Gern geschehen

Da spaziere ich mit dem Tochterkind und klein Ellie durch unsere Bundeshauptstadt Bern und mein Herz blutet. Dass in jeder Stadt Bettler unterwegs sind, ist mir durchaus bewusst. Diese entsprechen meist dem gängigen Klischee: Nicht gewaschen, versifft, ungepflegt, nach Alkohol stinkend, wackelig auf den Beinen und nicht selten mit ein oder zwei Hunden ausgestattet. Was uns aber jetzt passiert ist, lässt mich arg ins Grübeln kommen.

Da kommt eine kleine, ältere Frau mit grauem Haar (Mundart: ein Grosi) auf uns zu und fragt leise:
„Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“
„Aber sicher, bitte. Fragen Sie.“
„Hätten Sie wohl etwas Geld für mich, ich bin gerade sehr knapp bei Kasse?“
„Hilft Ihnen denn niemand?“
„Doch, schon – ich kann in den nächsten Tagen wieder etwas Geld holen. Aber im Moment reichts gerade nicht.“

Leute – wenn die Modepraline keine Worte mehr findet und Tränen in den Augen hat, dann braucht das doch ganz schön viel. Aber diese kleine, grauhaarige und sehr anständige Frau hat mein Weltbild in 10 Sekunden ins Wanken gebracht. Ich habe ihr selbstverständlich ein „Nötli“ (Geldschein) gegeben und ihr alles Gute gewünscht. Sie wollte noch wissen, ob wir hier ein bisschen spazieren gehen. Ich habe gesagt:
„Nein, wir gehen zum Abendessen und das können Sie jetzt hoffentlich auch.“

Ich hätte heulen können. Wie weit sind wir in unserem reichen Land, dass ältere Menschen Fremde um Geld bitten müssen, weil die Minirente nicht reicht? Klar, ihr habt recht, wenn ihr nun denkt, dass ich die Frau ja nicht kannte. Ich kenne weder ihren Hintergrund noch ihre Geschichte und ich weiss auch nicht, wofür sie das Geld wirklich brauchte. Aber sie hat mich so wahnsinnig an meine Oma selig erinnert und mein Bauch hat mir kein einziges Warnsignal gesendet. Ich bin mir nach wie vor sicher, dass sie ganz einfach Ebbe in der Brieftasche hatte und vermutlich gerne noch etwas eingekauft hätte – zumal sie eine leere Einkaufstasche bei sich trug.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich mal wieder übelst in die Nesseln setze, wage ich hier nun doch einmal die folgende Frage: Warum helfen wir mit x Millionen im Ausland und investieren unendlich viel Geld in die Integrationsarbeit von ausländischen Mitbewohnern, während unsere ältere Generation an Minirenten rumknabbern muss? Da verstehe ich die Welt nicht mehr…

24 Gedanken zu „Gern geschehen

  1. Ich finde das sehr traurig. Die Mütter von früher, die ihre Kinder großgezogen haben und wenig in die staatliche Rente (die man ja wahrscheinlich auch vergessen kann, wenn wir soweit sind) einzahlen konnten, müssen von Sozialhilfe leben und die reicht oft hinten und vorne nicht.
    Ich verstehe nicht, dass Menschen die nie einen Euro in unserem Land an Steuern bezahlt haben, herkommen und zum Arzt gehen können, ihr fünftes Kind im Krankenhaus bekommen (Kosten werden natürlich übernommen) und einen Anspruch auf eine Hebamme haben die Hausbesuche macht und bezahlt wird.
    Die eine Sozialwohnung zugewiesen bekommen.
    Die Oma und Opa und andere Verwandte nachholen, welche dann auch von Sozialhilfe leben.
    Also irgendwo hört jedes Verständnis auf.

    Und zu den Bettlern. In unserer Stadt treiben sich viele herum, hinkend und mit einem Becher in der Hand. Wenn man diese Leute nach ‚Feierabend‘ laufen sieht, hinken sie kein bisschen mehr (der Fuß wurde tagsüber nur in den abgeknickten Schuh gestellt) und sie sind auch nur arme Teufel die an der Sammelstelle im Kleinbus mit rumänischem Kennzeichen ihr erbetteltes Geld abgeben müssen.
    Noch schlimmer sind die, die ein kleines Kind mit sich herumtragen. Ich könnte manchmal heulen,aber die bekommen keinen Euro von mir.

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  2. Da verstehe auch ich die Welt nicht mehr…! Wäre schön, wenn man diese Geschichte unseren Politikern erzählen könnte, vielleicht würde doch dem einen oder anderen die Augen etwas mehr geöffnet werden, vielleicht…??

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  3. Wir werden definitv altersarm sein und Hilfe zum Lebensunterhalt im Alter beantragen müssen. Solange jemand meine Arbeit haben will, werde ich weitermachen – müssen – wenn körperlich und sonst möglich bis 70 oder darüberhinaus.

    Ich finde diese Aussicht nicht wirklich schön, denke aber auch, dass wir nicht verhungern müssen. Ob wir unser derzeitiges Dach über dem Kopf werden behalten dürfen, steht allerdings nch in den Sternen.

    Wenn mich ein „Bettler“ anspricht, überlege ich *ohne Ansehen der Person und egal, ob er oder sie ungepflegt ist, nach Alkohol riecht und ob oder ob nicht dem Klischee entspricht* einfach, ob ich es mir derzeit leisten kann, etwas abzugeben. Wenn ich der Meinung bin, dass ich das kann, tue ich das, wenn es bei mir selbst sehr knapp ist, was oft genug vorkommt, dann tue ich es nicht. Und ich tue das, ohne mahnenden Zeigefinger, und es ist mir egal, was sie oder er damt macht, weil ich kein Recht habe, zu urteilen. Ich kenne deren Situation und ihre Geschichte nicht, und auch dann wäre es mir egal. Wenn ich gebe, dann ohne Bedingungen.

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  4. Und das, was du hier beschreibst, ist jenes Problem, woran unsere Gesellschaft krankt. Die Verhältnismäßigkeit fehlt zudem in vielen Dingen.

    Es wird zu oft einfach über jene großzügig hinweggesehen, welche direkt vor den eigenen Füßen ein trauriges Dasein fristen müssen (auch trotz lebenslang getätigter harter Arbeit….FÜR die Gemeinschaft).
    Ich möchte hierzu aber nur explizit unverschuldet Benachteiligte zählen (dazu zählen für mich auch jene, die engagiert Arbeiten für einen Hungerlohn nachgehen, die sonst keiner machen würde).

    Sie weichen wohl so manches Mal einem vermeintlich hehreren Ziel*. Dabei sind alle Menschen gleich, sagt man. Warum werden dann aber manche übervorteilt (am besten noch ohne Zeichen von Dankbarkeit), andere im Gegenzug benachteiligt? Sollen das die Menschen noch verstehen können?

    Es gibt soziale Absicherungen. Darüber können wir uns glücklich schätzen. Man muss sich aber darum kümmern.
    Doch ist das die Lösung, wenn man ein Leben lang molocht hat und am Ende doch die Hand beim Staat bittsuchend oder sogar öffentlich bettelnd ausstrecken muss?
    Man beraubt damit betroffenen Menschen irgendwo ihrer Würde und ihres Stolzes. Das sollte man sich einmal vor Augen führen.

    Aber was zählt das schon gegen internationales Prestige (*), das man sich durch groß angelegte Projekte ergattern kann? Ich möchte nicht wissen, in wie vielen tiefen Löchern die Hilfsmittel und -gelder teilweise verschwinden!
    Am Ende haben weder die hiesigen Bedürftigen, noch die leidenden und ausgebeuteten Menschen in der Ferne etwas davon.
    ABER man hat sich ja mal wieder großzügig gezeigt….und schon ist die weiße Weste wieder rein gewaschen.

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  5. Hattest du nicht kürzlich mal in einem Beitrag geschrieben, es gäbe in der Schweiz keine Armut? Hatte ich nicht da schon gesagt, dass es sie durchaus gibt, man nur mal im „Handbuch Armut Schweiz“ der Caritas Schweiz nachlesen müsste (oder genauer hinschauen)? Ja, es tut weh und ja, es gibt diese Armut. Ganz oft auch im Versteckten, weil man sich in der Schweiz schämt, zuzugeben, dass man eben arm ist, dass das Geld (fast) nicht reicht. Geld regiert die Welt und es regiert auch unser Zusammenleben. Wenn du dir Dinge nicht einfach mal so leisten kannst, fällst du ziemlich schnell durch die Maschen und in die Einsamkeit. Du kannst nicht einfach mal so mit Freunden Kaffee trinken gehen, was essen gehen, etwas unternehmen – alles kostet und das meist ziemlich viel.

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    • Ja – die „Armut“, bei welcher man verhungernd, verdursten oder auf der Strasse leben MUSS, die gibt es in der Schweiz aber tatsächlich nicht. Das sehe ich nach wie vor so. Da sind wir nach wie vor ein Luxusland. Und drum tat es mir so leid, dass das Grosi betteln musste … wir sind ein saureiches Land und wenn jeder etwas abgeben würde, dann wäre das Gleichgewicht schon hergestellt. Das Problem liegt ganz einfach auch an unserer Mentalität: Jeder sitzt auf seinem Geld und will bloss nichts abgeben. Der typische Schweizer Geiz eben!!!

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  6. Mir tun solche Menschen auch unendlich leid 😔 Schön, dass Du ihr geholfen hast ❤️ Auch wenn man den Hintergrund vom „Grosi“ nicht kennt, ist es ihr bestimmt schwer gefallenen zu betteln. Leute, die nur von der AHV leben müssen, haben es wirklich schwer. Die Schweiz ist teuer und wenn man Miete, Krankenkasse und Steuern abzieht, bleibt wirklich nicht mehr viel zum Leben 😔 Klar kann man Ergänzungsleistungen beantragen, aber grosse Sprünge kann man damit auch nicht machen… Armes Grosi 😥

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  7. Das ist in Deutschland nicht anders….und betrifft nicht nur Ältere….auch Jüngere müssen zum Job noch etwas dazu verdienen, weil das Gehalt nicht reicht….der Zweit- oder sogar Drittjob gehört für viele zum Alltag….und die Altersarmut….oh weia…..die Prognosen sagen da nichts gutes voraus….

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