Welches Jahrhundert schreiben wir?

Ich hatte gestern das Vergnügen, eine liebe Freundin in ihrem Modegeschäft zu besuchen. Und weil ich einfach nicht aus meiner Haut schlüpfen kann, fange ich bei hoher Kundenfrequenz automatisch zu beraten an. Das passiert mir immer mal wieder. Man nennt das wohl „Déformation professionnelle“.

So geschah das auch gestern, mit viel Freude und Spass, aber auch einmal mehr mit einem ganz schrägen Erlebnis:

Ein junges Ehepaar betritt das Damenmodegeschäft. Es scheint um Oberteile für die Frau zu gehen – dies tut der Mann schon beim Eintritt laut kund. Sie steht etwas verloren zwischen den Auslagen, während er entscheidet, was sie anzuziehen hat. Bislang hören wir von ihr kein Wort.

Er schiebt sie mit seiner Auswahl in die Kabine, zupft anschliessend an ihr rum, erklärt ihr ausführlich, warum etwas gut oder schlecht aussieht und prüft mit einem vermeintlich ausgeprägten Fachblick jedes Teil auf dessen Beschaffenheit und Qualität. Macho-Man führt sich auf, als ob er gerade von der Mailänder Modenschau käme, trägt aber selber dreckige Schuhe, eine Wanderjacke und eine verfilzte Mütze. Er fragt sie bei jedem Teil: „Verstanden? Willst Du es haben?“ Sie nickt oder schüttelt den Kopf – das war es dann aber auch schon.

Ich schaue dem Treiben zu und beisse mir fast die Zunge ab. Ich möchte die Frau gerne in den Arm nehmen und dann schütteln. Ich möchte ihr sagen, dass sie doch bitte selber für sich reden soll – aber das steht mir nicht zu. Ihn möchte ich anschreien. Ich möchte ihm sagen, dass wir das Jahr 2023 schreiben und er gefälligst seine Frau selber entscheiden lassen soll. Innerlich schreie ich – die ganze Zeit. Aber der Macho-Man merkt von all dem nichts. Sind ja auch ausschliesslich Frauen im Geschäft – also definitiv nicht seine Augenhöhe 😦

In meinem Magen macht sich ein eine Ansammlung von Säure breit und ich bekomme Würgreflex bei jeder seiner unmissverständlich frauenfeindlichen Äusserung. Die beiden sind so jung und ich so dermassen entsetzt.

Diese Art von toxischen Beziehungen scheint es leider in unserer Gesellschaft nach wie vor zu geben. Was ist so schwierig daran zu verstehen, dass jeder Mensch das Recht hat, seine eigene Meinung und seine Wünsche zu äussern? Woher nehmen sich manche Menschen das Recht, anderen ihre Denkweise aufzuzwingen und ihnen dabei das Gefühl zu geben, dass dies absolut normal sei?

Ich bin ziemlich nachdenklich nach Hause gefahren und habe mich gefragt, wie man solche Menschen – in diesem speziellen Fall diese Frau – dazu bringen könnte, selber Worte zu finden und sich nicht mehr zurückbinden zu lassen. Fragen über Fragen. Und dabei kam mir noch die hässliche Eingebung, dass genau solche falschen Leadertypen nicht selten jene sind, die hinter verschlossener Türe zuschlagen, weil sie in Wahrheit winzig klein sein …

Grässlicher Gedanke! 😦

P.S.: Habe ich schon erwähnt, dass die beiden zwei kleine Kinder dabei hatten, die ich bei Laune hielt und die von Papa immer wieder korrigiert und vorgeführt wurden – weil die Mama auch da kein Wort sagen konnte?

3 Gedanken zu „Welches Jahrhundert schreiben wir?

  1. Das fällt mir auch immer öfter auf – und es wird schlimmer. Ich habe das Gefühl, dass es Typen gibt, die meinen „Ich schaffe das Geld hem, ich bestimme, wie es ausgegeben wird“. Keine Ahnung, warum die Frau nicht aufmuckt. Zumal sich auf TikTok und Co ein Trend breitmacht, der „Stay at Home“ Girlfriend als neue, alleinseligmachende Lebensform vorgestellt wird: sie bleibt daheim, kümmert sich um ihre Optik, ein schönes Heim und das Essen, er zahlt dafür ihr Leben. Dass das völlig bescheuert ist, würde ich vielen Mädchen auch gerne entgegenschreien.

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