Es gibt Journalisten und Journalisten

Wie gut, dass es in jeder Berufsgattung viele unterschiedliche Gesellen gibt – und wie gut, dass es in jeder Berufsgattung zum Glück mehrheitlich anständige Fachleute gibt. Da ich selber lange als „Schreiberling“ und Radioredaktorin tätig war, weiss ich in etwa, wie das Handwerk funktioniert. Und ich habe gelernt, dass Anstand und Fairness in diesem Beruf an erster Stelle stehen. Diese Eigenschaften sollten eigentlich auch über dem Rennen um den Primeur (Primeur = erste Zeitung, welche eine Meldung veröffentlicht) stehen. Es sei denn, man arbeitet für eines der reisserischen Boulevardblätter. Dort steht der Primeur an oberster Stelle und dafür geht man über Leichen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich dachte ja bislang auch, dass man über jemanden oder etwas nur schreibt, wenn man vorher abgeklärt und seriös nachgefragt hat. Seit heute weiss ich aber, dass nicht alle „Schreiberlinge“ das so sehen. Nun ja, dass in einem kleinen Städtchen wie Solothurn eine Geschäftsschliessung offenbar mehr als zwei Zeilen wert ist, das war mir schon klar. Und weil ich ja bekanntlich meine Geschäfte im Sommer schliesse, war mir auch bewusst, dass die hiesige Tageszeitung irgendwann anklopfen und nachfragen würde. Da habe ich aber die Rechnung ohne den Oberschreiberling der Stadt gemacht. Der muss nämlich weder Informationen einholen, noch seriös recherchieren – der kann eigentlich einfach das Kundenmailing (welches ich auch auf Facebook veröffentlicht habe) nehmen, ein paar Sätze rausfiltern, ein paar alte Fotos aus dem Archiv kramen und die Betroffenen dann beim Frühstück mit einem Artikel überraschen, den man eigentlich so gar nicht erwartet hat. Schliesslich hat ja auch niemand nachgefragt. Ich habe also nicht schlecht gestaunt, als ich heute die Zeitung aufschlug und über meine Geschäftsschliessung in der Zeitung einen erstaunlich umfangreichen und bebilderten Artikel sah.

Noch erstaunter war ich, dass ich gewisse Informationen zum Nachfolgemieter meiner Geschäftsräumlichkeiten und zu dessen Plänen auch noch gleich aus besagtem Artikel bekam. Informationen, welche mir dieser persönlich doch etwas anders mitgeteilt hatte. Das machte mich nun doch etwas stinkig. Inzwischen habe ich von ihm aber erfahren, dass der Oberschreiberling der Stadt bei ihm kurz angerufen habe, um ihm telefonisch einige Fragen um die Ohren zu hauen, welche er gar nicht recht kommentieren konnte, da er Kundschaft im Laden hatte und deshalb in Zeitnot war.

Okay: Wir rekapitulieren – eine Seite wurde GAR NICHT befragt, die andere IM SCHNELLDURCHLAUF … und daraus entsteht dann ein Artikel, der einen beim Frühstück überrascht. Das nenne ich mal Journalismus der ganz besonderen Art. Aber eigentlich hätte ich es wissen müssen. Der Oberschreiberling unserer Stadt hat sich mit solchen Aktionen nämlich schon seit Jahren einen überaus fragwürdigen Namen gemacht. Wie gut, dass Papier geduldig ist, sonst würden dem Guten bestimmt schon lange ein paar Schneidezähne fehlen!

19 Gedanken zu „Es gibt Journalisten und Journalisten

    • Da bin ich entspannt. Boulevard und kleine Regionalzeitungen arbeiten oft ohne Recherche. Erstere aus Prinzip, die anderen oft aus Geldmangel. Politik wird noch „ordentlich“ recherchiert, wir leben in einem Rechtsstaat und Falschaussagen können rechtlich belangt werden. Es steht auch der journalistische Ethos auf dem Spiel. Den gibt es tatsächlich noch. Wenn ich unsauber arbeite, fliege ich raus und blamiere mich zum Stenzchen. Die größere Gefahr sehe ich darin, dass auch in den großen Blättern gelegentlich tendenziös berichtet wird, ohne das kenntlich zu machen. Journalismus darf immer polemisch sein, muss aber genau das auch zeigen. Z.B. dass man jetzt seine eigene Meinung kund tut oder so. Das ist alles in Ordnung. Schließlich muss niemand sein politisches Wissen aus der Bild-Zeitung beziehen(s.o.).

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      • Und genau diese tendenziöse Berichterstattung wird mittlerweile in Satzungen fest gehalten. Und wenn man sich ansieht in welchen think tanks manche Leute stecken, wird einem himmelangst. Noch dazu kommt dass viele Blätter mittlerweile unheimlich an Auflage verlieren weil die Leser das nun endlich langsam merken. Dadurch werden jedoch auch immer mehr Journalisten entlassen, sodass gar nicht mehr die Zeit für eingehende Recherche bleibt. Dann bekommt man die Infos über Nachrichtenagenturen. Und was die sich ausdenken ist dann schon wieder die nächste Frage. Propaganda hat es immer gegeben und wird es immer geben. Siehe „Putin greift an“…

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      • Genau, die kennen genau ihre Macht weil beispielsweise keiner nach Syrien fliegt und sich anschaut wer da eigentlich was zerbombt. Daher: immer kritisch bleiben und bitte bitte auch alternative, crowdfinanzierte Medien checken! Ob da alles stimmt weiß auch keiner aber immerhin sind diese zusammenhängender und man bekommt eine zweite Meinung zu hören.

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      • Meinst du jetzt Beispiele für alternative Medien?
        Ich schau mir sehr oft Kenfm an. Empfehlen kann ich auch free21, die nachdenkseiten oder russia today. und für kritische Interviews nicht nur die Politik betreffend kann ich nur querdenken.tv auf youtube empfehlen

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  1. Naja, Journalist/innen bestimmter Blätter arbeiten nur ohne Recherche. Das dürftest Du eigentlich wissen, gerade weil Du vom Fach bist. Es ist leider auch immer öfter so, dass man fürs Verfassen eines Artikels kaum noch Geld bekommt. Das ist natürlich nie eine Entschuldigung, v.a. wenn man dann unsauber schreibt. Kommt aber hier und da noch dazu. Und wenn Du Dich öffentlich, d.h. in einem Blog, „nackig machst“, kann schon mal eine Quittung kommen. Ist ja nicht so, dass Leute, die einen nicht mögen, nicht im Internet unterwegs sind. Und was sagt uns das? Es steht viel in den Zeitungen, so viel, und noch viel mehr und morgen ist alles schon wieder verpufft. Ist es nicht am Ende wahnsinnig egal?

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