Ich backe eine Katze

Seit einer Weile arbeite ich in einem hiesigen Tierheim. Eine unglaublich spannende, wertvolle, lehrreiche, lustige und manchmal traurige Aufgabe. Der Alltag ist gespickt mit Überraschungen und es gleicht kein Tag dem anderen. Das liegt vermutlich daran, dass Tiere nicht kalkulierbar sind und dass man nie weiss, was den Menschen wieder alles einfällt. Die traurigen Beispiele lasse ich jetzt einmal aussen vor – denn alleine diese würden leider ein ganzes Buch füllen. Deshalb hier ein Beispiel, wie es durchaus auch schon mal passiert ist:

Ältere Dame spaziert ins Tierheim: „Guten Tag. Ich möchte gerne ein bisschen Katzen anschauen kommen.“

Ich: „Also, heisst das, dass sie eine Katze für sich suchen?“

Sie: „Nun ja, das weiss ich noch nicht. Ich will eben zuerst schauen.“

Ich: „Wir haben nicht Katzen auf Vorrat, wenn Sie das meinen. Wir zeigen Katzen, die zu vermitteln sind gerne, wenn jemand gezielt sucht. Ansonsten wäre der Stress für die Tiere zu gross, wenn ständig fremde Menschen durch die Gehege gehen würden.“

Sie: „Aha, verstehe. Also sie sollte einfach lieb sein. Und anhänglich. Und verschmust. Und nicht zu alt – aber auch kein Baby. Verstehen sie?“

Ich: „Wenn Sie mir alle Koordinaten ihrer Wunschkatze angeben könnten, dann kann ich Ihnen sagen, ob wir aktuell so eine Katze hier haben. Falls dem nicht so ist, können wir uns aber melden, sobald ein passendes Tier bei uns abgegeben wird.“

Sie: „Also: Sie sollte zwischen 5 und 10 Jahre alt sein. Sie sollte keine langen Haare haben. Lieb, anhänglich, verschmust und nicht scheu wäre auch schön. Zudem sollte sie eine Wohnungskatze sein, nur Trockenfutter fressen – ich mag den Gestank des Nassfutters nicht – und sie sollte auch stubenrein sein. Deshalb will ich ja auch keine Babykatze.“

Ich: „Hatten Sie denn schon einmal eine Katze?“

Sie: „Nein, ich hatte noch nie ein Tier. Aber seit mein Kurt tot ist, bin ich halt immer alleine. Meine Nachbarin meinte, eine Katze wäre eine gute Idee.“

Ich: „Ich weiss, dass wir derzeit kein Tier im Haus haben, das ihren Wünschen entspricht. Sollte sich aber etwas ergeben, werden wir uns gerne bei Ihnen melden. Würden Sie mir hier Ihre Daten aufschreiben?“ Dabei schob ich ihr einen Zettel hin, auf welchem wir immer die Daten von Kundinnen und Kunden sammeln, welche auf der Suche nach einem tierischen Freund sind.

Sie: „Denken Sie, dass es lange dauern wird, bis eine passende Katze kommt?“

Und das ist der Punkt, an welchem ich mich jeweils frage, ob der Mensch denkt, dass man eine Findelkatze backen kann. Wenn man das könnte, nun ja – dann wäre es einfach, eine Zeitprognose zu machen. Da nunmal Katzen aber nicht nach Plan weggegeben werden und weil Wildkatzen ihre Jungen nicht mit der Agenda auf die Strasse legen, können wir schlecht voraussagen, wann und wieviele Katzen zu uns kommen werden. Es ist deshalb NICHT möglich, auf diese Frage eine seriöse Antwort zu geben. Sollte aber Betty Bossy demnächst ein Backbuch auf den Markt bringen, welches heisst: „Wie backe ich mir meine Katze“, dann wird es um einiges einfacher.

33 Gedanken zu „Ich backe eine Katze

  1. Ui, da bekomme ich schon ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich das nur lese…. Die Katze darf keine langen Haare haben (ich hoffe die Dame weiss, dass auch kurze Katzenhaare an den Kleidern, Vorhängen, Polster etc. hängen bleiben!!!) das Essen darf nicht riechen, sie sollte wahrscheinlich immer parat sein, wenn Frauchen mit ihr kuscheln will, sie darf ja kein Dreck machen etc. Ist der Frau bewusst, dass ihr lebendige Katzen (die auch einen eigenen Willen und BEDÜRFNISSE haben) vermittelt und keine Stofftiere??? 😔

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    • Das ist des Öfteren den Leuten nicht bewusst, wenn ich ihnen zuhöre. Oder wenn jemand für eine Katze, die wir aufgezogen und tierärztlich versorgt (Entwurmen, zweimal impfen etc.) haben, nicht 200.– bezahlen will, weil das zu teuer sei – kann er/sie dann die Katze überhaupt durchs Leben finanzieren? Viele meinen, mit der Anschaffung alleine sei es getan. Ist es aber eben nicht!

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