Es geschehen noch Wunder und Zeichen …

… die nützen unserer Seele zwar nichts mehr, vermeiden hoffentlich aber Narben an anderen Seelen.

Die Krankengeschichte von meinem herzallerliebsten Göttergatten begann für uns mit einem traumatischen Erlebnis. Uns wurde nämlich die fiese Krebsdiagnose nach der Untersuchung in einer Privatklinik einfach so im Vorbeigehen an den Kopf geworfen. Und anstatt einer anschliessenden Betreuung kamen wir zu einem Arzt auf die Notfallstation, der an einer Profilierungsneurose zu leiden schien und derart überzogen und ohne jegliche Empathie auf uns rumtrampelte, dass wir die Welt nicht mehr verstanden. Zudem warf er mit Diagnosen und Prognosen um sich, die sich weder bewahrheiteten, noch erklären liessen. Und dazu hatte er immer ein munteres Lachen drauf. Jeden Einwand von mir wollte er augenblicklich widerlegt wissen – obwohl sich all meine Einwände anschliessend als richtig herausstellen sollten. Er schaffte es, uns in null Komma nix ins Nichts zu katapultieren und der Satz, der mich danach wie eine Irre autofahren liess, wird nie wieder aus meinem Kopf verschwinden: „Gehen sie mal ganz schnell nach Hause und holen sie die Sachen ihres Mannes – den kann ich ohne Ambulanzfahrzeug nicht mehr rauslassen, der erstickt uns vermutlich sonst.“

So begann vor knapp fünf Monaten unser Leben auf dem Onkoplaneten und es ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung. Es hat eine Weile gedauert, bis ich dieses traumatische Erlebnis von damals in Worte fassen konnte. Vor ein paar Wochen habe ich es aber endlich geschafft und habe dieses Trauma in Textform an die Klinikleitung geschickt. Kurz darauf bekam ich eine E-Mail, in welcher mir mitgeteilt wurde, dass dieser „Sache“ nachgegangen werde. Eigentlich dachte ich ja, dass ich vermutlich nie wieder etwas von der Klinik hören würde. Falsch gedacht: Heute hat mich der Leiter besagter Notfallstation angerufen und sich für das Schreiben bedankt. Danach hat er sich gefühlt 100 mal sehr nett und mit echtem Bedauern für dieses üble Vorgehen entschuldigt. Er hat uns eingeladen, persönlich die Entschuldigung in aller Form in der Klinik entgegenzunehmen. Das habe ich aber dankend abgelehnt … ich kann dort keinen Fuss mehr reinsetzen … mir zieht sich der Magen schon beim Fahren in diese Richtung zusammen. Ich habe aber noch nie einen Arzt am Telefon gehabt, der über das Vorgehen in seiner Abteilung derart erschüttert war und der ernsthafte Kritik an seinem Berufskollegen ernst nahm. Da verschiedene Ärzte involviert waren, wies ich ihn auch darauf hin, dass er gerne Rücksprache mit all den Betroffenen nehmen dürfe. Ich gehe davon aus, dass dies im Vorfeld geschehen sein muss. Er meinte aber nur: „Ich brauche das gar nicht, ich glaube ihnen jedes Wort und werde entsprechende Konsequenzen ziehen.“

Auch wenn dies meinen Göttergatten nicht gesund macht, so haben wir damit doch mindestens erreicht, dass künftigen Patienten mit schweren Schicksalen dieser Umgang erspart bleibt. Und ich ziehe den Hut vor der Grösse dieses Arztes, der sich absolut schämte für seinen Kollegen und sich dafür mehr als einmal entschuldigte. Es gibt sie also doch, die netten Menschen im weissen Kittel. Und ich wünsche allen, die einmal mit einer solchen Situation konfrontiert werden, dass ihnen ein Arzt mit viel Empathie und Fingerspitzengefühl entgegentritt. Alles andere ist einfach nur total daneben und darf nicht passieren.

11 Gedanken zu „Es geschehen noch Wunder und Zeichen …

  1. Kommt mir so verdammt bekannt vor. Ich war vor einem halben Jahr mit meinem Mann im Spital-Notfall. Eine der ersten Fragen des schnöseligen Assistenz-Ärztchens war doch glatt, ob mein Mann im Falle eines Herzstillstandes wiederbelebt werden wolle. Das war wohl genau das, was man als Patient und Angehörige hören will, wenn man wegen starker Bauchschmerzen und allgemeinem Unwohlsein Hilfe sucht. 😦

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  2. Ich finde es ganz toll das Du dich „gewehrt“ hast. Das du den Mut hattest zu sagen, was Dir damals (und auch heute nicht) gepasst hat!
    In so einer Zeit fehlt es den Patienten oft selber, und auch den Angehörigen (die in dieser Zeit zwar nicht krank sind, aber selber unter großer Belastung stehen) an Kraft und manchmal auch an Mut etwas gegen solche Ärzte zu sagen.
    Was mir persönlich aufgefallen ist, das es vielen „Halbgöttern“ in weiß schlicht und ergreifend an Empathie fehlt. Für jemandem, der den Menschen helfen möchte, untragbar!

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  3. Meine Stiefmutter ist an Krebs gestorben. Von dem, was ich mitbekommen habe: einige Ärzte verlieren das Auge für den Mensch, das Individuum, der vor ihm steht, mit all seinen Ängsten und seiner Einzigartigkeit. Und der Betroffene kann sich selber nicht gut wehren. Danke, dass Du etwas gesagt hast. Auch das braucht Kraft, in einer Zeit, wo es an Kraft mangelt.
    Sei herzlich gegrüßt. Priska

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  4. Ich wurde in der Krankenhauszeit​ von den Schwestern (schon fast angefleht) gebeten, meinen Frust über die Betreuung/den offensichtlichen Geldmangel doch an die Klinikleitung zu richten etc. „weil das ja sonst niemand macht“ etc ^^ wäre ich da auch Mal so am Ball geblieben wie du 🙂

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