Wo bleibt der Anstand?

Ich weiss noch, wie es früher war, wenn man auf Jobsuche ging. Im optimalsten aller Fälle machte man einen Anruf und hatte ein Vorstellungsgespräch, ohne jemals eine Bewerbung geschrieben zu haben. Im zweitoptimalsten Fall schickte man eine Bewerbung und bekam kurze Zeit später Post. Ein grosser Umschlag im Briefkasten bedeutete eine Absage, weil man das Bewerbungsdossier zurückgeschickt bekam. Ein kleiner bedeutete, dass man sich ein paar Tage gedulden solle, um dann hoffentlich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch zu bekommen. Tatsache ist aber: Man hat eigentlich immer eine Antwort bekommen.

Heute scheint das nicht mehr üblich zu sein, um nicht zu sagen: Der Anstand ist flöten gegangen. Man verschickt 10 Bewerbungsdossiers und bekommt im optimalsten aller Fälle vielleicht 2 Rückmeldungen. Von den anderen 8 hört man schlicht und ergreifend NICHTS. Ganz zu schweigen vom Rücksenden des Dossiers. Das ist schon lange nicht mehr üblich. Die Unterlagen verschwinden irgendwo im Müll.

Bei den Onlinebewerbungen, welche inzwischen zum Standardprogramm gehören, müsste man ja denken, dass es einfacher ist. Es sollte ja wirklich kein Problem sein, ein Antwortmail zu machen. Selbst wenn dieses nur aus zwei Sätzen besteht, so hätte der Bewerber doch mindestens eine Antwort. Aber nein – das Mail-Postfach bleibt leer. Bei manchen Stellenangeboten ist es sogar so, dass nirgends eine Telefonnummer zu finden ist. Man könnte also auch nicht einfach mal nachfragen, wie man das früher gemacht hat. Man muss erneut eine E-Mail senden, welche dann wieder nicht beantwortet wird.

Wo bleibt der Anstand? Jedes Kind lernt, dass man auf eine Frage eine Antwort gibt. Eine Bewerbung ist eine Anfrage für einen Job. Keine Antwort ist deshalb definitiv keine Option!

20 Gedanken zu „Wo bleibt der Anstand?

  1. Eine schöne Art ist das nicht!
    Wenn es nur ums Geld ginge (für Papier, Briefmarke und etwas Speichel zum Befestigen), dann würde es alternativ auch eine kurze email tun.
    Die wiederum kostet aber auch….nämlich Zeit (5 Minuten) und die entsprechende Entlohnung des Antwortenden.
    ABER keiner hat dieses Geld, diese Zeit und das Personal für so etwas Banales wie den Austausch von Höflichkeiten.
    Vertrackte Sache würde ich sagen… 😉

    Viel negative Erfahrung kann ich (glücklicherweise) nicht beisteuern, da ich letztendlich doch relativ zügig meinen Weg finden und gehen konnte. (Die kurze Schwebephase zwischen Studium und „Anschlussbehandlung“ würde ich im Nachhinein eher als kreative Schaffenspause denn als nerviges Übel betrachten. Es war gut so, wie es war.)
    Ich wünsche ein ähnliches Schicksal für die ominöse Person X, die dir für diesen Beitrag Modell stand!

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  2. Hm, also wenn ich da an meine Bewerbungen nach Abschluss meiner Uni-Zeit Anfang der 90er Jahre zurück denke … Nein, da war nichts einfach. Es wurden 19jährige Bewerber mit 20 Jahre Berufserfahrung exakt auf dem Gebiet, das ausgeschrieben war, gesucht. Bei Blindbewerbungen war es auch nicht besser. Der Arbeitsmarkt war leer gefegt. Von über 100 Bewerbungen kam nur ein Bruchteil zurück … Ich schlug mich mit Gelegenheitsjobs durch. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss, denn irgendwann hatte ich richtig Glück und schickte zur richtigen Zeit eine Bewerbung an die richtige Stelle. Aber woher sollte ich wissen, dass derjenige, der mich damals eingestellt hat, sich den Papierkorb der Personalabteilung geschnappt hat und die Bewerbungsunterlagen selbst studiert und die Kandidaten zum Gespräch eingeladen hat?
    Es gibt jetzt bei uns zahlreiche eigentlich abgelehnte Bewerber, die inzwischen mindesten 15 Jahre Betriebszugehörigkeit auf dem Buckel haben und auch auf der Karriereleiter mehr oder weniger geklettert sind …

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  3. Ich finde das auch sehr frustrierend. Früher hätte ich nie Probleme, einen Job zu finden. Ich war jung, flexibel und gut in dem, was ich tat – die Arbeitgeber sprachen mich an, mündlich, und wir machten alles per Handschlag ab.

    Nun, mit Kindern unflexibel bin ich raus aus meiner Branche und muss sich Bewerbungen schreiben. 2 Antworten von 10 Bewerbungen … eine so hohe Quote hatte ich nicht. Es ist zermürbend und frustrierend die Warterei. Und schließlich auch die Erkenntnis, dass man nicht mal eine Antwort wert ist.

    Meinen Job jetzt habe ich übrigens zufällig bekommen. Mündlich, mit Handschlag.

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