Leistung bis der Arzt kommt

Ich gehörte als Kind der 60-er Jahre zu jenen, die noch in den Kindergarten gehen durften, um zu spielen, zu toben, das Streiten zu lernen und das Versöhnen zu zelebrieren. Und meine Kinder hatten auch das Glück, dass der Kindergarten noch Spass machen durfte. Zwar waren bei ihnen die Auflagen schon strenger und es wurde bereits mehr erwartet, aber sie durften noch Kind sein.

Heute höre und erlebe ich immer wieder, was kleine Knirpse „leisten“ müssen, um den Sprung von der Vorschule (nennt sich nicht mehr Kindergarten) in die Schule zu schaffen. Sie müssen ihren Namen nämlich schon gut leserlich schreiben können – und die Zahlen von 1 bis 10 müssen sitzen. Um dies sicherzustellen, werden die Knirpse getestet, sodass die Vorschullehrerinnen (nicht mehr Kindergärtnerinnen) beurteilen können, welches Kind reif für die Schule ist. Früher war das mit gesundem Menschenverstand und Empathie möglich, heute muss eine Prüfung her.

Und wie es in der Schweiz so schön üblich ist, herrschen in jedem Kanton andere Auflagen. In manchen Kantonen kann man ein Kind, das noch nicht unbedingt reif für die Schule ist, nochmal in den Kindergarten schicken. In anderen Kantonen ist dies nicht möglich und das Kind muss entweder in eine Sonderklasse und per Stütz- und Förderunterricht mühsam durch die Schulzeit geschleppt werden.

Bestimmt geht jetzt ein Raunen durch die Reihen der Lehrer/innen. Aber was bitte ist das Ziel dieses Bildungssystems? Müssen die Kids am besten mit 14 reif für die Uni sein? Geht es echt nur noch darum, gute Noten zu schreiben und alle Kinder in die gleiche Schublade zu stecken. Wo bleibt das Individuum und die Chance der normalen Entwicklung?

Ich finde dieses Bildungssystem einfach nur bescheuert und glaube nicht, dass wir damit bessere Menschen aus den Kindern  machen. Eher werden wir die Burnout-Patienten schon in den Schulstuben finden, weil der Druck schon da so gross ist, dass die „Normalen“ kläglich scheitern werden. Nur jene, welche über dem Durchschnitt sind, werden die Hürden noch springen können. Alle anderen dürfen selber schauen, wo sie bleiben. Das kann es doch nun wirklich nicht sein, oder?

 

47 Gedanken zu „Leistung bis der Arzt kommt

  1. … es ist wirklich schlimm… vor allem ist es auch im Kanton selbst von Ort zu Ort verschieden…
    wir haben Glück – unser Sohn geht zu einer Kindergärtnerin der „alten Schule“ sie dürfen noch Kind sein :)…
    er kommt von sich aus – er möchte Zahlen und Buchstaben lernen – er ist auch einer der Ältesten in der Klasse – das spielt sicherlich auch eine grosse Rolle. Er wollte vor einigen Tagen meine Natel.-Nr. wissen also habe ich sie ihm vorgesagt. Erst bei der vierten Zahl bemerkte ich, dass er die Zahlen notierte – ich war stolz und verblüfft – da ihm das niemand gezeigt hat – sie lernen es von alleine…sobald es Zeit dafür ist ;)… er war auch der Einzige, welcher am ersten Kindergartentag seinen Namen nicht schreiben konnte, er hatte niemals Interesse daran gezeigt, ich war gefrustet… Ende der ersten Woche wollte er es unbedingt lernen – ein Tag mit dem Grosi üben – et voilà er konnte es und das von sich aus…ich bin gespannt was alles ab dem Sommer auf uns zu kommt – da kommt er nämlich in die 1. Klasse – auch da kommt es „scheinbar“ ganz auf die Lehrperson an…. wir werden sehen.
    PS: Für unseren jüngeren Bueb – haben wir den Antrag gestellt, dass er noch ein Jahr @home bleiben kann – er wird erst im Juli 4 Jahre alt – das wäre def. noch zu früh – wir hoffen, dass unser Gesuch bewilligt wird.

    Gefällt 1 Person

  2. Schwierig – klar, einerseits ist Leistungsdruck schlecht, vor allem, wenn dann zusätzlich außerhalb des Kindergartens mit Zeitstress am Kind rumoptimiert wird – andererseits weiß ich noch genau, wie ich mich gelangweilt habe. Irgendwie gilt es, für jedes Kind die optimale Mischung und die optimale Geschwindigkeit zu finden, und das ist gar nicht einfach und muss eigentlich fast scheitern. Und dass mensch mit so was prima den Kids ihre Neugier austreiben kann, versteht sich von selbst.

    Gefällt 2 Personen

  3. Hm, also kann ja sein, dass es in der Schweiz strenger ist als bei uns in Deutschland. Hier heißen wir übrigens Erzieherinnen und unser Job ist täglicher Spagat zwischen den verschiedensten Erwartungen.

    Im Kindergarten sollen Kinder zwar Kinder sein, aber gleichzeitig sollen sie auch nicht hinterherhinken – wünschen sich die Eltern. Das Kultusministerium legt unseren Fokus auf die frühkindliche Bildung (Bildung, Erziehung und Betreuung) und schreibt 9 Bildungsbereiche vor, die wir den Kindern täglich zugänglich machen sollen – neben allem anderen, was wir zu leisten haben. Gleichzeitig gilt für die „Orientierungspläne“ das Subsidiaritätsprinzip, sodass jedes Bundesland eigene Schwerpunkte setzen kann, und jede Kita schreibt auch ihre eigene Konzeption mit eigenem Schwerpunkt – wechselt man also das Bundesland und/oder die Kita, kann man sich selbst gleich neu orientieren. Lehrer und Lehrerinnen wünschen sich, dass wir die Kinder gut vorbereitet losschicken, genauso wie die Eltern sich das auch wünschen. Wir haben Kinder in verschiedenen Altersstufen in unseren Gruppen, mit und ohne besonderen Betreuungs- und Förderungsbedarf und sollen allem und allen gerecht werden … Es ist ein Kreuz, das ich trotzdem liebe. Ich gebe mir täglich Mühe, „meine“ Kinder darin zu unterstützen, selbstbewusst, fähig, neugierig und empathisch an die Welt heranzutreten.

    Und meinen Jugendlichen in der Kinder-und Jugendhilfeeinrichtung, in der ich neben der Ausbildung noch arbeite, versuche ich klarzumachen, dass die Noten, die sie in der Schule bekommen, nicht ihren Wert als Menschen beschreiben, sondern dass sie bloß die Schlüssel zu den Türen sind, die die Jugendlichen gerne durchlaufen möchten. Es ist ein wirklich schwieriger Job.

    Gefällt 4 Personen

  4. Da bin ich ganz deiner Meinung!
    Kind darf nicht mehr Kind sein. Voller Leistungsdruck schon vor der Vorschule teilweise durch die Eltern. Damit saß Kind fit für die Vorschule ist. Die Eltern sollten sich zusammen tun, um die Kinder nicht zu verheizen!
    Schulpsychologen braucht es immer mehr! Eigentor ohne Weitsicht für die Zukunft.

    Gefällt 2 Personen

  5. ich sehe das anders. Es liegt an der Art, wie es vermittelt wird. Wenn alles spielerisch ist und den Kindern Spass macht, ist es ok. Die meisten Kinder sind unterfordert. Es ist eine feine Linie zwischen Kinder wie im Zirkus zu dressieren und sie zu fördern. Ich glaube eh, dass das meiste Lernen ausserhalb der Schule passiert, nur ist das den meisten Eltern nicht klar !

    Gefällt 3 Personen

    • Das haben ja Waldorf’s und Montessori’s wunderbar drauf….da darf Kind noch so lange wie möglich Kind sein….

      Das Problem sind dann tatsächlich die Eltern, denn die sind lange unter Druck gesetzt mit dem „Bildungssystem“…noch bevor Kinder ein Bewusstsein dafür entwickeln und es durchblicken können….

      Gefällt 2 Personen

    • Kinder gestalten ihre Bildungs-und Lernprozesse selbst, das finde ich auch – Fthenakis nennt dies „Konstruktion eigener Lernprozesse“. Kinder suchen sich aus, was sie interessiert und forschen und testen selbst aus! Was aussieht wie spielen, ist für die Kinder Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Welt – auf spielerische Art und Weise! Erzieher/innen können diesen kindlichen Forschungsdrang unterstützen, indem sie Fragen stellen, sich auf die kindliche Ebene begeben und gemeinsam mit dem Kind die Welt entdecken. Fthenakis spricht hier von „Ko-Konstruktion“. Kinder, die viel Zeit haben, sich mit den für sie interessanten Begebenheiten der Umwelt auseinanderzusetzen, lernen, wie sie etwas herausfinden – die beste Vorbereitung auf die Schule!

      Gefällt 3 Personen

      • Ich stimme Dir in allem zu……und da sollte die Schule dann weiter ansetzen…..nur Wissensvermittlung funktioniert einfach nicht mehr! Auch Kinder sind anspruchsvoller geworden!

        Gefällt 1 Person

      • Die Kinder müssen auf den Punkt zu bestimmten Daten (Abklärungsdaten) Bögen ausfüllen, welche als Einschätzung für die Kindergärtnerin (Vorschullehrerin) gelten. Dann werden die Eltern zum Gespräch geladen und erfahren, wo das Kind stark oder eben schwach ist und ob es „reif“ für die Schule ist. Ich unterrichte aktuell zwei Vorschulkinder, welche von der Kindergärtnerin als „nicht reif“ eingestuft wurden. Ich habe dazu das Material erhalten, welches mir vorgibt, was die Kids bis Mai zu können haben, damit sie regulär eingeschult werden. Sorry, aber da bleibt mir die Spucke weg!

        Gefällt 1 Person

      • Buchstaben (zum Schreiben der Namen) und die Zahlen von 1 – 10, zudem mache ich mit ihnen Konzentrations- und Sachspiele, um sie zur Ruhe kommen zu lassen und ihnen beim Lernen den Stress zu nehmen. Es sind Zwillinge … frühgeboren … sie müssten eigentlich weiss der Geier was aufhohlen, um den Sprung zu schaffen…

        Gefällt 1 Person

      • Die Armen, ich als Eltern würde sie ein Jahr zurückhalten…..wenn man so früh schon so viel nachholen muss, ist es doch ein blöder Anfang.

        Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Leistung bis der Arzt kommt – Es Marinsche Kocht

  7. Na das sind ja tolle Aussichten….die Gesellschaft überaltert im Sauseschritt….die Alterspyramide ist rapide am kippen….es wird demnächst seeehr viele Alte geben….und viiiiiiiel zu wenig Pflegende, Menschen im produzierenden Gewerbe, Dienstleistungsgewerbe,….und das sind dann auch noch mit „Gewalt“ durch’s „Bildungssystem“ geschleuste Menschen, die soziales Verhalten, Empathie etc. gar nicht lernen durften….denn ( die ebenfalls durch das „Bildungssystem“ gestressten ) Eltern plagen sich mit ADHS Kindern herum, dessen Ursprünge eigentlich in den Eltern liegen….happy getting old and older!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s