T o t

Ich wohne mit meiner Familie in einem Dorf am Rande einer kleinen Stadt. Diese Stadt hat rund 17’000 Einwohner, wovon vermutlich 15’000 spurlos verschwunden sind. Anders kann ich mir die Einöde in dieser Kleinstadt nicht erklären.

Früher, als ich noch dort zur Schule ging, hatte es Geschäfte aller Art. Vom Spielwarengeschäft über den Eisenwarenhandel bis zum Textilgeschäft, den Schuhläden, dem Buchladen, den Metzgereien, den Bäckereien, der Käserei, den vielen Kaffees und was man sich sonst noch alles so vorstellen kann. Und es war irgendwie immer Leben in der Stadt. Das ist inzwischen gut 30 Jahre her.

Was ist seither passiert? Wenn ich jetzt in diese Kleinstadt gehe, finde ich jederzeit mühelos einen Parkplatz, weil es so gut wie keine Autos hat. Und auf dem Weg durch die Stadt bin ich mir nicht sicher, ob der Krieg ausgebrochen ist und man vergessen hat, mir dies mitzuteilen. Die Strassen sind leer – die Begegnungszone im Zentrum gleicht eher einem Trauerspiel und die meisten der Geschäfte sind verschwunden. Manche Ladenlokale haben seit Monaten ein „zu vermieten“-Schild im Schaufenster und es ist trostlos, wenn man sich einmal um sich selber dreht. Das Leben der Stadt ist verschwunden. Es fühlt sich so ein bisschen an, wie eine Leiche. Die Hülle ist noch da, aber der Puls fehlt. Kein Herzschlag mehr!

Wo zum Geier sind nur die Leute hin? Was ist passiert, dass sich eine Stadt auf einmal zu einem leeren Irgendwas verwandelt. Man wohnt zwar dort – schläft zwar dort – geht aber nicht aus und kauft auch nicht mehr dort ein.

Also: Wenn nirgends ein menschenfressendes Ungeheuer die Einwohner klammheimlich wegfrisst, dann frage ich mich ehrlich, wo die sich alle verstecken. Erschreckend, wenn man bei jedem erneuten Besuch ein Geschäft weniger und noch mehr leere Parkplätze sieht. Ich frage mich, wielange dieses Lädelisterben noch anhält. Ich meine: Tot ist nunmal tot – oder gibt es neuerdings eine Steigerungsform? Tot – töter – am totesten??? In etwa so kommt es mir vor…

13 Gedanken zu „T o t

  1. Genau so ist es. Wenn ich von der Arbeit aus Solothurn zurückkomme, hab ich das Gefühl, ich würde auf einem riesigen Friedhof landen…. Aber wehe, man äussert sich über mehr Leben in der ebenso kleinen Stadt Solothurn…..das finden dann die „Einheimischen“ gar nicht witzig und sie finden alle möglichen Gründe, weshalb genau die „11i-Stadt“ am Schlamassel schuld sei. Ja, es scheint generell so zu sein, dass man immer das Gegenüber kritisiert, anstatt selber etwas zu ändern……

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  2. Die Tenzdenz ist überall die gleiche. Wohl deswegen, weil die Menschen woanders arbeiten, also tagsüber weg sind. Und wenn sie zurück kommen, dann haben sie genug zu tun mit all den Sachen zuhause. Früher bestand die Family aus vielen Mitgliedern, und die Meisten waren zuhause. Heute arbeitet der Mann oder auch die Frau woanders, die Kinder sind in der Schule, die Frau wirft zuhause den Haushalt. Die Einkäufe finden auf der grünen Wiese statt oder im Netz, und der Geiz ist geil. Was bleibt da für die Kleinstadt.
    Manchmal findet aber auch eine kleine Umkehr statt. Hier z.B. macht die Stadtverwaltung so Einiges. So hat innerhalb ein zwei Jahren ein Eiscafe aufgemacht, noch ein Cafe, und noch eins. zahlreiche Einkaufsstätten wurden angezogen, mit angeschlossenen Bäckereien und Sitzgelegenheiten. Einzelhandel ist reichlich da, vom Metzger über Boutiquen, Friseur, Banken und Gewerbegebiet. Die Stadtverwaltung ist sehr rege, um der Bevölkerung Anreize zu bieten. Es hängt wohl sehr viel damit zusammen, wie rege diese Entwicklung betrieben wird, das was abwandert, anderweitig aufzufangen

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