Drei Jahre Leben!

Auf den Tag genau heute (am 12. November 2016) jährt es sich zum dritten mal, dass wir bei einem medizinischen Check aus heiterem Himmel gesagt bekamen:

„Frau Jäggi, es tut uns leid, aber ihr Mann wird das Krankenhaus nicht mehr verlassen können. Er hat einen riesigen Tumor im Kopf. Es wäre gut, wenn sie seine Sachen zu Hause holen könnten und alles, was nicht geregelt ist, sollten sie so schnell wie möglich einfädeln. Das sieht gar nicht gut aus.“

Ich erinnere mich noch heute an das Gefühl des freien Falls; als ob der Boden sich öffnen und man endlos fallen würde. Mein Magen zog sich zusammen, mir wurde schlecht und ich sass da, total durcheinander und versuchte, nicht umzukippen. Und dann meinte besagter Arzt ganz sachlich:

„Wenn sie sich wieder gefangen haben, dann wäre es gut, wenn sie das ihrem Mann sagen könnten. Der weiss nämlich noch nichts – der kommt gleich aus der Untersuchung und es ist am besten, wenn sie ihm das sagen.“

Ich habe mich weder gewehrt noch diese Aussage hinterfragt. Ich habe einfach auf Funktionsmodus geschaltet und dem Mann im weissen Kittel geglaubt, dass das so am besten sein würde. Was man mir damit für eine Aufgabe übertragen hat, das weiss ich erst rückblickend. Und dass das nicht fair war, das ist mir auch im Verlauf der Monate erst klar geworden.

Fakt ist aber: Nach unfassbar vielen falschen Aussagen, nach Operationen, welche die Tragweite der Krankheit erst recht gezeigt haben (der effektive Primärtumor war nämlich nicht der im Kopf, da gab es noch einiges mehr), nach verzweifelten Versuchen, das Unfassbare irgendwie fassbar zu machen, hat mein Göttergatte entschieden: „Ich gebe nichts auf diese Statistiken und Prognosen. Ich schreibe meine eigene Statistik!“

Und DAS hat er nicht nur getan, er tut es immer noch. Drei Jahre nach Diagnose einer tödlichen Krankheit sind wir heute an einem Punkt angekommen, an welchem die Medizin sich auch nicht mehr so genau erklären kann, wie er so weit kommen konnte. Und das Leben auf dem Onkoplaneten ist auch sehr oft schwierig und macht müde und manchmal auch verzweifelt. Aber: Es gibt tatsächlich keine Statistik mehr, in welche er passen würde. Er hat inzwischen seine eigene geschrieben. Die Ärzte können sich weder auf ähnliche Fälle noch auf Lektüren stützen – es gab und gibt bislang keinen ähnlich gelagerten Fall, der nach drei Jahren noch gelebt hat.

Was wir in diesen drei Jahren alles gemeinsam als Familie stemmen mussten, ist viel. Was wir dadurch aber alles gewinnen konnten, ist noch viel mehr. Es sind drei Jahre Lebenszeit, mit denen wir damals nicht gerechnet haben. Es sind sehr viele Erlebnisse, Genussmomente, Reisen und das Highlight, eine Enkelin bekommen zu dürfen. Wer hätte das damals gedacht?

Unser Onkologe sagt immer: „Die Medikamente und die Medizin sorgt für einen kleinen Teil – der viel grössere Teil passiert im Kopf und mit der Einstellung des Patienten.“ Ja, da hat der Göttergatte tatsächlich das Steuer mit seiner unfassbar positiven Lebenseinstellung immer wieder rumgerissen, wenn es erneut eng wurde. Wir haben uns alle verändert, haben viel gelernt und sind noch näher zusammengerutscht. Tatsache ist und bleibt aber: Auch wenn es noch so ausweglos scheint; auch wenn man euch sagt, dass ihr nur noch wenige Wochen habt; auch wenn ihr denkt, dass ihr bereits verloren habt — es ist erst zu Ende, wenn ihr den letzten Atemzug getan habt. Und DIESEN Tag kann und darf euch keiner prognostizieren. Das ist unseriös und nicht fair! Lasst euch von den weissen Kitteln nicht in Angst und Schrecken versetzen. Jeder gelebte Tag ist ein Tag mehr, an welchem ihr Erlebnisse mitnehmen und Erinnerungen im Herzen einschliessen könnte.

Ich hoffe, dass wir noch ein Stück Lebensweg zusammen gehen können – denn auch ich sage heute: Meinem Göttergatten und persönlichen Helden traue ich alles zu! 🙂

26 Gedanken zu „Drei Jahre Leben!

  1. Mich hat deine Geschichte sehr berührt. Es freut mich so, dass es für euch diese 3 Jahre (und hoffentlich auch noch viele, viele weitere Jahre) gibt. Für unseren geliebten Verwandten ist es leider nicht so gut ausgegangen. Er hätte gerne noch ein paar Jahre mit uns verbracht. Doch seine Kraft reichte nur für ein paar Monate.

    Ich glaube, es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Und wenn bei euch viele Positive zusammenkommen, freut mich das sehr.

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    • Das tut mir leid für euch und JA, Du hast sowas von recht – es ist ein Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren und man kann nicht sagen, was richtig und falsch ist. Es gibt ganz viele tapfere Kämpfer da draussen, die ihren Kampf ganz schnell verlieren, obwohl sie noch weiterleben wollten. Krebs ist ein Arschloch, das ist Fakt – und er folgt keiner Logik! Alles Liebe für Dich 🙂

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  2. Hey Ihr zwei Liebe

    genau denn wenn meh sone Prognose bechunnt, genau denn muess meh s’eigete Stüür umeriesse und kämpfe.
    By all denne Therapie wo sie eim verschriebe muess me mitem innere Wille drah goh und sege:

    „ich schaff das…i will das“

    Aber jo nie dr Gedanke ha:
    „mol luege obs öppis nützt..“
    will, denn het meh verlore…!!

    Es lohnt sich immer z kämpfe,,und dr Körper cha viel meh,als was meh ihm zuetraut.

    Uf wietteri interessanti Täg Wuche Mönet Johr und Johrzänt

    Und Daniela, Du hesch dr Dani mit dine Mallorca Ferie so duurenand brocht. I glaube genau drumm het er dr Kampf uf sich gnoh um z’luege, was du noh alles astellsch, wo für Di früehner nid denkbar gsy isch…Du bisch halt au Überraschigschischte und drumm müesse/dörfe mir dir no lang zueluege

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  3. Liebe „Modepraline“

    dein Artikel heute kommt wie ein Geschenk des Himmels!! Heute Abend kommt eine Klientin zu uns, die mit Krebs im Endstadium von den Ärzten aufgegeben wurde. Ich weiss noch nicht, ob wir bei ihr etwas bewirken können, aber alleine dass sie sich auf den Weg macht heisst ja schon etwas. Gerne werde ich ihr deinen Bericht, der mich sehr berührt, zu lesen geben und dann schauen wir weiter.

    euch weiterhin alles Gute und viel Kraft auf eurem gemeinsamen hoffentlich noch langen Weg

    Herzliche Grüsse Christiane Alfes

    Inside&Outside Wellness GmbH Industriestrasse 40 8112 Otelfingen

    co2trockenbad@gmail.com

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  4. Vor einem Jahr habe ich diese Zeilen geschrieben: „ Ich wünsche Euch weiterhin viel Zuversicht und Kraft und hoffe ganz fest, in einem Jahr am 12. November zu lesen: „3 Jahre ist es her und es geht meinem Göttergatten immer besser und besser!“ ♥️👼🏼♥️“
    …nun ist dieses Jahr vorbei und ich kann es kaum erwarten, 2020 zu lesen 4 Jahre ist es her und im Jahr darauf 5 Jahre, usw. und es geht Deinem wundervollen Kämpfer noch immer gut und ist voller Lebensfreude 👼🏼🍀👼🏼

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  5. „Unsere“ Diagnose bekamen wir in einer Rumpelkammer, von einem Radiologen,
    „Sie haben XY. Sie zwei schaffen das schon.“, und dann mussten wir auch schon wieder raus aus der Rumpelkammer, der nächste Patient wartete!
    UNFASSBAR so ein Verhalten.
    Zum Glück ist er ebenso Positiv wie dein Mann, läßt sich in nichts stecken, schon mal gar nicht in eine Statistik und vorschreiben wie etwas zu laufen hat, war noch nie sein Ding!

    Ich wünsche Euch alles erdenklich Schöne, Liebe und Gute!!!!

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