt es aber auch, ein anderes Sprichwort nicht zu vernachlässigen: Der Schein kann auch trügen…

Danke, lieber Sohnemann, für diesen Text … ich bin gespannt auf die Kommentare!

28 Gedanken zu „Machen Kleider immer noch Leute?

  1. Ein Kumpel von mir sagte, er wüsste schon dass diese designerkleidung von schlechter Qualität sei was das Material beträfe aber er würde sehr gerne diesen hohen Preis bezahlen da das künstlerische Design (Schnitt etc.) so toll sei. Anschließend tauschte er seinen gesamten Kleiderschrank gehen eine hugoB Kollektion aus. Ich war einfach nur … sprachlos!

    Als ich mit passgenauem Jearseyblazer zum Erziehungsfähigkeutsgutachten kam wurde notiert, mein Ernährungszustand würde sich aufgrund meiner übergroßen Kleidung nicht ablesen können. Mein Mann ging in jeans und t-shirt und lag damit genau richtig:er sei sportlich gekleidet.

    Kleider machen Leute gilt für mich immer noch. Einfach weil man in passender typgerechter Kleidung gleich viel besser aussieht. Da ziele ich aber nicht auf malen und pompom ab sondern auf funktionale und hochwertige Kleidung die stilistisch gut ausgewählt ist.

    Freue mich über den Artikel, Sohn der modepraline 🙂

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  2. Es gibt Läden, da sucht man sich dumm und dusselig beim Aufstöbern von Kleidungsstücken (vornehmlich T-Shirts bzw. Oberteile), die eben KEINEN überdimensionierten Namenshinweis auf Augenhöhe und in bester Lage vorzuweisen haben.
    Ich möchte mich züchtig verhüllen und nicht als Werbeschild umherwandeln, das zudem für diese darbietenden Dienste zahlt….eher müsste ich hierfür sogar Geld verlangen.

    Auch Nicht-Markenkleidung kann ihre Zwecke gut bis sehr gut erfüllen. Dafür braucht es diesen überteuerten Etikettenschwindel überhaupt nicht. Am Ende haben die Stoffteile ein und dieselben Hände in irgendeiner Hinterhoffabrik unter mangelhaften Bedingungen genäht.

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  3. Guter Text 🙂 kann an sich nur zustimmen.
    Ich selber bin nur unter einer Prämisse bereit, gutes Geld für Textilien auf den Tisch zu legen: Wenn sie gut verarbeitet und entsprechend lang haltbar sind (und vor allem nicht aus Ausbeuterbetrieben stammen, was bei den Markenklamotten leider oft nicht der Fall ist).

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    • Aber woher weiß ich mit Sicherheit, dass die Arbeiter NICHT ausgebeutet worden sind? Einschlägige Labels oder „Zertifikate“ können genauso gut gefälscht werden. Da zahlt man zwar fürs gute Gewissen, doch den hungrigen Bauch irgendwo da draußen füllt es leider auch nicht.

      Es ist eine ganz schwierige Kiste.
      Auch „Bio“ ist mittlerweile aufgrund der Vielfalt an Bio-Siegeln für den Verbaucher nicht mehr richtig nachvollziehbar und durchschaubar. Von der Weltreise, die so manches Bio-Produkt hinter sich hat, ganz zu schweigen. (Nachrechnungen zufolge soll dies aber immernoch klimafreundlicher sein, als zum Beispiel ein heimischer, in Deutschland aufwändig eingelagerter Apfel.)

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      • Mit Sicherheit? Recherchieren, wo wann wie was hergestellt wird, von welcher Unterfirma welcher Unterfirma, da hin fahren bzw. vermutlich eher fliegen, sich undercover in die entsprechenden Betriebe einschleichen, dort mit den Leuten reden und evtl. selber eine Zeit dort arbeiten… kurz gesagt, es ist für eine Privatperson kaum möglich, das zu überprüfen und ja, Greenwashing ist ein großes Problem, v.a. bei den großen Marken. Was man tun KANN ist einen Hersteller bevorzugen, bei dem man halbwegs sicher sein kann und das Beste hoffen. Bio – dito

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      • *auf die Uhr guck*
        Ich habe gerade ein paar Stunden Zeit und werde mich mal eben in sämtlichen Firmenzentralen umschauen, im Anschluss mit einem gekaperten Privatjet die dubiosen Handelswege abfliegen, letztlich in irgendeinem mafiös anmutenden Hinterhof landen und dort für Umme schmutzige Wäsche waschen…mit grüner Seife.
        Sehen wir uns dort?

        gez. 00NIX

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  4. Was ich aus dem Beitrag ziehe: Qualität spielt keine Rolle, sondern nur die Marke.
    Das ist doch total schizo?
    Anders gesagt: Wenn ich das Logo von einem solchen Hemd entferne, dann ist es plötzlich nur noch einen Bruchteil wert.
    Geld spielt also (für die Marken-User) keine Rolle, bzw. „Schein“ ist alles?
    Und dabei ist heute nicht einmal mehr Voraussetzung, dass man wirklich wer ist, eine Persönlichkeit darstellt, von hohem Rang ist oder sonstwas. Bestimmte Marken kann sich (von Zeit zu Zeit) ein jeder leisten, und somit so tun, als wäre er mehr als er ist. Lug und Trug eben.

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  5. Kleider manifestieren vor allem soziale Gruppen, was alle außerhalb einer Kategorie automatisch ausgrenzt. Das ist noch nicht neu. Neu hingegen ist, dass es nicht nur der Stil ist, der Grenzen schafft. Vor allem an der Uni gerät man gelegentlich in Diskussionen, weil auf meiner Kleidung kein Etikett einer bestimmten Ideologie steht. Und damit wird man nicht nur ausgegrenzt, sondern auch ethisch in eine Ecke gestellt, die man argumentativ nicht mehr verlassen kann.

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      • Germanistik (ein Teil ist Literaturwissenschaft). Ich befürchte, dass diese Uni da in der Hinsicht stark von ihrer Stadt geprägt wird. Das merkt man auch an der Haltung einiger Studenten. Auch bei den Geistenswissenschaftlern, weshalb es vielleicht umso stärker auffällt.
        Im ersten Semester saßen häufiger mal welche im Hörsaal und haben sich die Nägel gemacht (die Studentinnen). Viele waren völlig geschockt (auch im Master noch), dass ich neben dem Studium arbeiten gehe (-n muss). Das war in deren Welt nicht vorstellbar, weil sie ihren Mini und die Wohnung finanziert bekommen haben. Das verurteile ich eigentlich auch nicht, denn wer diese Möglichkeit hat, soll sie auch nutzen dürfen. Die andere Sache ist, wie man seinen Kommilitonen begegnet. Da wird schonmal stärker nach Äußerlichkeiten im weitesten Sinne geurteilt.
        Das andere Extrem wäre der Trend (und hier ist er es wirklich), sich vegan zu geben. Einigen darf man nicht mit einem Milka-Donut unter die Augen treten, sonst darf man sich einen Vortrag über ethische Verwerflichkeit von Milchprodukten anhören.
        Wichtig ist, dass das längst nicht alle betrifft und ich mit einigen sehr gut zurechtgekommen bin, die andere Ansichten hatten als ich. Aber oft ist die plärrende Minderheit eben sehr laut und bleibt im Kopf.

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    • Ich studierte um des Studiums und meiner beruflichen Zukunft wegen…nicht zum in der Nase Bohren oder Sonnenbrillen Tragen.
      Wie verquer ist nur die Welt geworden?
      Früher (hauptsächlich vor meiner Zeit) zeigte man noch eine Art Stolz und Lerneifer, wenn man diese Chance gewährt bekommen hat.
      Heute scheint es bei vielen nur der letzte Aufschub vor dem zu sein, was man gemeinhin als „Geldverdienen“ bezeichnet.

      Aber wenn man nichts anderes, tiefgreifendes vorzuweisen hat, dann muss man sich eben über Markennamen oder die aktuellste Nagellackfarbe definieren….

      Lass‘ dich nicht unterkriegen!
      Derartige Ausgrenzung ist armselig und zeugt von wenig Verstand.

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      • Ich kann für einige auch nur Unverständnis aufbringen. Ich glaube in einigen Textpassagen meiner Artikel über „meine“ Generation bzw. Studenten wird das „dezent“ angerissen.
        Die Zeit auf dem Campus ist für allerdings schon vorbei. Es geht nur noch darum, die Masterarbeit einzureichen und die Note zu bekommen.

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  6. Wenn ich von bestimmten Kleidungsstücken schwärme stelle ich fest das ich doch ziemlich markenverliebt bin….Icebreaker…best Merinofunktionskleidung ever…Nike Free….best Wie-barfuss-lauf Alltagsschuh ever….Cambio….in die Hosen steig ich einfach rein und sie passen…und und und…mein Sohn sagt dann schon immer ob ich nicht bei irgendeinem Einkaufssender anfangen wolle 😀

    Und wenn es um Farbe geht wäre es mir fast lieber das wieder alte Sitten herrschen….die Sitten wo Farbe noch natürlichen Ursprungs war….und Farbe für die sich nicht irgendwelche Kinder in Indien die Finger blutig arbeiten vor lauter Chemie, mal abgesehen von den giftigen Dämpfen.

    Aber: mir geht es um die Haptic, die gute Quali die jahrelang hält, die Alltagstauglichkeit….kurzum….das es das macht was es tun soll!

    Und da ist es mir wurscht was da drauf steht! Für solche Sachen zahlt man auch gerne etwas mehr…..wobei ich aktuell gerade Socken von dem Discounter mit den zwei K’s gekauft habe….weil es mich überzeugt?…Äh-ääääh….weil ich einfach nur sehr wenig Geld für so etwas übrig habe….und ich verschliesse dabei die Augen vor den Arbeitsbedingungen, die in den Ländern herrschen, in denen für diesen Laden produziert wird…ich geh mich mal ’ne Runde schämen mit Polyacryl Socken an den Füssen….POLYACRYL….ICH…..hätte mir das jemand vor ein paar Jahren gesagt….ich hätte mir an die Stirn getippt….pffffff……

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  7. Ich bin eher jemand, der misstrauisch wird, wenn jemand bei normalen Gelegenheiten zu sehr herausgeputzt ist oder besonderen Wert auf solche Statussymbole legt.

    Aber leider stehe ich da oft alleine da mit meiner Auffassung, auch wenn sich später herausstellt, dass die ganze Show nur Fassade war.

    Oder nach einem Sprichwort „Mehr Schein als Sein“ 🙂

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