Was sagt man zu jemandem …

… der gemäss Arztdiagnose schwer krank ist? Das scheint ein schwieriges Thema zu sein, dessen ich mir nie bewusst war. Da ich keine Tabuthemen kenne und ziemlich unbeschwert auf jede/n zugehe, stellen für mich solche Situationen kein Problem dar. Ich erlebe aber mit meiner Familie gerade sehr, dass wir da offenbar eine Ausnahme sind. Die meisten Menschen scheinen sich schwer damit zu tun, jemandem „normal“ zu begegnen, der nicht nur an Schnupfen leidet. Warum eigentlich? Was ist so schwierig daran, einfach nur die normalsten Begrüssungen der Welt zu machen? Beispiele gefällig?

„Hey, schön Dich zu sehen.“

„Hallo, wie geht’s Dir?“

„Oh, was hab ich da von Dir gehört? Wie fühlst Du Dich?“

Na Du, auch unterwegs – wie läuft’s bei Dir?“

Zur allgemeinen Beruhigung: Es gibt keine richtigen oder falschen Sätze. Es gibt überhaupt kein RICHTIG oder FALSCH. Aber eines ist sicher – es ist alles besser, als jemandem einfach aus dem Weg zu gehen, bloss weil man nichts weiss, was man sagen soll. Totaler Blödsinn. Krankheiten sind so alt wie die Menschheit. Und sie sind auch genauso vielfältig. Es ist auch nicht relevant, ob man jemandem eine Krankheit ansieht, oder nicht. Tatsache ist aber, dass die Strategie des „Aus-dem-Weg-Gehens“ einem Menschen kein gutes Gefühl gibt. Im Gegengteil. Ein normales Verhalten ermöglicht ein annähernd normales Leben, egal wie krank man ist. Eigentlich total logisch und einfach. Wenn das Umfeld sich auf einmal völlig atypisch zu verhalten anfängt, dann muss sich ein Betroffener fühlen, als ob er die Pest hätte.

Die Angst, sich falsch zu verhalten oder etwas falsches zu sagen, ist völlig unbegründet. Ein Mensch mit einer Krankheitsdiagnose ist sehr wohl in der Lage zu sagen, wie er sich gerade fühlt. Und wenn er nicht reden mag, wird er das signalisieren. Wer also nicht gerade wie ein totaler Kühlschrank durch die Welt geht, kann gar nichts falsch machen. Und die einzigen Kühlschränke, die ich in der letzten Zeit kennengelernt habe, waren leider Ärzte. Viele, dieser hochdotierten Wundermenschen haben die Empathie einer Banane und sehen im Patienten nicht einen Menschen, sondern eine Krankenakte mit einer Nummer. Es gibt Ausnahmen – aber eben: Das sind tatsächlich Ausnahmen.

Und sonst: „Hallo, schön Dich zu sehen“, ist NIE falsch. Das kann es gar nicht sein!

21 Gedanken zu „Was sagt man zu jemandem …

  1. Ich gehe davon aus, dass viele (womöglich nicht alle) Ärzte diese- nennen wir sie- neutrale Position zu ihren Patienten einnehmen, um nicht von jedem tragischen Einzelschicksal selbst vereinnahmt zu werden. Die distanzierte Professionalität wirkt sicher unterkühlt, dient aber auch dem Selbstschutz.

    Für den Patienten ist das natürlich nicht schön und etwas mehr Einfühlsamkeit stünde dem einen oder anderen Arzt, Mitmenschen oder wem auch immer mit Sicherheit ganz gut zu Gesicht.
    Doch am Ende sind es alles nur Menschen, die sich auch einfach nur unsicher fühlen können.

    Man darf jedoch gleichwohl nie den Menschen hinter der Krankenakte bzw. einer schlimmen Diagnose ausblenden.

    Am Ende gleicht ein solcher Schicksalsgang einem Ritt auf der Klinge…für alle Seiten. Mit „Ausblenden“ und „sich aus dem Weg Gehen“ aus Angst vor einem sich unangenehm berührt Fühlen ist jedoch definitiv niemandem geholfen.

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  2. Die Schwierigkeit mag damit zu tun haben, dass man daran erinnert wird (und nicht werden mag),dass man im Prinzip jederzeit selbst betroffen sein könnte.
    Und ja, „normal“ ist völlig aureichend. Es gibt in der Tat viel richtig und wenig falsch. Etwas Falsches gibt es aber in jedem Fall, das wirklich die allermeisten, die ich aus der Selbsthilfe kenne völlig daneben finden, nämlich: „gute“ Ratschläge wie „die Bekannte meiner Schwippschwägerin hatte das auch mal, und bei der hat immer xxxx geholfen“ „hast Du schon mal von Wunderdoktor xxxx gehört?“ etc. Braucht man nicht, niemals!
    Und so Sachen wie „Wird schon wieder“ oder „Frau xxx hat das auch ganz prima weggesteckt“ sind auch daneben.
    In Ordnung und ein guter Aufhänger finde ich z.B. „Magst Du mal erzählen, wie es dir geht?“ (dann sollte man aber auch wirklich ernsthaftes Interesse haben!) Wenn die Person nicht mag, wird sie das schon sagen, ansonsten sind viele Betroffene froh, wenn sie mal drauflos erzählen dürfen und ihnen jemand wirklich zuhört.
    Konkrete(!) Hilfe anbieten ist auch nicht schlecht, aber auch nur, wenn man auch wirklich bereit ist, das auch zu leisten. Beim Arztbesuch begleiten, bei Dingen helfen, die grad nicht so gut von der Hand gehen etc. Mal überlegen, was würde mir gut tun, wenn’s mir nicht wirklich gut geht.

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  3. Eine liebe Freundin von mir hat auch eine niederschmetternde Diagnose bekommen und ich muss leider zugeben, dass eine gemeinsame Freundin und ich auch tatsächlich nicht wussten, wie wir uns verhalten sollen, was wir sagen sollen, was wir fragen sollen, wie wir mit ihr umgehen sollen…

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  4. Es ist leider nicht so einfach. Nicht jeder reagiert gleich. Es gibt durchaus Kranke, die die Frage „Wie geht es dir?“ nicht hören können. Oder Schlaflose, die nicht mehr hören mögen, dass jemand fragt, wie ihre Nacht war. Andere hingegen hoffen darauf.

    Oft hat man Erfahrungen gemacht – man fragte die falsche Frage oder aber kriegte die falsche Frage gestellt. Beides macht vorsichtig. Man möchte kein Öl ins Feuer giessen. Aber ja: Rückzug ist der denkbar schlechteste Weg. Der einfache Satz „schön, dich zu sehen“ sollte eigentlich immer gehen. Allerdings hat vielleicht auch nicht jeder die Kraft, sich gewissen Dingen zu stellen. Vielleicht, weil es ihm grad selber nicht soooo gut geht?!

    Das Thema ist schwierig. Leider. Je tiefer man drin ist, desto schwieriger. Ich weiss leider, wovon ich spreche. Aber: Das ist wohl das Leben. Irgendwie.

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  5. Es ist oft schlichtweg Angst, die Menschen davon abhält, zu reagieren. Angst davor, dass es ihnen selbst passieren könnte, so aus der Bahn geworfen zu werden. Angst, erkennen zu müssen, dass das Leben auch so was bereit hält.
    Unsere Gesellschaft neigt dazu, Themen wie schwere Krankheit oder gar Tod auszublenden. Das ist schade, denn wenn ich jemandem, der einen schweren Schicksalschlag erleidet, offen begegne, kann ich selber viel lernen. Über das Leben. Lässt euch nicht entmutigen sondern geht weiter offen mit der Krankheit um. Liebe Grüße Kat.

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  6. Ja, unbefangen aufeinander zugehen. Egal ob krank oder gesund.
    Und das mit den Kühlschränken, das unterschreib ich zu 200%. Es gibt Ausnahmen, korrekt. Meist sind das die Hausärzte, also die, die einen wirklich kennen. Ja, und dann gibt es eben die Fließband-Ärzte, bei denen du einen Termin in x Wochen bekommst, und dann ewig im Wartezimmer sitzt, um dann in 15 Minuten abgefertigt zu werden. Das ist meist ein klares Anzeichen für Kühlschrank oder nicht Kühlschrank.
    Aber es geht noch schlimmer. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sehr oft schlimmer die Behörden und deren Mitarbeiter sind. Da zählt der Mensch fast nichts …. nur die §§ sind dort wichtig. Hauptsache man bringt den Akt vom Tisch.

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  7. Ja Daniela, es gibt ein paar wenige Ausnahmen aber die sind absolute Raritäten und wohl vom aussterben bedroht! Tut mir leid, dass ihr schon nach relativ „kurzer“ Zeit auf der Achterbahn auch diese traurigen und schmerzhaften Erfahrungen machen müsst! Es tut einfach nur weh und macht unendlich traurig! Mein Mann hat gesagt abgesehen vom Wetteralarm und meiner Frau bleibt mein Handy stumm. Bis auf ganz wenige Ausnahmen hatten sich alle zurückgezogen und darunter hat er sehr gelitten.
    Ich hoffe ihr müsst das nie erleben!
    Viel Kraft und Hoffnung und eine liebe Umarmung für euch VIER!

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    • Meine Liebe – ich weiss, was ihr durchmachen musstet. Und ja, ich hoffe, dass uns das erspart bleibt. Unsere Familie und unsere Freunde sind prima – ich habe diesen Beitrag eher für die Bekannten oder entfernt Bekannten geschrieben, die nicht so recht wissen … ob … und wie …. und überhaupt! Wir machen sonst ausschliesslich gute Erfahrungen mit unserem Umfeld und werden unglaublich getragen, wirklich! Ich drücke Dich! 🙂

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  8. Auf beiden Seiten herrscht Betroffenheit….jeder Mensch drückt sie halt anders aus….und ist es nicht irgendwie wie ein neues Annähern…wo jeder mal schnell Gefahr läuft etwas zu sensibel aufzunehmen….weil eben die Wahrnehmung eine andere ist, wie Du im letzten Beitrag so schön beschrieben hast….auch der Mensch mit der Diagnose sollte vielleicht mal auf die verunsicherten Mitmenschen zugehen…denn nichts ist plötzlich mehr wie es mal war…stell zehn Menschen nebeneinander….jeder geht auf seine Art damit um….hüben und drüben….und es gibt verschiedene Phasen des Akzeptierens bzw. im Alltag damit umzugehen….hüben und drüben….das was zwei Menschen sich am Anfang der Diagnose annähern kann schon kurze Zeit später ganz anders sein….

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      • Sehe ich auch so….und doch ist es nicht einfach….einer braucht das ganz normal Alltagsgeschehen um darin Halt zu finden….ein anderer zieht sich erstmal zurück….wieder ein anderer macht total sogenannte „verrückte“ Dinge…einer verdrängt….einer ertrinkt alles im Alkohol….und dann finde mal heraus was jemand grad gebraucht….genau deshalb ist eine offene Kommunikation wichtig, ja….und ich behaupte das genau diese Kommunikation bei den meisten Menschen nicht etabliert ist….wie soll es da in Krisenzeiten funktionieren….

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