Rent a boyfriend

Miete Dir einen Freund für einen Abend – oder für den Ausgang – oder fürs Weekend … je nach Geldbeutel und Bedarf. Geht nicht? Geht doch! In Japan ist das Gang und Gäbe, so habe ich das heute im Fernsehen gelernt. Ich dachte, mir wird übel. Da geht ein Mädel in eine Agentur, wo die Jungs in Reih und Glied bereitstehen … und … liest sich einen Mann aus. Und zwar aus einer Auswahl an Jünglingen, die alle gleich aussehen. Haarschnitt wie Bill Kaulitz von Tokio Hotel zu Anfangszeiten, Babyface und mädchenhafte Figuren. Schrecklich.

Wenn ein Mädchen von zu Hause aus einen Boyfriend aussuchen will, dann kann sie das auch per Katalog oder online machen. Die Jungs sind dort sogar mit ihren Qualitäten ausgewiesen. Ganz wichtig: Trinkfestigkeit. Hat ein Jüngling fünf Gläser neben seinem Profilbild, so bedeutet das, dass er sehr trinkfest ist. Je trinkfester, umso beliebter bei der Agentur, weil nämlich mit dem Alkohol auch noch verdient wird. Und pro Stunde kostet  ein Jüngling locker mal 200 Euro.

Eigentlich nichts anderes, als Prositiution auf Japanisch. Und wenn das Date mit der jungen Dame um 22 Uhr beendet ist, so fängt das nächste bereits um 22.15 Uhr an. Innerhalb der Agentur werden die Boys mit Ranglisten geführt. Wer am meisten Dates abholt und am meisten Alkohol konsumiert (und zum Konsum animieren kann), der wird an die Spitze katapultiert und verdient entsprechend mehr pro Stunde. Ich dachte ja erst, das Ganze wäre ein Witz. Ist es aber nicht!

Echt jetzt, Leute: Ich bin von vorgestern….zum Glück! Aber das kann es doch nun wirklich nicht sein, oder?

46 Gedanken zu „Rent a boyfriend

  1. So, gemacht. Ganz einfach war es nicht, in die tiefsten Tiefen habe ich es auch nicht geschafft (Japanisch müsste man können), glaube aber, einen Überblick gewonnen zu haben.

    Feststellung Eins: Der Einsatzbereich von Mietfreunden kann alles Mögliche sein. AUSSER sexuellen oder erotischen Dienstleistungen (von Prostitution ist es sehr scharf abgegrenzt). Vom persönlichen Kurzzeit-Assistenten, der Botengänge für einen erledigt oder bei behördlichem Papierkram hilft (oder den Kindern bei den Hausaufgaben; oder beim Möbelrücken), bis hin zu jemandem, der einem einfach mal eine Stunde lang zuhört (was ich schon mal für besser halte, als damit einen Barkeeper oder Taxifahrer zu belästigen, der eigentlich einen ganz anderen Job hat). Das Schlagwort „Alkohol“ zum Artikel scheint mir also erstmal ein wenig einseitig, aber das liegt wohl an der Fernsehsendung, die Du gesehen hast (Da würden mich jetzt Titel und Sender interessieren, damit ich mir das auch anschauen kann. Ich vermute mal, irgendjemand hat da auf Rabbatz-Sensation gesetze.)

    Feststellung zwei: Begleitung zu Anlässen, Feiern und Parties (also zu offiziellen bzw. formalen Gelegenheiten wie auch bei Freizeitunternehmungen) gehören auch zum Programm, ja. Der Hintergrund dazu ist, dass man bisweilen in Begleitung erscheinen MUSS, weil es sich so gehört, oder jemanden braucht, der eine bestimmte Rolle einnimmt (zB Trauzeuge), weil diese Rolle besetzt werden MUSS, weil es sich so gehört.
    Ob ein derart hohes Maß an Fremdbestimmung gesund ist, darüber kann man sich streiten, vorerst gehört es zum japanischen Alltag und wird erst in letzter Zeit zunehmend in Frage gestellt (was zu ganz eigenen Problemen und Reibereien führt).
    Unbestreitbar bin ich mir aber zweier Dinge gewiss: Einmal, dass es hier im „Westen“ in vielen Fällen die selben Erwartungen gibt – bloß, dass die eher unterschwellig existieren, weil wir ja alle so aufgeklärt und individuenfreundlich sind (sorry für den kurzen Sarkasmus , aber schonmal versucht, jenseits der 25 alleine auf einer Hochzeit aufzukreuzen?);
    und zweitens, dass einige (bis viele) hier sich vollkommen freiwillig dieser Außensteuerung unterwerfen, von denen einige (bis viele) widerum anfangen, alles um sich herum auf das übelste zu manipulieren, damit auch alles ja den von ihnen vermuteten in sie gesetzten Erwartungen entspricht.
    Im Vergleich dazu scheint mir die japanische Gesellschaft einerseits ehrlicher mit sich selbst und andererseits ein ehrliches Geschäft mit jemandem, dem damit nicht das ganze Leben ruiniert wird, durchaus als die gesündere Form des Umgangs mit dem Problem (wenn auch nicht als die Lösung, aber manchmal muss man sich mit der Behandlung von Symptomen zufrieden geben, bis man weiß, wie man der Ursachen Herr werden kann).

    Feststellung drei: Das Mietfreund-Geschäft ist kein großes Phänomen. Es gibt ca. 10 Agenturen und weniger als 10.000 Agenten im ganzen Land (im Großraum Tokio allein leben 40 Mio. Menschen). „Typisch japanisch“ ist es also höchstens, sofern der Service in Anspruch genommen wird, um das Gesicht zu wahren (s.o. Feststellung zwei), der Größenordnung nach jedoch keineswegs.

    Festellung vier: Das Erste, worauf ich bei der Suche nach Informationen gestoßen bin, war die US-amerikanische Plattform rentafriend (die die Idee aus Japan übernommen und bislang acht deutsche Teilnehmer hat).
    In diesem Zusammenhang frage ich als Kind der zweiten Forengeneration mich, was zum Kuckuck eigentlich los ist – früher gab es Usertreffen, bei denen man höchstens Eintritt für die Location bezahlt hat (falls das ganze nicht sowieso in einem Park o.ä. stattgefunden hat).

    Letzte Festellung: Wurzel der Angelegenheit ist wohl tatsächlich eine Art Transit-Status der japanichen Kultur zwischen dem eher Gruppenzentrierten ostasiatischen und dem eher individuenzentrierten westlichen Kulturkreis.
    Auch wenn das Land sich seit siebzig Jahren sehr stark in Richtung „Westlicher Kreis“ (von uns aus, von ihnen aus, liegt dort ja China) orientiert hat, sind die alten sozialen und kulturellen Formen und Werte sehr exakt erhalten geblieben. Man fügt sich ein, findet seinen Platz und erfüllt die Erwartungen, die die Gesellschaft an einen richtet.
    Dass Leute anfangen, sich stärker um sich selbst zu kümmern und sich für ihre Lebensentscheidungen nicht mehr nur noch an den Vorgaben ihrer Rolle zu orientieren, ist ein relativ neues Phänomen.
    Und da gehen die Probleme los. Hauptquelle für soziale und persönliche Kontakte (und statistisch gesehen damit auch der Ort, an dem man Freunde findet) sind Schule, Uni und Arbeitsplatz. (Genauer gesagt, die Clubaktivitäten in den ersten beiden (an meiner Schule waren das die AGs) und das Beisammensein mit den Kollegen nach Feierabend im letzten Falle). Wenn man da nicht mitmacht, weil man Anderes im persönlichen Vordergrund wichtiger findet, kann man sehr leicht ganz alleine bleiben.
    Die Soziologin Sohei Ide (Osaka) formuliert das so: “Fewer and fewer students participate in the activities organised by the clubs and societies. […] If they fail to make contacts during their early days on campus, they will remain permanently isolated.”
    (Immer weniger Studenten nehmen an den Clubaktivitäten teil … Wenn sie nicht schon früh im Studium Anchluss finden, bleiben sie dauerhaft isoliert.
    Quelle: Worldcrunch (siehe unten)).
    Von mir vermuteter Grund: Der Höflichkeits-Kodex. Der ist darauf ausgelegt, niemanden zu belästigen oder in Verlegenheit zu bringen und unter allen Umständen Respekt zu zeigen, indem man seine Rolle in der momentanen hierarchischen Konstellation durchhält. Mit diesen Vorgaben im Rücken jemanden kennen zu lernen, mit dem man nicht schon durch eine vorgegebene Situation zu tun hat, stelle ich mir extrem schwierig vor. Fremde bleiben Fremde. Einfach so in der S-Bahn oder im Café neue Freundschaften oder zumindest Bekanntschaften zu schließen, geht fast nur, indem man erstmal unhöflich ist.

    Sehr viel kürzer gefasst: Bei einem Menschen würde man von Pubertätserscheinungen reden.

    LG,
    sba

    Meine Quellen (unsortiert):
    http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/br/japan-singles-100.html

    http://www.worldcrunch.com/culture-society/rent-a-friend-a-solution-for-the-lonely-people-of-japan/japan-tokyo-loneliness-rental-friends-friends-agency-isolation-technology/c3s14696/

    http://www.eidam-und-partner.de/files/downloads/eidam_und_partner_kulturelle_werte_in_japan.pdf

    http://kotaku.com/5974063/when-you-can-rent-friends-you-are-never-forever-alone

    http://derstandard.at/1276413524005/Mietfreunde-aus-dem-Online-Katalog

    http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article8941345/Bei-RentAFriend-com-kann-man-sich-Freunde-mieten.html

    http://www.theguardian.com/world/2009/sep/20/japan-relatives-professional-stand-ins

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    • PS: Oh, Mist, etwas Wichtiges habe ich glatt vergessen: Alter und Geschlecht der Agenten sind nicht eingeschränkt (außer durch den Jugendschutz, selbstverständlich), was auch heißt, dass viele das als Nebenjob machen.
      Was heißt: Einige werden von dem Job als Einkommensquelle abhängig sein (Studenten zB), andere Sparen das Geld, um sich ein Haus zulegen zu können, wieder andere freuen sich, Leute kennen zu lernen oder ihren Mitmenschen behilflich zu sein.
      Was ich also letztenendes für wesentlich halte, ist die Frage nach den Arbeitsbedingungen.

      PPS: Aus irgendeinem Grund spukt mir jetzt die ganze Zeit das Wort „Disneyland“ durch den Kopf.
      Dis verkaufen ebenfalls Realitätsflucht, hm?

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    • Wow, ich bin platt. Der ausführlichste Kommentar ever – also eigentlich ein eigener Beitrag. Es war in der Sendung „taff“ auf Pro 7 und es ging eindeutig um Jünglinge, welche die Girls in den Ausgang (Club oder Party) ausführen und trinken, bis sich die Balken biegen. Nix von Kultur oder so, gar nix!

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      • Okay…erstmal danke für das Lob, aber ich fürchte, ich hab das eigentliche Thema verfehlt.
        Habe den Beitrag, den Du gesehen hast, zwar nicht gefunden (und eine ganze Taff-Sendung werd ich mir nicht antun), aber einen ähnlich thematisierten von VPRO Metropolis auf Youtube ( https://www.youtube.com/watch?v=cllO4KcdwLc ), bei dem es um Hostclubs geht. Gleiches Grundproblem (Individualisten sind viel zu leicht vollkommen isoliert…UND das ganze Konzept von Individualismus ist noch nichtmal ganz halb verstanden), ganz anderer Ansatz (Begleitetes Besäufnis mit Kneipen-„Freunden“.)
        Der Beitrag ist etwas älter, aber die Bilder entsprechen in etwa dem, was Du beschrieben hast, dass sich das Ganze etwas weiter entwickelt hat, davon lässt sich ausgehen, der Urpsung ist wohl eher halbseiden.
        Tja, was soll ich sagen…die Klientinnen schaden sich damit selbst, sich beruflich regelmäßig zu betrinken, kann gar nicht gesund sein und wenn einer der „Boys“ selbst sagt, dass er in einem Dilemma steckt („Ich fühle mich schuldig, dass ich Leute betrunken mache, aber wenn sie nicht betrunken werden, habe ich nicht gut gearbeitet“), sagt das eigentlich Alles.

        Aufregen werd ich mich darüber trotzdem nicht, solange wir in Europa noch unerledigte kulturelle wie politische Hausaufgaben haben.
        Aber Deine Reaktion kann ich jetzt um einiges besser verstehen.

        LG

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  2. Hm..ich kenne zwar die Hintergründe und Umstände dazu nicht (außer, dass sie in Japan wirklich gerne feiern bis nicht mal mehr abwinken geht), stelle mir bloß gerade die Frage, was wohl besser ist: Ein Arangement, das man im geschäftsfähigen Zustand zu bekannten Bedingungen eingeht, das zum beiderseitigen Vorteil dient und auf einem durchsichtigen Geschäftsmodell basiert – oder der euro-amerikanische Brauch, dass die Leute auf den Parties erst kilometerweit hinter der Grenze der Zurechnungsfähigkeit aufeinander los… naja, ne?
    (Und noch ein wenig weiter gedacht, könnte so ein Mietfreund auch eine probate Maßnahme gegen das Angemacht- oder Abgeschleppt-werden darstellen, hm?)
    Werd ich mich bei Gelegenheit mal weiter mit befassen.

    LG
    S

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  3. niemand muss zu so einer Agentur, aber wer es möchte – warum nicht? In Europa und USA müssen die Leute immer gleich moralische Werturteile fällen wenn ihnen an anderen Kulturen etwas komisch vorkommt. Wahrscheinlich würde man hier sofort von irgendwelchen rechten Deppen Verbotsdebatten beginnen, wenn es so etwas geben würde. Ehrlich: Ich finde es gut dass es solche Agenturen gibt. Da verdienen die jungen boys wenigstens was. Ich habe sowas schon umsonst gemacht…https://sunflower22a.wordpress.com/2015/04/15/sozialdemokraten-teil-2/

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  4. Andere Länder, andere Sitten. Und ich seh das genauso, wie du. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das beurteilen sollten. Denn es könnte sein, das wir zuwenig wissen von Japan, als dass wir das tun sollten. Auch solche Dinge wie Samurei oder Geisha kommen von dort, und haben eine uralte Tradition (die ich auch nicht beurteilen kann).
    Ich hab, was nur bedingt vergleichbar ist, kürzlich einen Bericht gesehen, dass es in Tokio sehr viele Wohnungen gibt, ohne jegliches Bad/Dusche. Viele Japaner gehen mehrmals die Woche in besagte Bäder, die es dort ganz normal überall gibt.

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    • Auf der anderen Seite besteht offenbar auch reichlich Bedarf nach gekaufter Liebe…
      Rechtfertigt das Auswüchse wie Zwangsprostitution, um diese Nachfrage zu befriedigen (im wahrsten Sinne)?

      Das Problem ist doch, dass viele Geschäftsideen oftmals einen ganz harmlosen Grund haben können (zum Beispiel eine nette Begleitung für den Abend), und dass es dabei jedoch immer auch wieder Individuen gibt, die solche Situationen zur eigenen Bereicherung ausnutzen wollen.
      Ich möchte nicht wissen, zu welchen Konditionen diese Agenturen agieren und welche Mittel ihnen zur Verfügung stehen, um privat und ohne Profitgier organisierte Konkurrenten zu liquidieren/vom Markt zu drängen.
      Da geht es um sehr viel Geld, und da lässt sich niemand gern ins Sushi spucken.

      Für uns mag das vielmals harmlos wirken, aber die Machenschaften, die dahinter stecken, kann man bei solchen Angeboten nur erahnen.

      Es ist immer wieder tragisch, wie menschliche Bedürfnisse ausgeschlachtet werden.
      Nicht nur mit der Kundschaft wird gespielt, sondern auch mit der angebotenen „Ware“.

      Das ist nur meine bescheidene Meinung zu diesem Thema.

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      • Das ist in vielen Bereichen so, ja…..da wo Licht ist entstehen auch ganz schnell die Schattenbereiche….Money makes the world go around….da gibt es viele die sich bewusst ausklinken und unlautere Machenschaften nicht unterstützen….und dann hat es eben auch diejenigen die drauf einsteigen….

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  5. Kann ich mal die Telefonnummer von der Agentur haben? 😉 Nee, war ein Scherz, ich kann die Mädels nur bedauern,dass sie so etwas nötig haben. Und die Jungs tun mir auch echt leid, dass sie sich als Ware behandeln lassen müssen.

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  6. Das ist so aehnlich auch in China zu finden. Hier gibt es seit ein paar Jahren besonders vor dem chinesischen Neujahrsfest grosse Angebote auf den verschiedenen online Seiten zu finden wo sich die verzweifelte Single Dame einen Freund mieten kann.
    Dazu muss man wissen das an Chinese New Year traditionell ganz China nach Hause faehrt und sich dort dann zwei Wochen lang die ganze Familie trifft. Das sind dann auch Zeiten in denen das vorstellen des zukuenftigen Schwiegersohns erwartet wird. Ein Maedchen das mit 25 Jahren noch nicht verheiratet ist gilt in China als „leftover woman“ und wird nur noch sehr schwer jemanden finden. Damit sind die Damen unter sehr grossem familiaeren Druck was dann eben findige Chinesen auf diese Geschaeftsidee gebracht hat.
    Gut muss man das nicht finden.

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